Erinnerung wichtiger als Entschuldigung

Von Elzbieta Poludnik
Rzeczpospolita vom 18.05.2004

„Über die Köhlers läßt sich heute kaum etwas sagen. Sie waren wohl keine bösen Menschen“, so erinnert man sich in Skierbieszów an die Familie des künftigen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, der hier das Licht der Welt erblickte. Für Skierbieszów, den Geburtsort des Bundespräsidenten, begann sich die deutsche Presse vor einigen Wochen zu interessieren. Bei dieser Gelegenheit tauchte auch das Thema der Aussiedlungen aus der Region
Zamość auf. Bislang haben im Grunde nur Historiker den Blick darauf gerichtet. Im Morgengrauen des 27. Novembers 1942 zog auf Umwegen Richtung Zamość eine Schlange der aus ihren Häusern vertriebenen Einwohner von Skierbieszów. Zur selben Zeit kamen auf einem anderen Weg von Zamosc Wagen mit deutschen Siedlern, die in die Häuser der Einwohner von Skierbieszów einziehen sollten. Unter ihnen waren auch die Eltern Horst Köhlers, des künftigen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland.


Generalplan Ost

Nach Skierbieszów kamen 72 Familien aus Schlesien, Serbien, Kroatien und Rußland. 31 Familien stammten aus dem rumänischen Bessarabien, das aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes den Sowjets zugefallen war. Unter den Ausgesiedelten aus Bessarabien waren auch die Köhlers. „Die Deutschen aus dem Reich wären in unsere Häuser nicht eingezogen. Ihre eigenen hatten einen viel besseren Standard als unsere. Deshalb mußten sich die Nationalsozialisten nach Volksdeutschen und Deutschen aus anderen Ländern, so wie diesen in Bessarabien, umschauen“, sagt Janina Smusz, Nichte Józef Weclawiks, dessen Bauernhof von den Köhlers eingenommen wurde. „Die Felder waren bereits im Herbst bestellt worden, die Kornkammer waren voll, als sie kamen, da war schon alles fertig“, fügt sie hinzu. Die Köhlers bekamen den Bauernhof mitten im Dorf unweit der Schule zugeteilt. Ein großes Holzhaus mit Veranda, Wirtschaftsgebäuden, Obstgarten und Binnenstand mit 20 Bienenstöcken. Heute gehört das Gut schon anderen Besitzern. Es erinnert nicht an das Gut von 1942. Die Häuser sind gemauert, in den Folientunnel wird Gemüse angebaut. Von dem früheren Obstgarten und dem Bienenstand keine Spur. „Als wir von der Zwangsarbeit in Berlin zurückkamen, da lebten nur noch die Bienen. Alles war niedergebrannt“, erinnert sich Zygmunt Weclawik, ein Enkel Józefs. Ein Teil seiner Angehörigen kam in Auschwitz ums Leben. Er arbeitete in der Munitionsfabrik von Otto Linnemann in Berlin. Er war damals 16 Jahre alt. „Wir stellten Granaten her. Die leichteste Aufgabe bestand darin, kleine Flügel an die Geschosse anzuschrauben. Wir arbeiten in Wechselschicht zwölf Stunden lang. Wir bekamen dafür ein Stück Schwarzbrot, einen Becher Kaffee und eine Schüssel wäßriger Suppe aus Kohlrüben zu Mittag“, erinnert sich Zygmunt Weclawik.


Der Generalplan Ost sah [unter anderem ] vor, daß das östliche Grenzgebiet der von Nazideutschland besetzten Gebiete von der einheimischen Bevölkerung „gesäubert“ und mit Deutschen, die aus anderen Ländern ausgesiedelt worden waren, besiedelt wird. In der Region Zamosc zwangen die Nationalsozialisten über 110.000 Menschen aus fast 30 Dörfern dazu, ihre kleine Heimat zu verlassen. Die meisten von ihnen wurden in Arbeitslager in Deutschland oder nach Auschwitz deportiert. Aus der Region
Zamość wurden außerdem 30.000 Kinder verschleppt. Ein paar Tausend von ihnen kamen nach Deutschland, wo man sie zu germanisieren versuchte. „Bereits 1940 wurden alle Kinder unter dem Vorwand, ärztliche Untersuchungen durchzuführen, in einer Schule zusammengeführt. Eine spezielle Kommission schaute sich die Kinder an, untersuchte sie und vermerkte deren Augenfarbe. Wir wußten damals noch nicht, daß es dabei darum ging, eine Liste mit Kindern, die nordische Körpermerkmale aufwiesen, anzufertigen“, erzählt Janina Smusz.

Nachbarn seit Generationen

Skierbieszów ist heute, wie vor dem Zweiten Weltkrieg, Sitz der Gemeinde. Die Gegend ist wunderschön. Es gibt hier einen Naturpark. Weite, malerische, bewaldete Hügel der Grabowieckie-Dämme/Wälle machen diese Landschaft nicht nur aus touristischer Sicht attraktiv. Die Schwarzerde und der Löß gehören zu den fruchtbarsten Böden in ganz Polen. Die Entscheidung, deutsche Familien in der Region Zamość anzusiedeln, wurde noch aus einem anderem Grund nicht rein zufällig getroffen. „Die Besitzer des Ordinariats von Zamość haben hier vor Jahren mehrere Dutzend deutscher Familien angesiedelt, um die Agrarkultur des Dorfes zu erhöhen“, sagt Dariusz Piekut, der stellvertretende Gemeindevorsteher und Lehrer einer lokalen Schule. „Sie lebten hier seit fast 200 Jahren. Sie kannten die Sprache und die Gegend.“ „Uns liegen Informationen vor, wonach die Deutschen bereits vor dem Krieg unter dem Vorwand, ethnographische Untersuchungen durchzuführen, überprüfen wollten, inwiefern die deutschen Kolonisten ihr nationales Bewußtsein bewahrt haben. Niemand ahnte damals, daß es sich dabei um erste Vorbereitungen zum Generalplan Ost handelte“, fügt Gemeindevorsteher Mieczyslaw Barton hinzu.
Einige der Deutschen, die sich in der Region
Zamość niedergelassen haben, verfügten über mehrere Dutzend Hektar Land. Ein Teil von ihnen hat die Liste der Volksdeutschen nicht unterschrieben, obwohl sie deutsche Namen hatten und ihre Herkunft für alle offenkundig war. Sie befanden sich jedoch in der Minderheit. „Ihr Schicksal war ebenso tragisch wie unser eigenes“, erinnern sich die ältesten Einwohner des Städtchens. Vor dem Krieg waren die Nachkommen der deutschen Kolonisten gute Nachbarn. Sie lebten hier seit Generationen, und viele waren mit Polen auch befreundet. Stanislaw Weclawik, der Vater Janina Smusz’, war vor dem Krieg der Gemeindevorsteher von Skierbieszów. Er unterhielt freundschaftliche Kontakte mit einem hier seit Generationen ansässigen Deutschen, der während des Krieges [...]
„Er war Taufpate meiner Schwester Salomea. Und mein Vater hielt wiederum dessen Sohn über die Taufe. Die damals 14jährige Schwester war Gefangene in Auschwitz, der Patensohn des Vaters wurde hingegen ein Gestapo-Mann. So sah unsere Geschichte aus“, erinnert sich Janina Smusz. Der Deutsche schickte seiner Patentochter 40 Mark nach Auschwitz. Die Wächter wollten ihr das Geld nicht geben. Die Lagerverwaltung beschloß, daß sie dafür eine Schüssel marinierter Schnecken bekommen könne. „Sie waren schrecklich sauer und salzig, aber meine Schwester erinnerte sich, daß sie sie alle, bis auf die Letzte, aufgegessen hatte“, erzählt Janina Smusz. Nahezu jede Familie in Skierbieszów könnte ihre eigene Geschichte aus Auschwitz erzählen. Nahezu jeder verlor in [diesem oder einem anderen,
Stelle nicht eindeutig – P.N.] Lager irgend jemanden. Sie gedenken ihrer Großväter, Onkel oder Cousins. Sie sagen, jene, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden, hätten „Glück“ gehabt. „Wir mußten hart arbeiten, aber wir hatten ein Dach über dem Kopf. Das hat uns das Leben gerettet“, sagt Zygmunt Weclawik.


Bemühungen um Aussöhnung

Sierbieszów erfuhr von Horst Köhler im Jahre 2000, als dieser zum Vorsitzenden des Internationalen Währungsfonds gewählt wurde. Beim Gemeindevorsteher Mieczyslaw Barton rief damals ein Bekannter aus Warschau an und sagte: „Ein Einwohner von Skierbieszów ist Chef des IWF geworden. Der Gemeindevorsteher wollte zunächst nicht glauben, als er aber den Lebenslauf gelesen hat, auf dem der Geburtsort schwarz auf weiß zu sehen war, verfaßte er einen Gratulationsbrief. Horst Köhler hat nach zwei Monaten geantwortet. In einem Brief bedankte er sich recht herzlich. Über Horst Köhler begann man in Skierbieszów so richtig erst vor einigen Wochen, vor allem dank den Journalisten, zu sprechen. Für den Geburtsort des künftigen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland begann sich die Presse zu interessieren. In der deutschen Presse wurde das Thema der Aussiedelungen aus der Region
Zamość und des Generalplan Ost aufgegriffen. Bislang haben sich damit im Grunde genommen nur Historiker beschäftigt.

Nachdem die deutsche Presse über den Geburtsort Köhlers berichtet hatte, gingen im Gemeindeamt immer mehr Schreiben aus Deutschland ein, die an die „Lokalverwaltung von Skierbieszów“ gerichtet waren. Sie sind anonym und in einem korrekten, wenn auch von deutschen Einflüssen nicht ganz freien Polnisch verfaßt. Deren Autoren schlagen den Lokalbehörden vor, in der Zukunft eine Begegnung der Präsidenten von Polen und Deutschland zu veranstalten, bei der diese eine Gedenktafel einmauern könnten und einen symbolischen Akt der Aussöhnung vollziehen könnten, etwa so wie das in Jedwabne der Fall war. „Es lebe das gemeinsame Europa und die deutsch-polnische Freundschaft“, mit diesen Worten schließt einer der Autoren seinen Brief.

Im April besuchte Skierbieszów Matthias Burchard von der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor dem Krieg hat an dieser Hochschule Professor Konrad Meyer gearbeitet, ein Mitglied der SS und Autor des
Generalplan Ost. „Matthias Burchard möchte, daß wir seine Idee unterstützen, im Juli an der Humboldt-Universität eine Begegnung zu veranstalten, die die Geschichte der Aussiedlungen ins Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit rücken sollte. Die Universität will zu diesem Zweck finanzielle Mittel bei der Europäischen Union beantragen. Wir haben hierzu einen gemeinsamen Brief unterzeichnet“, sagt Mieczyslaw Barton. Der Gemeindevorsteher äußert sich mit Bewunderung über den jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter aus Deutschland, den Gründer des Vereins zur Verständigung zwischen den Völkern Mittel-, Süd- und Osteuropas. „Man sieht, daß die Frage der Aussiedelungen und der Aufarbeitung der Wahrheit über die damalige Zeit ihm am Herzen liegt. Er hat die Universität von der Idee der Aussöhnung überzeugt.

Der Gemeindevorsteher ärgert sich jedoch über mache deutsche Journalisten. „Ich versuche ihnen jedesmal zu erklären, daß [die (aber wahrscheinlich wurden nicht alle dorthin deportiert – P.N.)] Einwohner von Skierbieszów nach Auschwitz verschleppt wurden, und sie scheinen das irgendwie nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Sie denken, nach Auschwitz seien nur Juden verschleppt worden. Sie wollen irgendwie nicht wahrhaben, daß in Konzentrationslagern auch Polen ums Leben kamen. Es ist so, als sähen sie darin eine erfundene Geschichte“, regt sich Mieczyslaw Barton auf. Auch ein paar seiner engsten Angehörigen sind in Auschwitz ums Leben gekommen. „Was mit meinem Onkel Waclaw geschehen ist, habe ich vor zwei Jahren erfahren. Ich wußte, daß er Auschwitz nicht überlebt hat, ich hatte aber keine einschlägigen Dokumente. Erst vor kurzem hat der russische Präsident anläßlich seines Besuches in Polen Todesakten von mehreren Dutzend Tausend Gefangenen von Auschwitz mitgebracht. Darunter findet sich auch der Name meines Onkels. Er fiel den Experimenten Doktors Mengele zum Opfer“, erzählt Beres [??? wahrscheinlich ist Barton gemeint].

Furcht auf beiden Seiten

„Über die Köhlers läßt sich heute kaum etwas sagen. Sie waren wohl keine bösen Menschen. Wenn jemand eine Kanaille war, dann machte er auch viel von sich reden. Und über die Köhlers hörte man eben nicht viel“, sagt [...] und beschreibt das Verhalten der Siedler, das sich negativ in der Erinnerung der Einwohner von Skierbieszów eingeprägt hat. Die Köhlers übernahmen den Bauernhof ihres Oheims, Józef Weclawiks. Józef Weclawik kam, da er schon ein alter und kranker Mann war, nicht in ein Lager. Er wurde in ein benachbartes Dorf ausgesiedelt. Er starb einige Monate, nachdem er sein Haus verlassen mußte. „Ich habe ihn damals einmal besucht. Er lag schwer krank auf irgendeinem Strohlager. Wie unglücklich er sein müsse, dachte ich, als ich ihn erblickte. Als dann mein Vater in Auschwitz ums Leben kam, kam ich zu dem Schluß, daß ich vorhin unrecht hatte. Mein Oheim hatte mehr Glück. Er starb nicht weit von seinem Haus. Mein Vater hat nicht einmal ein Grab“, erinnert er sich. Janina Smusz nennt aus dem Gedächtnis die Lagernummer ihrer Eltern, ihrer Schwester und ihres Bruders. Sie ließ sie im Marmor des Familiengrabes einmeißeln. Es ist heute schwierig, Leute zu finden, die sich daran erinnern können, wie Skierbieszów ausgesehen hat, als hier die Köhlers lebten. Es gab hier damals kaum einen Einwohner von heute. „Sie hätten vor 20 Jahren kommen sollen. Damals lebten noch diejenigen, die [bei ihnen ? (Stelle unklar)] als Bauernknechte gearbeitet haben“, sagen Männer, die auf der Straße darauf angesprochen werden. „Mehrere Dutzend Einwohner von Skierbieszów konnten nämlich der Aussiedelung entgehen. Sie wurden zur Arbeit auf den von den Deutschen besetzten Bauernhöfen gebraucht. Sie wohnten in dem zwei Kilometer entfernten Dorf Zawoda. Bürgermeister, d.h. deutscher Gemeindevorsteher von Skierbieszów war ein Mann, der Charlos hieß. Er kam aus Schlesien“, erinnert sich Janina Smusz. Er organisierte eben die Arbeit für die Polen. Er gründete auch ein Bauunternehmen. „Sie bauten unsere Häuser ab, und an deren Stelle bauten sie ihre eigenen auf“, erinnern sich Einwohner von Sierbieszów. „Sie stellten irgendwelche Undinge, keine Häuser auf. Man konnte daran gleich sehen, daß es hier für uns keinen Platz mehr gab. Sie bauten um und stellten irgendwelche Scheuchen auf“, erinnert sich Janina Smusz. Als die Einwohner von Skierbieszów, die den Krieg [wörtlich: die Vernichtung] überlebt haben, in ihr Heimatdorf zurückkehrten, bauten sie als erstes diese Gebäude ab. „Als wir in Skierbieszów eintrafen, überkam uns ein Gefühl der Furcht, weil wir uns wie an einem fremden und feindlichen Ort fühlten“, erinnern sie sich. Furcht gab es übrigens auf beiden Seiten. Keiner der Siedler wagte es, sein Haus ohne eine Waffe zu verlassen. Die Deutschen ließen keinen Fremden in das Städtchen herein. An den Stadtgrenzen wurden Wachposten aufgestellt. „Sie standen uns sehr feindlich gegenüber. Und wir betrachteten sie als Besatzer“, erinnert sich Janina Smusz. In der Nähe von Skierbieszów operierte die Heimatarmee (Armia Krajowa). Diejenigen, denen es gelungen war, der Aussiedlungsaktion zu entkommen, schlossen sich der Einheit Majors „Ciag“ an. Die polnische Untergrundbewegung führte Vergeltungsaktionen durch und überfiel die Dörfer, die von den Deutschen besetzt worden waren.


Die Geschichte ist nach wie vor lebendig

Skierbieszów lebt nach dem eigenen Rhythmus eines kleinen Städtchens. Über den künftigen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland wird hier nicht viel diskutiert. Es sei denn, die Journalisten fragen danach. Mit der Geschichte der Aussiedelung verhält es sich anders. Diese Geschichte ist nach wie vor im Bewußtsein der Menschen präsent. An der Eingangstür des Gymnasiums „Kinder der Region
Zamość“ ist eine Gedenktafel mit einem erschütternden Text zu sehen. Darin ist von Kindern die Rede, die in der Nacht aus ihren Familienhäusern heraus gezerrt und dazu verurteilt wurden, umherzuirren. Unter der Gedenktafel wurden Blumen und Grablichter gelegt. In der Gedenkkammer der Schule sind eine Karte zu den Aussiedelungen, Fotokopien von Abschiedsbriefen aus dem Lager, Fotos aus der Vorkriegszeit, Soldatenuniformen, Kochgeschirr und Granathülsen ausgestellt.

„Ich habe als Lehrer auch in anderen Ortschaften gearbeitet, aber nirgendwo wird Geschichte und Tradition so gepflegt, wie das hier der Fall ist“, sagt Dariusz Piekut. „An allen Nationalfeiertagen und Jahrestagen der Aussiedelungen werden Gedenkfeier in der Kirche veranstaltet. Die Menschen gehen dann zum Denkmal und legen dort Blumenkränze nieder. An diesen Gedenkfeiern nehmen nicht nur Schüler, sondern auch Erwachsene teil. Sie tun das, weil das Herz ihnen das gebietet.“ Was die Präsidenten angeht, so steht den Einwohnern von Skierbieszów Ignacy Moscicki, der hier seine Kindheit verlebt hat, viel näher. Gemeindevorsteher Stanislaw Weclawik fuhr 1927 nach Warschau, um ihn daran zu erinnern, woher er komme. Ein Ergebnis seines Besuches in der Hauptstadt bestand darin, daß Gelder für den Bau der Ignacy-Moscicki-Schule bereitgestellt wurden, in der bis heute Kinder von Skierbieszów unterrichtet werden. Das in der Nähe, nach dem Krieg, gebaute Gymnasium trägt den Namen der Kinder der Region
Zamość. Eben auf dem Hof dieser Schule wurden die Einwohner von Skierbieszów von den Deutschen am 27. November 1942 zusammengeführt, bevor sie dann vertrieben wurden.
„Die Familienangehörigen des Präsidenten Moscicki liegen auf unserem Friedhof, und eine Schule ist nach ihm benannt. „Und Präsident Köhler? Daß er offen sagt, wo er geboren wurde, spricht (gut) für ihn. Aber darüber hat die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts entschieden“, sagt der Gemeindevorsteher. In der Pfarrgemeinde von Skierbieszów lassen sich keine Spuren von der Geburtsurkunde Horst Köhlers finden. „Es sind keine Dokumente aus jener Zeit erhalten geblieben. Wir wissen nicht einmal, ob die Siedler hier ihre eigene Pfarrgemeinde hatten und welcher Konfession sie angehörten. Die Kirche wurde in ein Weizenlager umgebaut“, sagt Priester Boguslaw Milo.

Es geht nicht ums Geld

Auf Seite des linken Schiffs der Kirche in Skierbieszów hängt eine schwarze Tafel mit Namen von 250 Einwohnern des Ortes, die nach der Aussiedelung in Auschwitz oder an anderen Orten ums Leben kamen. „Darauf sind nicht alle Namen angeführt. Niemand war nach den Wirren des Krieges in der Lage, alle genau zu zählen. Häufig haben nur Kinder und minderjährige Jungendliche überlebt, und sie konnten sich ja nicht an alle Einwohner aus der Vorkriegszeit erinnern“, sagt Mieczyslaw Barton. Er kann sich an deutsche Jugendliche aus einem mit
Zamość benachbarten Ort erinnern, die einmal Skierbieszów besucht haben. „In der Kirche hat jemand von ihnen nach dieser Gedenktafel gefragt. Wir haben ihnen daraufhin die Geschichte unserer Einwohner während des Zweiten Weltkrieges erzählt. Viele waren geschockt. Sie hatten zuvor nichts von den Aussiedelungen gehört. Und wir waren unsererseits geschockt, als sie dann alle nacheinander an den am Altar stehenden Opferstock kamen und Geld einwarfen, so als wollten sie auf diese Weise etwas wiedergutmachen“, erzählt er. „Und uns geht es nicht ums Geld“, betont der Gemeindevorsteher, „und auch nicht um irgendwelche spektakuläre Entschuldigungsgesten. Es geht darum, die Wahrheit zu verkünden und die Erinnerung an jene Zeiten zu bewahren und zu pflegen.“ „Bereits heute hören viele jungen Menschen unsere Geschichten mit einem gewissen Unglauben. Sie fragen dann, ob das überhaupt möglich gewesen sei. Und wir haben das wirklich erlebt“, sagt Zygmunt Weclawik. Eine einmalige Entschädigung in Höhe von 3000 Zloty und 150 Zloty [1 Euro =ca. 4,5 Zloty P.N.] Zuschuß zur Bauernrente können Leid, Verlust von Familienhaus, Familie und Kindheit nicht wiedergutmachen“, sagen Einwohner von Skierbieszów. „Vielleicht wäre es besser, dieses Geld gar nicht erst zu anzunehmen“, überlegen sie sich. „Diese Groschen schläfern eher das Gewissen ein“, fügen sie hinzu. „Sie hätten uns nur aussiedeln können. Sie mußten uns nicht umbringen. Aber sie haben getötet. Gott verleiht einem Kraft und Erinnerung, um darüber erzählen zu können“, sagt Janina Smusz. Alle meine Gesprächspartner sagen, daß sie keinen Haß (mehr) hegen. „Das ist schon lange her, da vergibt man vieles. Das Wichtigste ist, das sich das nie mehr wiederholt“, sagt Zygmunt Weclawik. 1995 ist er nach Deutschland gefahren, um das Dorf in Brandenburg zu besuchen, in dem er bei der Munitionsherstellung gearbeitet hat, nachdem seine Fabrik in Berlin evakuiert worden war. Er hat keine Spuren von den alten Baracken gefunden. „Wenn Horst Köhler nach Skierbieszów zu Besuch käme, würde er mit Würde empfangen werden. Ganz gleich ob er Bundespräsident wird oder nicht.

Die Köhlers hatten auch kein leichtes Schicksal. Sie mußten Bessarabien verlassen. Zwei Jahre lang irrten sie in Europa umher, ehe sie nach Skierbieszów kamen. Dann mußten sie mit dem kleinen Kind vor der Ostfront fliehen. Sie ließen sich zunächst in der sowjetischen Besatzungszone nieder, bevor sie dann nach Westdeutschland flohen. „Das war kein leichtes Leben. Auch sie haben viel durchgemacht, aber wir waren an ihrem Leid nicht schuld “, sagt nachdenklich der Gemeindevorsteher von Skierbieszów.


Fotounterschriften

1. Janina Smusz, Nichte Józef Weclawiks, dessen Bauernhof von den Köhlers eingenommen wurde. Auf dem Foto am Grabe ihrer Familie auf dem Friedhof in Skierbieszów

2. Präsident der Zweiten Republik Ignacy Moscicki (1926-1939), daneben Gemeindevorsteher von Skierbieszów, Stanislaw Weclawik (mit einem Hut in den Händen), der Vater Janina Smusz’

3. Horst Köhler. Bevor seine Familie nach Skierbieszów kam, irrte sie zwei Jahre lang in Europa umher