Das SS-Zentralbodenamt (RKF)

Grundstück des früheren Zentralbodenamtes,
heute Baulücke, Friedrichstraße 110/112, Berlin-Mitte
(Foto: privat 11-99)

Baulücke Or. Brg. Tor

 

Das SS-Zentralbodenamt unterstand 1940/41 dem Stabshauptamt Planung und Boden der Hauptabteilung II des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums in Berlin-Dahlem, Podbielskiallee 25/27, unter der Gesamtleitung eines Berliner Hochschullehrers. Es gab Bodenämter in Danzig-Westpreußen, Zichenau, Schlesien, Posen mit insgesamt 32 Aussenstellen sowie Bodenämter in den West- und Südgebieten (Westmark: Metz; Elsaß: Straßburg; Marburg für die Untersteiermark und Veldes für Kärnten und Krain). Die Grundaufgabe bestand in der Registrierung und Bestandsaufnahme des gesamten Grund und Bodens, der Sicherstellung des ehemaligen polnischen und jüdischen Besitzes und die Mitwirkung bei der Regelung des ländlichen Grundstücksverkehrs. Bis zum 31.08.1941 wurden etwa 800.000 Erfassungsbögen landwirtschaftlicher Betriebe mit einer Gesamtfläche von 7,15 Millionen Hektar aufgenommen und registriert. Durch den Erlaß des Reichsjustizministers vom 22.4.1940 und die Polenvermögensverordnung vom 17.09.1940 bestand die gesetzliche Beschlagnahmeexekutive im Grundstücksverkehr des landwirtschaftlichen Sektors (siehe nachfolgenden Artikel H. Mundt zum Zentralbodenamt). Das Gebäude wurde vermutlich durch Bombenangriffe zerstört mit einer jahrzehntelangen Baulücke als Folge.

Original Dokumente
Artikel (1940): Als deutscher Student im ehemaligen Polen

Kerninhalt des vorgeschlagenen mehrsprachigen Hinweises auf das SS-Zentralbodenamt RKF am Oranienburger Tor, Mitte von Berlin
Genehmigungsbeschluss des mehrsprachigen öffentlichen Hinweises durch Kulturausschuss der BVV Mitte von Berlin, 7. Dez. 2003
 


Heinrich Mundt:

Die Arbeit des Zentralbodenamtes
in den eingegliederten Ostgebieten

(Neues Bauerntum Jg. 33 1941 S. 411-418)
  1. Aufbau und Aufgabensetzung

    Das Zentralbodenamt (im folgenden mit ZBA) bezeichnet gehört zur Hauptabteilung II, Planung und Boden, beim Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums - Stabshauptamt -.

    Das Arbeitsgebiet umfaßt für bestimmte, näher zu erläuternde Aufgaben die eingegliederten Ostgebiete sowie die Westmark und das Elsaß (für letztere sind Bodenämter in Metz und Straßburg vorhanden). Außerdem wurde mit Hilfe des ZBA das Bodenamt Marburg (für die Untersteiermark) und das Bodenamt innerhalb der Hauptabteilung IV der Dienststelle des Beauftragten in Veldes (für Kärnten und Krain) eingerichtet. Beide Dienststellen werden ebenfalls vom ZBA betreut.

    Die folgenden Ausführungen gelten nur für die eingegliederten Ostgebiete. Die dem ZBA übertragenen Aufgaben haben hier den Grund und Boden zum Mittelpunkt ihrer Arbeit. Es handelt sich in erster Linie um:

    1. Die Bestandsaufnahme des gesamten Grund und Bodens sowie dessen Registrierung.
    2. Die Sicherstellung des ehemaligen polnischen und jüdischen landwirtschaftlichen Besitzes für die Zwecke der Festigung deutschen Volkstums.
    3. Die Mitwirkung bei der Regelung des ländlichen Grundstücksverkehrs.

    Auf Grund dieser Aufgaben setzung ist der Aufbau des ZBA vorgenommen. Es gliedert sich in vier Abteilungen: 1. Recht, 2. Boden, 3. Kartei (Registrierung der erfaßten Grundstücke) und 4. Statistik (Auswertung der Karteiergebnisse). Für die praktische Durchführung dieser Aufgaben stehen 4 Bodenämter in den eingegliederten Ostgebieten zur Verfügung. Der Aufbau dieser Bodenämter wurde nach dem Vorbild des ZBA vorgenommen.

    Das Bodenamt Danzig-Westpreußen ist zuständig für den Reichsgau Danzig-Westpreußen mit den 3 Regierungsbezirken Danzig, Bromberg und Marienwerder mit insgesamt 33 Kreisen. Hiervon sind 26 Land- und 7 Stadtkreise.

    Das Bodenamt Posen bearbeitet den Reichsgau Wartheland mit den 3 Regierungsbezirken Posen, Hohensalza und Litzmannstadt mit insgesamt 44 Kreisen (davon sind 6 Stadtkreise).

    Dem Bodenamt Zichenau ist der der Provinz Ostpreußen angegliederte Regierungsbezirk Zichenau sowie der zum Regierungsbezirk Gumbinnen geschlagene Kreis Soldau zugewiesen. Außerdem wird der Bezirk Soldau, der zum Kreis Neidenburg gehört, mitbetreut. Das Bodenamt Zichenau bearbeitet also 11 Landkreise.

    Das Bodenamt Schlesien ist tätig in dem Regierungsbezirk Kattowitz mit 12 Land- und 3 Stadtkreisen sowie in den zum Regierungsbezirk Oppeln gehörenden 3 Landkreisen Blachstädt, Loben und Warthenau.

    Je nach Größe und Gliederung ihres Arbeitsgebietes haben die Bodenämter Außenstellen eingerichtet. Das Bodenamt Danzig-Westpreußen besitzt 8, das Bodenamt Zichenau 4, das Bodenamt Schlesien wiederum 8 Außenstellen. Wegen der Größe des Aufgabengebietes besitzt das Bodenamt Posen in jedem Regierungsbezirk eine Bezirksaußenstelle mit je 3 Außenstellen.

    Im Wartheland werden zur Zeit die Kreisarbeitsstäbe des Beauftragten des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums mit den Außenstellen des Bodenamtes zusammengelegt. Es wird dadurch eine große Ersparnis in allen Verwaltungssparten und eine einheitliche Ausrichtung der gesamten Arbeit in der Praxis gewährleistet. Zudem konnen die durch die Besetzung der Höfe mit deutschen Umsiedlern durch Zusammenlegung kleinerer Betriebe zu größeren Einheiten hervorgerufenen Änderungen in dem Betriebsaufbau der Dörfer bzw. Gemeinden leichter, schneller und sicherer an die Hauptkartei in Berlin herangebracht werden. Nach erfolgter Zusammenlegung wird auf Grund der im Wartheland gesammelten Erfahrungen eine Vereinigung der Außenstellen und Arbeitsstäbe auch in den anderen Bodenamtsgebieten angestrebt.

  2. Die Arbeit in den eingegliederten Ostgebieten

    1. Die Bestandsaufnahme

      Die Bestandsaufnahme erstreckt sich auf den gesamten Grund und Boden einschließlich der sich darauf befindenden Betriebe und Gebäude. Zwischen der Haupttreuhandstelle Ost (im folgenden mit HTO bezeichnet) und dem ZBA wurde vereinbart, daß sich die Erfassung, d.h. die Bestandsaufnahme durch das ZBA, auf den landwirtschaftlichen Sektor einschließlich der landwirtschaftlichen Nebenbetriebe beschränken sollte. Die HTO bearbeitet den städtischen, gewerblichen und industriellen Sektor. Es wurde von vornherein ein enges Zusammenarbeiten sowie ein Austausch der gegenseitigen Ergebnisse vorgesehen.

      Die Bestandsaufnahme war unbedingt notwendig, da die agrarstatistischen Veröffentlichungen des ehemaligen polnischen Staates veraltet und überholt waren joder aber aus den verschiedensten Gründen keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben konnten (polnische Wirtschaft). Die Aufgabenstellung bezweckte, bei geringstem Einsatz von Menschen in kürzester Zeit einen Überblick über die landwirtschaftlichen Betriebs- und Besitzverhältnisse der gesamten eingegliederten Ostgebiete zu schaffen. In erster Linie war die Beschaffung dieser Unterlagen wichtig für die Ernährungssicherung unter besonderer Berücksichtigung der landwirtschaftlichen Großbetriebe; andererseits ist eine genaue Kenntnis der Betriebsverhältnisse Voraussetzung für die Erstellung der Planungsunterlagen und Vorbereitung der Siedlung. Durch die Bestandsaufnahme werden alle Betriebe einschließlich der deutschen festgestellt. Das ist einmal wichtig in Hinblick auf die Ansetzung der im Zuge der Ansiedlungsaktionen aus den östlichen Anliegerstaaten in das Reich zurückgekehrten Deutschen, zum anderen aber auch in bezug auf eine Umsiedlung der altansässigen Deutschen von für die Aufforstung in Frage kommenden Ländereien auf besseren Böden bzw. für die Durchführung von Anliegersiedlungen zwecks Stärkung der bereits vorhandenen deutschen Wirtschaften. Weiterhin ist die Erfassung die Vorläuferin der Beschlagnahme von ehemals polnischem oder jüdischem landwirtschaftlichem Vermögen zum Zwecke der Festigung deutschen Volkstums. Durch die Sammlung der Erfassungsbogen, durch die Registrierung aller auftretenden Änderungen ist es möglich, über jedes landwirtschaftliche Grundstück, auch wenn es noch so klein ist, sowohl auf den Bodenämtern (für das jeweils in Frage kommende Gebiet), wie auch auf dem ZBA für die gesamten eingegliederten Ostgebiete entsprechende Übersichten aufzustellen.

      Zunächst wurde unter Zuhilfenahme des mit aller Vorsicht aufgenommenen polnischen statistischen Materials ein Überblick über die Gesamtfläche der eingegliederten Ostgebiete (also ohne Generalgouvernement) geschaffen. Diese so ermittelte Fläche von 9.699.225 ha kann keinen Anspruch auf unbedingte Zuverlässigkeit erheben, sie soll lediglich für die Durchführung der in Frage kommenden Arbeiten als Anhaltspunkt dienen (Übersicht 1).

      Stellt man für städtisches Bauland, Gewerbe- und Industrieanlagen einen Erfahrungssatz von 5 v.H. in Rechung, so ergibt sich eine vom ZBA zu erfassende Fläche von 8.756.269 ha. Diese verteilt sich auf:

      Bodenamt Danzig-Westpreußen mit 2.009.694 ha
      Bodenamt Posen mit 4.168.199 ha
      Bodenamt Zichenau mit 1.577.019 ha
      Bodenamt Schlesien mit 1.001.357 ha

      Dieses Areal soll durch die Bestandsaufnahme geprüft werden. Gleichzeitig aber müssen die Erfassungsbogen ermitteln, in welcher Form und durch welche Betriebsgrößen die in Frage kommende Fläche genutzt wird. Damit die Bearbeitung eines so riesigen Gebietes reibungslos durchgeführt werden konnte, mußte vor der praktischen Inangriffnahme ein Arbeitsplan aufgestellt und bis in alle Einzelheiten durchdacht werden.

      Zur Festhaltung und eindeutigen Bezeichnung der einzelnen Grundbesitzungen wurde ein Nummernsystem entworfen. Hiernach wurden sämtliche Kreise in den eingegliederten Ostgebieten durchnummeriert. In den Kreisen erhielten die ehemals polnischen Großgemeinden bzw. Amtsbezirkke ebenfalls Ziffern, innerhalb der Großgemeinden wurden die Ortschaften durch Buchstaben kenntlich gemacht. In jeder Ortschaft wird jeder einzelne Grundbesitz wiederum nummeriert. Die so erstellten Besitznummer ist gleichzeitig Karten- und Aktennummer.

      Zur Veranschaulichung wird folgendes Beispiel angeführt: Der Besitz von Romiger liegt im Dorfe Lindenberg, Kreis Berent; er trägt die Besitznummer 4/10-p/12. Das bedeutet: 4 ist der Kreis Berent, 10 die Großgemeinde Schoneck-Land, P das Dorf Lindenberg und 12 endlich die eigentliche Nummer des Betriebes im Dorf. Die Erfassung des einzelnen Grundbesitzes erfolgt mit Hilfe des eines Erfassungsbogens, der in einem Dreiersatz verwandt wird. Er enthält Spalten für die genaue Bezeichnung und Lage des Grundstückes, Kulturarten (mit Unterteilung beim Acker in drei Bodenarten), für lebendes und totes Inventar sowie Gebäude (Anzahl, Art und Bauzustand). Die eine Durchschrift des Erfassungsbogens bleibt auf der Außenstelle, die zweite Durchschrift bildet auf dem Bodenamt die Grundstückskartei für den Gau bzw. Regierungsbezirk. Da die Bodenämter die einzigen Dienststellen sind, die die Bestandsaufnahme durchführen, werden die Grundstückskarteien von den interessierten Behörden und Organisationen für ihren Dienstgebrauch nach besonderer Übereinkunft herangezogen. Die dritte Ausfertigung wird dem ZBA übersandt. Hier wird für jede Gemeinde ein Gemeindekarteiblatt erstellt, auf dem die Betriebe nach Besitznummern aufgeführt werden; außerdem wird eine Größenkartei angelegt, die die Betriebe nach Größenklassen kreisweise ordnet.

      Die Erfassung wird gemeindeweise durchgeführt. Sobald eine Großgemeinde vollständig erfaßt ist, findet nochmals vor Abgabe der Erfassungsbogen eine örtliche Überprüfung statt; alsdann wird nach beendeter Bestandsaufnahme in einem Kreis ein umfangreicher Kreisbericht angefertigt, der einen Überblick über alle wichtigen Merkmale des Kreises gibt.

      Die eingehende Nachkontrolle der Bestandsaufnahme wird durch Heranziehung der Kataster- und Grundbuchunterlagen, Steuerlisten usw. durchgeführt. Neben den landwirtschaftlichen Betrieben müssen selbstredend auch alle anderen Flächen wie Wald, Gemeindeland, Kirchenland, Straßen, Wege, Wasserstraßen, Bahnkörper usw. nachgewiesen werden.

      Bis zum 31. August 1941 sind beim ZBA Erfassungsbogen für 797.368 Betriebe bei einer Fläche con 7.151.182 ha eingegangen (Übersicht 1).

      Interessant ist eine Unterabteilung der im ZBA bearbeiteten Betriebe nach Größenklassen und Nationalitäten (Übersicht 2 und 3).

      Schon kurz nach der Einrichtung der Kartei erwies es sich als notwendig, eine Abteilung zu schaffen, die die Ergebnisse der Grundstückskartei auswerten mußte. Diese Abteilung Statistik gliedert sich in zwei Unterabteilungen:

      Die Statistikkartei hat die Aufgabe, das sich aus der Grundstückskartei ergebende statistische Material nach bestimmten Gesichtspunkten zu ordnen und auszuwerten, wie z.B. Zusammenstellung der Betriebe nach Nationalitäten und Größenklassen. Die Statistik kontrolliert die Karteiergebnisse und die von den Bodenämtern in regelmäßigen Abständen einlaufenden Unterlagen.

      Die zweite Unterabteilung, die Karten- und Zeichenstelle, erstellt die für den Dienstgebrauch erforderlichen kartographischen Unterlagen und beliefert gleichzeitig die Bodenämter mit dem einschlägigen Kartenmaterial. An wichtigen Karten wurde erstellt:

      1. Bevölkerungskarte nach dem Stande vor 1939/40,
      2. Bodenbesitzkarte nach dem Stande vor 1939/40.

      Beide Karten wurden den Bodenämtern übermittelt. Auf dem ZBA werden geführt:

      1. Nationalitätenkarte
      2. Größenklassenkarte
      3. Beschlagnahmekarte.

      Es sind zehn Größenklassen gewählt (I-X), und zwar: 0-2ha, 2-5; 5-10; 10-20; 20-50; 50-100; 100-125; 125-500; 500-1000; über 1000 ha.

      Die Statistik ist so eingerichtet, daß jederzeit ein Überblick über den Stand der Arbeiten der Bodenämter auf dem Gebiet der Bestandsaufnahme und Beschlagnahme sowie der karteimäßigen Bearbeitung im ZBA gegeben werden kann.

      Das Statistische Reichsamt hat es übernommen, die Erfassungsbogen im Einvernehmen mit dem ZBA statistisch auszuwerten. Es werden insgesamt aus den Erfassungsbogen die Angaben für 84 Spalten entnommen.

    2. Die Sicherstellung von ehemaligem polnischen und jüdischen landwirtschaftlichen Vermögen

      Die Sicherstellung von ehemaligem polnischen und jüdischen landwirtschaftlichen Vermögen geschieht für die Zwecke der Festigung deutschen Volkstums. Der Besitz von Grund und Boden trägt gegenüber dem Volksganzen besonders große Verpflichtungen in sich. Es ist deshalb unbedingt notwendig, eine umfassende scharfe Nachprüfung der Besitzverhältnisse in den eingegliederten Ostgebieten durchzuführen. Unmöglich ist es, daß unzuverlässige Elemente noch dazu fremder Volkszugehörigkeit landwirtschaftliche Betriebe besitzen, wenn andererseits von und die Forderung erhoben wird, daß nur das rassisch beste Blut eine Bindung zur Scholle haben kann bzw. eingehen soll.

      Die Rechtsgrundlage für die Durchführung der Sicherstellung bildete ursprünglich der in Ausführung des Erlasses des Reichsmarschalls Göring vom 19.10.1939 - St.M.Dev.9547 - ergangenen Runderlaß des Reichsführers SS vom 16.12.1939 betr. Beschlagnahme von Vermögenswerten in den eingegliederten Ostgebieten, der wiederum auf einen Erlaß der Reichsführers SS vom 10.11.1939 über die Zusammenarbeit der Behörden des Reichsführers SS mit der HTO fußt. Der Erlaß vom 16. 12. 1939 enthält außer der eindeutigen Feststellung der Zuständigkeit der zur Vornahme von Beschlagnahmungen ausschließlich befugten Dienststellen die Regelung des Verfahrensganges. Dadurch wurde die Vollziehung der auf dem landwirtschaftlichen Sektor von den Bodenämtern eingehenden Beschlagnahmeverfügungen in den eingegliederten Ostgebieten den Staatspolizei- (Leit-)stellen übertragen. Die im Anfang verschiedentlich aufgetretene Schwierigkeit, die erfolgte Beschlagnahme auch im Grundbuch kenntlich zu machen, wurde endgültig durch ein Erlaß des Reichsjustizministers vom 22.4.1940 betr. Beschlagnahme des Reichskommissars behoben. Dieser Erlaß bestimmte, daß anträgen des Reichskommissars oder der von ihm beauftragten Stellen unbeschadet der Regelung des § 5 der Ostland-Verordnung vom 12.2.1940 von den Gerichten zu entsprechen ist. Das Bodenamt leitete seine von der Staatspolizei unterschriftlich vollzogenen Beschlagnahmeersuchen an das zuständige Grundbuchamt. Von diesem wurde Mitteilung von der Beschlagnahme zu den Grundakten genommen und dabei durch einen Vermerk im Handblatt, auf dem Grundaktendeckel oder an sonst geeigneter Stelle sichergestellt, damit die Beschlagnahme bei evtl. späteren Eintragungsanträgen nicht übersehen werden kann. In denjenigen Fällen, in denen Grundbücher nicht vorhanden sind, wurde ein entsprechender Vermerk zu den Grundakten oder den zu diesem Zwecke anzulegenden Akten genommen.

      Durch die Verordnung über die Behandlung von Vermögen des ehemaligen polnischen Staates vom 17.9.1940 wurde die Beschlagnahme gesetzlich geregelt. Die Beschlagnahmeexekutive ist auf dem landwirtschaftlichen Sektor dem Reichskommissar f.d.F.D.V. übertragen. Dadurch, daß die Bodenämter nunmehr unmittelbar Beschlagnahmeverfügungen treffen können und hierfür einheitliche Formblätter eingeführt worden sind, wird eine wesentliche Arbeitserleichterung auch im Verkehr mit den Grundbuchämtern erreicht. Die Rechtsabteilung des Reichskommissars hat im Verein mit dem ZBA umfangreiche Ausführungsbestimmungen zur Verordnung vom 17.9.1940 für den internen Dienstgebrauch ausgearbeitet und den Bodenämtern zur Verfügung gestellt. Diese Ausführungsbestimmungen erleichtern den Rechtsabteilungen der Bodenämter die praktische Behandlung der Polenvermögensordnung nicht unwesentlich.

      Durch die Polenvermögensordnung vom 17.9.1940 sit weiter die Möglichkeit der Einziehung der beschlagnahmten landwirtschaftlichen Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches gegeben. Die Beschlagnahme ist als vorbereitender Akt der Einziehung anzusehen und dient der Klärung der Eigentums- und Besitzverhältnisse. Die Einziehung von landwirtschaftlichen Betrieben ist bereits in verschiedenen Fällen in die Wege geleitet. Sie setzt eine genaue grundbuchliche und katasterliche Ermittlung jedes einzelnen einzuziehenden Grundstückes voraus. Grundbedingung ist ferner selbstverständlich der Abschluß der Überprüfung der Volkstumszugehörigkeit im Rahmen der Deutschen Volksliste.

      Die Mangelhaftigkeit der in den eingegliederten Ostgebieten vorgefundenen Grundbücher und sogenannter Register - ganz zu schweigen von den in den ehemals russischen Gebietsteilen nur ganz lückenhaft vorhandenen Untelagen - bereitet naturgemäß für die Durchführung der Sicherstellung erhebliche Schwierigkeiten. Dies gilt vor allem auch für die Flächen, die im Wege der polnischen Agrarreform freihändig oder zwangsweise den Besitzer gewechselt haben. Es erscheint im Interesse der in Vorbereitung befindlichen künftigen Regelung der Eigentumsverhältnisse geboten, zunächst einmal die Beschlagnahme dieser Flächen herbeizuführen. Durch eine solche Maßnahme soll aber der künftigen endgültigen Entscheidung in keiner Weise vorgegriffen werden. In jedem Fall müssen die Besitz- und Eigentumsverhältnisse vor und nach dem 1.9.1939 eingehend geprüft werden. Die Bearbeitung der Agrarreformfälle ist durch Einführung eines einheitlichen Ermittlungsformulars erheblich erleichtert und übersichtlicher gestaltet.

      Ein weiteres wichtiges Arbeitsgebiet hat sich dem ZBA und den Bodenämtern durch die Einschaltung bei der Auflösung der Fideikommisse ergeben. Die Einbeziehung der beschlagnahmten, ehemaligen polnischen und jüdischen Fideikommise befindet sich bereits in Vorbereitung.

    3. Mitwirkung bei der Regelung des Grundstücksverkehrs

      Durch die Verordnung zur Sicherung des geordneten Aufbaues der Wirtschaft der eingegliederten Ostgebiete vom 31.1.1940, deren Geltungsdauer inzwischen bis zum 31.12.1941 verlängert worden ist, ist u.a. der Erwerb und die Verpachtung landwirtschaftlicher oder forstwirtschaftlicher Grundstücke an die Genehmigung durch die Reichsstatthalter bzw. Oberpräsidenten gebunden. Zudem bedarf ein Antrag, wenn er den Erwerb oder die Verpachtung landwirtschaftlicher Grundstücke betrifft, nach dem Wortlaut der Verordnung im Rahmen des Geschäftsbereichs der HTO einer Unbekenklichkeitserklärung der HTO joder der von ihr bestimmten Stelle. Ohne diese Unbedenklichkeitserklärung sind daher die in der Verordnung genanntgen Rechtsgeschäfte in bezug auf polnische oder jüdische Grundstücke unwirksam. Entsprechend der allgemeinen Abgrenzung der Zustündigkeiten hat die HTO auf dem landwirtschaftlichen Sektor die Befugnis zur Erteilung der Unbedenklichkeitserklärung auf den Reichskommissar übertragen. Innerhalb dieser Dienststelle übt das ZBA diese Befugnis aus. Diese Regelung bietet Gewähr dafür, daß sich der ländliche Grundstücksverkehr in den eingegliederten Ostgebieten nach den übergeordneten, mit der Festigung deutschen Volkstums verfolgten Zielen vollzieht.

      Alle bei den örtlichen Beauftragten des Reichskommissars eingehenden Genehmigungsanträge werden mit einer Stellungnahme des Bodenamtes versehen dem ZBA zur Entscheidnung zugeleitet. Vorsorge für die weitere Kontrolle des Grundstückverkehrs im Bereich der Landwirtschaft ist durch §15 der Polenvermögensverordnung vom 17.9.1940 getroffen, der bestimmt, daß Verfügungen über Grundstücke und Grundstücksrechte von Angehörigen des ehemaligen polnischen Staates, die nicht unter die Ausnahmevorschrift des §1, Abs. 2 fallen, zu ihrer Wirksamkeit der Genehmigung des Reichskommissars bedürfen. Durch die den Bodenämtern übertragene Erteilung des sogenanten Negativtestes gemäß §15, Abs. 2 der Polenvermögensverordnung ist eine umfangreiche Arbeit entstanden.

      Die Wirtschaftsaufbauverordnung vom 31.1.1940 hat keine rückwirkende Kraft. Auf Grund besonderer Anweisung des Justizministers wird durch enge Zusammenarbeit zwischen den Gerichten und Bodenämtern sichergestellt, daß durch die noch nicht vollendeten, aus der Zeit vor Inkrafttreten der genannten Verordnung stammenden Grundstücksverfügungen und die Aufarbeitung der zahlreichen unerledigten Grundbucheinträge aus polnischer Zeit das Beschlagnahmerecht des Reichskommissars nicht beeinträchtigt wird. Die Gerichte haben den Bodenämtern Listen über sämtliche unerledigten Grundbucheinträge übermittelt. Die Bodenämter teilen nach näherer Prüfung jedes einzelnen Falles dem zuständigen Gericht ihre Stellungnahme mit.

      In den Gebieten, in denen die Volkstumsverhältnisse an sich klarliegen (Wartheland und Regierungsbezirk Zichenau), sind die Anträge größtenteils aufgearbeitet, während die Erledigung in Danzig-Westpreußen und dem Regierungsbezirk Kattowitz voraussichtlich noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. Die mit dem Reichsjustizminister getroffene Vereinbarung, das ZBA von sämtlichen Eigentumsänderungen in den eingegliederten Ostgebieten durch Übersendung von Grundbuchbenachrichtigungen der Grundbuchämter in Kenntnis zu setzen, hat sich gut eingespielt. Diese Kontrolle ermöglicht nicht nur die Grundstückskartei auf dem Laufenden zu halten, sondern auch die Überprüfung etwaiger unzulässiger Verfügungen über Grundstücke, die der Zuständigkeit des Reichskommissars unterliegen.

      Reichsführer SS hat bekanntlich verfügt, daß eine Ansiedlung von reichsdeutschen Bauern und Siedlungsbewerbern in den eingegliederten Ostgebieten mit Ausnahme der im Zuge der Umsiedlungsaktion aus den östlichen Anliegerstaaten in das Reich zurückgekehrten Deutschen während des Krieges zu unterbleiben hat. Unbeschadet dieses Befehls ist es aber nicht zu umgehen, daß bereits heute schon in verschiedenen Fällen landwirtschaftliche Betriebe bzw. landwirtschaftlich genutzte Flächen für bestimmte Zwecke der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden müssen. Vorhandene Industrie- und Gewerbeunternehmungen müssen vergrößert, neue Anlagen im Rahmen des Vierjahresplanes geschaffen werden. Die vorhandenen Straßen reichen nicht aus, sondern müssen ausgebaut bzw. erweitert werden, neue Landstraßen sind zur Aufschließung von Landstrichen als Voraussetzung für den Anschluß dieser Gebiete an bereits vorhandene Verkehrsmittel anzulegen; die Reichsbahn braucht Land, Zollbehörde und Straßenbauverwaltung stellen Anträge auf Abgabe von Parzellen für den Bau von Zoll- und Straßenwärterhäusern. Auch auf dem landwirtschaftlichen Sektor ist eine bevorzugte Abgabe von Grundstücken für die Schaffung von Baumschulen, Saatzuchtbetrieben usw. nicht zu umgehen. Dann aber ist wichtig die Zurverfügungstellung von Ländereien für die Zwecke der Wehrmacht (Anlegung von Truppenübungs- und Schießplätzen usw.).

      Im Laufe des letzten halben Jahres hat die Hauptabteilung IV Landwirtschaft des Reichskommissars zunächst Klarheit über die Abgabe von Land zu Wehrmachtszwecken geschaffen. Um eine einheitliche Behandlung aller Landabgabeanträge zu erreichen, hat die Hauptabteilung IV die Deutsche Ansiedlungsgesellschaft beauftragt, einen allgemein gültigen Ertragswertschätzrahmen für die eingegliederten Ostgebiete - ausgehend vom Warthegau - aufzustellen. Dieser Taxrahmen ist fertiggestellt, seine Abstimmung auf die örtllichen Verhältnisse in Danzig-Westpreußen , Zichenau und Oberschlesien wird zur Zeit vorgenommen. Für die Verwertung von landwirtschaftlich genutzten Flächen aus polnischer und jüdischer Hand, die zu anderen als landwirtschaftlichen Zwecken abgegeben werden müssen, sind allgemeine Grundsätze ebenfalls in Vorbereitung.

      Die Landabgabeanträge müssen trotz ihrer Vielgestaltigkeit nach einheitlichen Gesichtspunkten bearbeitet werden. Die für den internen Dienstgebrauch von Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums erlassene Anordnung Nr. 38 vom 12.12.1940 schafft diese Voraussetzung und hat dem ZBA folgende Aufgaben übertragen:

      1. Durch die Bodenämter die für die Entscheidung eines Landabgabeantrages erforderlichen Unterlagen (einschließlich eines eingehenden Gutachtens des Bodenamtes) erstellen zu lassen.

      2. Auf der Grundlage der eingereichten Unterlagen die Entscheidung der jeweils fachlich zuständigen Hauptabteilung des RK f.d.F.d.V. und das in § 9 der Polenvermögensverordnung vorgesehene Einvernehmen des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft einzuholen.

      3. Die Verhandlung mit dem Antragsteller zu führen, für den Abschluß des Kaufvertrages und die grundbuchliche Berechtigung zu sorgen.

      Bei kleineren Grundstücken bis zu 1000 qm ist die Entscheidung bereits auf die Bodenämter übertragen. Das Bodenamt Danzig-Westpreußen ist ferner ermächtigt, die Zuteilung von Land an die Heimstätte Danzig-Westpreußen von sich aus vorzunehmen. In beiden Fällen sind aber die Anträge mit den erforderlichen Unterlagen nach Abgabe der Entscheidung beim ZBA einzureichen, damit dieses alsdann die Vorgänge im Dienstwege bearbeiten kann.

      Die Bodenämter erhalten nach einer Absprache mit dem zuständigen Oberfinanzpräsidenten laufend die Ergebnisse der Bodenschätzung zugestellt. Andererseits erreichen sie durch die Erarbeitung und Sammlung der Erfassungsunterlagen eine genaue Kenntins über die landwirtschaftlichen Verhältnisse in ihren Gebieten. Sie sind jederzeit in der Lage, die für eine Bewertung eines landwirtschaftlichen Grundstücks erforderlichen Unterlagen in kurzer Zeit zur Verfügung zu stellen bzw. erforderliche Gutachten anzufertigen. Die Bodenämter werden deshalb auch heute bereits von den verschiedensten Behörden zur Abgabe von Stellungnahmen aufgefordert bzw. zur Erteilung von Auskünften auf dem landwirtschaftlichen Sektor in Anspruch genommen.

      In den obigen Ausführungen konnte lediglich ein Einblick in einen Teil des Arbeitsgebietes des ZBA und der Bodenämter gegeben werden. Die Darlegungen sollen zeigen, wie diese Dienststelle des Reichsführers SS als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums im Rahmen der vom Führer durch Erlaß vom 7.10.1939 befohlenen Aufgabenstellung eingeschaltet sind, und in welcher Form die Probleme in der Praxis trotz größter Schwierigkeiten angepackt wurden. Alle Arbeiten werden verstanden und dementsprechend ausgeführt unter der großen Zielsetzung: "Festigung deutschen Volkstums in den eingegliederten Ostgebieten."


Original Dokumente

 
Erfassungsbogen ZBA         Außenstellenkarte

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Als deutscher Student im ehemaligen Polen

Aus: Studentenzeitung "Die Bewegung" Jg. 8 Nr. 17 Seite 8, München 1940

Bahnhof Charlottenburg. "Fernzüge nach dem Osten" - wir steigen dem Wegweiser nach die Stufen zum Bahnsteig empor. Es ist der 28. Februar, der vierte Tag, nachdem wir den Anruf des Reichsstudentenführers gelesen haben. Auf dem Bahnsteig treffen wir zur Gruppe.

120 Studentenbundskameraden wurden von der Planungs- und Überwachungsstelle für bäuerliche Ansiedlung im Warthegau angefordert, nun sind sie vor dem Zug angetreten, erhalten kurze Weisungen und steigen dann ein. Der Zug rollt an. Beim Durchfahren der Bahnhöfe knacken die vielen Weichen unter den Rädern. Die letzten Häuser Großberlins verschwinden hinter uns - und nun sind wir auf offener Strecke, fahren in den naßkalten, nebeligen Vorfrühlingsmorgen hinein, dem neuen deutschen Osten entgegen. Keiner weiß, welche Verhältnisse, welche Aufgaben uns erwarten, ob wir zu Beginn des nächsten Semesters wieder im Studienort sein werden - wir wissen nur: wir werden gebraucht bei der Lösung der großen Aufgaben, die der Führer am 6. Oktober erstmalig vor der Welt als großes Arbeitsprogramm des Reiches im Osten aufrollte. Wir werden hier so gebraucht, wie unsere Kameraden an der Front gebraucht werden. Das hat uns bewogen, uns mitten im Semester zum Studieneinsatz Ost zu melden.

Posen. Aus dem Massenquartier im Baltenlager in der Robert-Koch-Straße marschieren wir zum Dienstgebäude des Höheren SS- und Polizeiführers Warthe. Es sprechen zu uns die führenden Männer des Ansiedlungsstabes, dann Studentenbundskameraden, die sich in Berlin dem VDA (Verein der Auslandsdeutschen) zu Planungsarbeiten für die Ansiedlung zur Verfügung gestellt haben, und schließlich SS-Gruppenführer Koppe. Wir bekommen allmählich eine Ahnung von der Fülle und Vielseitigkeit der Arbeit, die zur Bewältigung dieser in der Geschichte einmalig dastehenden Aktion notwendig ist. Wir lernen die vielen Gesichtspunkte kennen, die bei der Aussiedlung der Polen und der Verteilung der wolhynien- und galiziendeutschen Rückwanderer gegeneinander abgewogen werden müssen, damit im neugewonnenen Gebiet eine Ordnung geschaffen wird, die für alle Zeiten bestehen bleiben soll. Wir lernen groß zu denken... Und wir können nicht anders, als unbändig stolz zu sein, daß wir - mit dabei sind! "Wir Studenten werden jede Arbeit machen, die von uns verlangt wird", hatte Kamerad Roehle gesagt. Er hat für uns alle gesprochen, nun erst recht.

Ich bin der Gruppe 7 zugeteilt worden und trete ins Glied. Keiner kennt seinen Nebenmann, wir sehen uns prüfend an... Wir 12 Mann, die sich heute zum erstenmal im Leben sehen, und die eigentlich nur der gemeinsame Entschluß verbindet, sich hier zur Verfügung zu stellen, sollen nun irgendwo draußen eingesetzt werden. Wir werden zusammen die erlebnisreichsten Tage unseres Lebens verbringen, werden uns füreinander einsetzen, wenn es hart auf hart gehen sollte... Noch sind wir uns fremd, aber ich weiß es: in gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Erleben werden wir zur Gemeinschaft zusammenwachsen. Unser Bestimmungsort wird uns mitgeteilt: Gruppe 7 fährt nach Pabianice bei Lodsch. Pabianice: keiner hat je den Namen gehört. Am nächsten Morgen fahren wir nach Lodsch und von dort mit der Straßenbahn eine Stunde lang nach Pabianice, dem Sitz des Landrates im Kreise Lask.

Mit einer Gruppe von Landwirten aus dem Altreich, einigen volksdeutschen Dolmetschern und einem Beauftragten des SS-Bodenamtes bilden wir nun unter Führung des SS-Hauptsturmführers Andresen den Arbeitsstab für bäuerlichen Einsatz im Kreise Lask, der dem Landrat für die Ansiedlung in seinem Kreise zugeteilt ist. Die Arbeit geht sofort los. Im Panje-Schlitten fahren zwei Mann durch die weite, tiefverschneite polnische Ebene. Auf dem Bock sitzt im dicken Pelz der Fuhrmann, ein Pole, zu seiner Rechten und Linken sieht man die knochigen Hinterteile seiner beiden Gäule. Der Wind pfeift, der Schnee stäubt auf, kleine Eiskörnchen fliegen uns ins Gesicht, - und der Wind geht durch Mäntel und Kleider durch, die Finger in den Wollfäustlingen werden steif... und noch sind fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf. Unterwegs treffen wir eine Gruppe Polen, die im Auftrag des Dorfschulzen eine Fahrbahn durch die Schneeverwehungen gräbt. Bis hierher sind sie gekommen, aber es wird immer schwerer. Sie hoffen, sich bis zum Abend mit der Mannschaft, die vom nächsten Dorf entgegenkommt, zu treffen. So können wir also vor morgen nicht durch. Wir müssen umkehren und nehme ein anderes Dorf vor. Wir besichtigen die einzelnen Gehöfte, gehen in die überheizten, ungelüfteten Wohnstuben, wo unter Tisch und Bett die Hennen gackern, füllen nach Angaben des Besitzers unsere Hofkarten aus, - und dann wieder hinaus in die Kälte. Der heiße Tee auf dem Gutshof, wo wir abends einkehren, hat noch nie so gut getan wie nach einem solchen Tag.

Am 1. April ist unser Kamerad, Landwirt Hans von Bargen, nach einer schweren Angina, die er sich bei der Arbeit draußen holte, gestorben. Auf der Bahre ist die volksdeutsche SA des Ortes angetreten. Der Vertreter des Landrates hält die Trauerrede. Wir grüßen den toten Kameraden zum letzten Mal. Er starb in Erfüllung seiner Pflicht. Der Sarg schließt sich. Unter den Klängen des Liedes vom "Guten Kameraden" tritt Hans von Bargen seine letzte Reise an. Er wird in seiner Mecklenburger Heimat beigesetzt werden.

Unser Kreis, der im Südosten an das Generalgouvernement grenzt, hat 28 Gemeinden, die jeweils aus 10-20 Dörfern bestehen. Diese müssen alle abgegrast werden. Montag fahren die einzelnen Gruppen los und kommen am Sonnabend mit dem Material von zwei bis drei Gemeinden wieder. Die Hofkarten, Dorfbeschreibungen und Dorfskizzen werden in der Dienststelle zur Sichtung und endgültigen Entscheidung über die Brauchbarkeit der einzelnen Höfe übergeben. Die in Pabianice anwesende Schützenkompanie der Wehrmacht veranstaltet einen Bunten Abend des WHW (Winterhilfswerk). Alle Deutschen in Pabianice sind eingeladen, und hier erst sehen wir, wie viele es eigentlich sind. Neben den Volksdeutschen sieht man die vielen Volksgenossen aus dem Altreich, die in allen Stellen eingesetzt sind und den Neuaufbau im Wartheland vollziehen: die in die "polnische Wirtschaft" deutsche Ordnung bringen.

Ein Hitlerjunge erzählt uns seine Erlebnisse aus den Septembertagen. Er war nach Warschau verschleppt worden und lag während der Tage und Nächte dauernder Beschießung der Stadt gefesselt in einem polnischen Gefängnis, das jeden Augenblick zusammengeschossen werden konnte. Ich bewundere, mit welcher Ruhe der Junge diese schrecklichen Stunden schildert. Seinen Äußerungen nach schätze ich ihn auf 19 Jahre. "Wie alt bist du eigentlich?" "Ich werde im Mai fünfzehn". Wir haben Ostersonntag. Es ist noch viel Arbeit nachzuholen: Wir verzichten auf den freien Tag, ersetzen das Festmahl durch stramme Haltung, und fahren hinaus. Diesmal mit dem Opel-Dienstwagen. Der Schnee ist schon fast ganz weggeschmolzen, die Eisdecke, die die Landwege bedeckte, ist verschwunden: nun sehen wir erst, was eigentlich mit diesen Wegen los ist. Vor Kieszczow fahren wir uns fest. Aus. Wir kommen nicht weiter. Unser Schieben ist erfolglos. Einige Polen und zwei Gäule werden herbeigeholt. Die Gäule werden vor den Wagen gespannt und alle Mann packen an. Hooo....Ruck, Hoooo.... Ruck! Der Fahrer läßt die Räder mit 120 Stundenkilometer sausen, wir stemmen uns gegen den Wagen, doch gibt nur der Untergrund nach, so daß wir bis an die Waden im Dreck stecken, der Pole haut auf die Gäule ein daß sie hochgehen - es nützt nichts. Wir richten uns auf und wischen den Schweiß von der Stirn. Die Hinterräder haben sich noch tiefer in den Lehmboden eingewühlt. Es beginnt zu schneien. Nach zweieinhalb Stunden, in denen wir mit Spaten und Spitzhaue den Wagen Rad für Rad ausgegraben haben, kann er mit Hilfe von vier Pferden und unter die Räder gesetzten Ästen endlich aus dem Loch gefahren werden. Der Kilometerzähler zeigt, daß wir fünfeinhalb Kilometer gefahren sind, ohne von der Stelle zu kommen... Die Wegen und "Straßen" sind eine Anklage gegen den Staat Polen. Ich sitze auf der Dienststelle und zeichne große Übersichtskarten der bearbeiteten Gemeinden mit den zur Ansiedlung vorgesehenen Höfen. Sie sollen als Grundlage für die aufzustellenden genauen Mob-Pläne zur Durchführung der Ansiedlung dienen. Mir gegenüber sitzt der Kamerad vom SS-Bodenamt und sichtet die Hofkarten. "Ha, hör mal her: kleine, aber schlechte Schmiede!" Das Sammeln solcher Stilblüten ist sein Steckenpferd. Schon wieder hat er etwas gefunden: "Zustand der Gebäude: sonst gut!" Und nach einiger Zeit: "Das ist doch das beste: zwei Pferde (mit dem Sohn)!" In unser Lachen hinein ertönt plötzlich die Ankündigung einer Sondermeldung. Wir rufen die Kameraden aus dem Nebenzimmer und beugen uns gespannt über das Rundfunkgerät. Wir erfahren vom Memorandum der Reichsregierung und der Besetzung von Dänemark und Norwegen. Unsere Augen leuchten. Wir fühlen es: ist ist so weit, es geht los, es wird Frühling!

Wir trafen Galizien- und Wolhyniendeutsche. Wenn sie vom Führer sprechen, so sagen sie "unser Vater". "Unser Vater hat uns gerufen". Sie gaben alles auf und wußten nicht, was sie in dem für sie eroberten Gebiet erwartet. Sie fragten nicht nach der Zukunft, sie fragten nicht nach dem Ausgang des Krieges. Sie fuhren wochenlang auf ihren Fuhrwerken dem Reich entgegen - und was sie dazu bewog, war allein ihr Glaube, der Glaube an den "Vater" und seine große Sache, die gelingen muß. Wir wollen glauben wie sie glauben.