Sozialkompetenz

  1. Männliche Eitelkeit und Stolz: Der Fall Semmelweiss 1850
    (S.I.McMillen:Vermeidbare Krankheiten. Neukirchen-Vluyn 1991, Seite 11-13)
     
  2. TU Berlin ehrt Georg Schlesinger - Oktober 1999  
  3. 30 Jahre Einladungsprogramm der Stadt Berlin: Ein Interview mit Dr. Senoner - 4.5.1999  
  4. Können wir uns halbwegs offen in die Augen sehen?
    2 Erfahrungsberichte nach einem Besuchsprogramm für Ehemalige
     
  5. Ziegen im Hinterhof oder: Von der Macht des Wortes  
  6. Ehrenbürger Ibrahim - Universität trennt sich von Lieblingsarzt. Jens Schley in studentischer Zeitung "UnAufgefordert", Mai 2000 S.23  
     
  7. Beispiele für mögliche Bürger-Eingabebriefe zur Projektermutigung  
     
  8. Vier Leitgedanken des Bürgerrechtlers Dr. Martin Luther King (1929-1968)  
  9. Eröffnungsrede des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft zu historischer Verantwortung, Berlin, 7.6.2001

  10. Grusswort (poln-dt) und etwa 50 Unterschriften an den Landrat in Zamosc, Distrikt Lublin, März 2000

  11. Grusswort (poln.-dt) und etwa 100 Unterschriften an die Jagiellonen-Universität Krakau zum 63. Jahrestag der brutalen Schliessung der Universität, 6. Nov. 2002

  12. Distomo, Griechenland, 1944, 2004. Erlebnisbericht der Gruppe QIIJOTE, Chemnitz, im Juni 2004

 


Männliche Eitelkeit und Stolz: Der Fall Semmelweis 1850

(S. I. McMillen: Vermeidbare Krankheiten. Neukirchen-Vluyn 1991, Seite 11-13)

Im Wiener Städtischen Krankenhaus starb um 1840 fast jede sechste Patientin auf der Wöchnerinnen-Station. Als Ursache galten Verstopfung, verspätetes Stillen, Furcht und vergiftete Luft. Die Sterblichkeitsrate entsprach dem damaligen internationalen Niveau der westlichen Welt. Waren die Frauen gestorben, brachte man sie in den Sezierraum. Jeden Morgen war es dann die erste Pflicht der Ärzte und Medizinstudenten, die unglücklichen Opfer, die während der vorhergehenden 24 Stunden gestorben waren, zu untersuchen. Sofort setzten die Ärzte, ohne sich vorher die Hände gründlich gewaschen zu haben, in der Entbindungsstation ihre gynäkologischen Untersuchungen ohne Handschuhe fort.

Um 1840 übernahm der junge Arzt Dr. Semmelweis die Leitung einer der Wöchnerinnen-Stationen. Drei Jahre sah sich Semmelweis dieses Sterben an und war ratlos Im Laufe der Zeit stellte er jedoch fest, dass gerade die Frauen krank wurden und starben, die vorher von Professoren und Ärzten untersucht worden waren. Daraufhin ordnete er in seiner Station an, dass Ärzte und Studenten, die bei der Leichenschau beteiligt waren, sorgfältig ihre Hände zu waschen hätten, bevor sie weitere Patienten der Entbindungsstation untersuchten. Im April 1847, bevor die Anordnung in Kraft trat, starben auf der Station 57 Frauen. Im Juni starb nur noch eine von 42 Frauen. Im Juli nur noch jede 84.. Die Statistiken zeigten eindrücklich, dass tödliche Infektionskrankheiten von den Leichen auf lebende Patienten übertragen worden waren.

Eines Tages untersuchten nach dem Sezieren und nach anschliessender gründlicher Reinigung der Hände Ärzte und Professoren hintereinander 12 auf der Station liegende Frauen. Alle, mit Ausnahme einer Frau, bekamen Fieber und starben. Irgendetwas wurde offensichtlich von einer Patientin zur anderen übertragen und führte zum Tode. Semmelweis ordnete daraufhin an, dass man sich auch nach jeder Untersuchung einer einzelnen Patientin sorgfältig die Hände zu waschen hatte. Sofort erhob sich Protest gegen das unsinnige Händewaschen. Aber die Sterblichkeitsziffer sank. Semmelweis blieb von seinen Kollegen jede Anerkennung verwehrt, im Gegenteil: Geburtshelfer und neidische Vorgesetzte verlachten und kritisierten ihn dermassen, dass sein Jahresvertrag nicht verlängert wurde. Sein Nachfolger liess sogar sämtliche Waschbecken wieder aus dem Zimmer herausreissen. Rapide stieg die Sterblichkeitsrate an und erreichte bald die alten erschreckenden Zahlen. Sein Kollegen liessen sich nicht überzeugen.

Acht Monate lang suchte Semmelweis vergeblich eine neue Anstellung an einem Wiener Krankenhaus. Geschlagen und deprimiert verliess er Wien und fand in seiner Geburtsstadt Budapest eine neue Anstellung. Wieder gelang es ihm, durch die Praxis des konsequenten gründlichen Händewaschens nach jeder einzelnen Untersuchung die Sterblichkeitsrate deutlich zu senken. Und wieder wurde Semmelweis von vielen Kollegen missachtet. Er schrieb eine wissenschaftliche Publikation über seine Erfahrungen, die seine Gegner jedoch nur zu bitterem Sarkasmus anspornte. Das hässliche Reden und die Schreie der sterbenden Mütter verfolgten ihn und belasteten seine empfindliche Natur. Schliesslich brach er zusammen, verlor sein Denkvermögen und starb später in einer Nervenheilanstalt. Eine Anerkennung zu seinen Lebzeiten blieb ihm verwehrt.


TU Berlin ehrt Georg Schlesinger

Aus "Technische Universität Intern" Oktober 1999

Foto: Schlesinger Anlässlich des 50. Todestages Georg Schlesingers veranstaltete die TU Berlin am 6. Oktober 1999 das Georg-Schlesinger-Gedenkkolloquium. Am Tage zuvor hatte TU-Präsident Hans Jürgen Ewers eine Gedenktafel zu Ehren des ehemaligen TH-Professors enthüllt. Die Tafel wird an der einstigen Wirkungsstätte von Georg Schlesinger, dem Gebäude des ehemaligen Versuchsfeldes für Werkzeugmaschinen, angebracht.

Georg Schlesinger, der am 6. Oktober 1949 im Londoner Stadtteil Wembley starb, gilt als einer der herausragendsten Vertreter des Maschinenbaus in diesem Jahrhundert. 1904 als ordentlicher Professor auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe an die Königlich Technische Hochschule Charlottenburg berufen, erwarb er sich in den Bereichen Rationalisierung und Normung besondere Verdienste. Er gründete das Institut für Psychotechnik, um durch die Einbeziehung von psychologischen Faktoren in Arbeitsprozesse die Arbeit für den Menschen geeignet zu machen, und schuf die Basis für die biomedizinische Technik an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Sein Anspruch, als Schnittstelle zwischen Hochschule und Industrie zu wirken, dem er hoch engagiert nachkam, erscheint aus der Distanz von über einem halben Jahrhundert bemerkenswert aktuell und vorausschauend.

Die Technische Hochschule Charlottenburg hat ihm seinen Einsatz nicht gedankt, im Gegenteil: Als Jude unerwünscht, wurde er 1933 von Mitarbeitern denzuniert und wegen Werkspionage und Hochverrats neun Monate in Untersuchungshaft genommen. Nach seiner Freilassung wurde er konsequent aus dem Amt gedrängt - der Zutritt in sein Institut wurde ihm ebenso verwehrt wie der Zugriff auf seine Unterlagen. Ohne nennenswerte Proteste von Kollegenseite wurde er am 1.1.1934 mit der Begründung, zur Erziehung deutscher Ingenieure unfähig zu sein, in den Ruhestand versetzt. Mit dem Gedenkkolloquium und einer Gedenktafel will die TU Berlin den bedeutenden Wissenschaftler spät - aber hoffentlich nicht zu spät - ehren. Präsident Ewers wies darauf hin, dass die TU Berlin sich im Rahmen der anstehenden Jubiläen auch mit den dunklen Kapiteln der Geschichte der TU Berlin auseinandersetzen müsse, um einem bedeutenden Wissenschaftler wie Georg Schlesinger den Rang einzuräumen, der ihm gebührt. Auf wissenschaftlicher Ebene verfolgt die TU Berlin dieses Ziel unter anderem mit dem DFG-Projekt "Leben und Wirken jüdischer Betriebswissenschaftler", das am Produktionstechnischen Zentrum Berlin unter der Leitung von Professor Günter Spur und Professor Wolfram Fischer bearbeitet wird.


30 Jahre Einladungsprogramm der Stadt Berlin
Interview von M. Burchard mit Dr. Senoner am 4.5.1999

Am 30.06.69 beschloß der Senat von Berlin, in der ns-Zeit verfolgte und aus der Stadt emigrierte Mitbürger einzuladen. Folgende Fragen an Dr. Senoner, Senatskanzlei Berlin, (4.5.99 16.00 h)

  1. Berlin war nach Frankfurt/M. die zweite Stadt in Deutschland, die ehemalige Bewohner auf Kosten der Stadt für eine Woche einlud. Wie kam es zu dem Programm? Was ist das Grundanliegen?

    Eine Wiedergutmachung kann dieses Einladungsprogramm nicht sein, aber doch eine Geste der Anerkennung der schweren Vergangenheit. Die Ehemaligen und übrigens auch die Mitarbeiter und Helfer erleben es meist als Chance zur Verarbeitung in der gemeinsamen Begegnung mit offiziellen Repräsentanten und auch Berliner Familien. Das Programm fand ein großes Echo. Über 17.000 Ehemalige und jeweils eine Begleitperson haben die Einladung für eine Woche angenommen.

  2. Welches sind die Grunderfahrungen und häufigsten Reaktionen der ehemaligen Berliner?

    Die Grunderfahrung ist, daß das Wiedersehen und die Begegnungen helfen, mit den traumatischen Erfahrungen besser zu leben. Manche hatten jahrelang schwere Träume, die nach dem Berlin-Besuch nicht mehr auftraten. Die schlechten Erfahrungen der Vergangenheit und entsprechende Ängste können relativiert und ergänzt werden durch neue und gute Erfahrungen. Zuweilen scheint sich ein innerer Bann zu lösen, der zu einem freudigen Weitererzählen von dem Einladungsprogramm führt.

  3. Eine 1998 zur Bundestagswahl zugelassene Partei sprach von "zum Ritual erstarrter Vergangenheitsbewältigung als Zumutung für die junge Generation". Das permanente Schüren von Schuldgefühlen hätte kaum noch erträgliche Ausmaße erreicht. Wie reagieren die jungen Helfer und Mitarbeiter des Programms?

    Das Programm ist in keiner Weise rituell erstarrt noch schürt es Schuldgefühle. Junge Mitarbeiter und Helfer reagieren in den schweren Begegnungen manchmal mit Befangenheit, aber sie versuchen nicht, den Situationen auszuweichen.

  4. Wie hoch sind die Kosten des Programms für die Stadt Berlin und den Steuerzahler? Lohnt sich der Aufwand für alte Menschen, die kurz vor ihrem Lebensende stehen?

    Zur Zeit beträgt der Jahresetat recht genau eine Million DM. Wenn Sie sehen, was es den Ehemaligen bedeutet, dann stellen Sie diese Fragen nicht mehr. Ich kenne niemand, der das Programm kennt und es finanziell in Frage stellt.

  5. Hat das Programm aus Steuermitteln in der Vergangenheit eventuell eher verhindert, daß große Firmen und Institutionen selbst ihre eigene Hausgeschichte transparent machen und nach Ehemaligen forschen, nach dem Motto: Der Senat macht es ja schon?

    Nein, diese Wirkung schließe ich aus. Ich bin überzeugt, daß solche Einladungsprogramme beispielhafte Vorbildwirkung haben und Geschichtsblindheit überwinden helfen.

  6. An der Humboldt-Universität wurden am 7.7.1998 27 DDR-Unrechtsfälle und 53 NS-Unrechtsfälle rehabilitiert, überwiegend Aberkennung des Doktorgrades aus rassischen oder politischen Gründen. Ist es Ihrer Meinung noch erforderlich, die Kinder oder Enkel über den Rechtsakt der Rehabilitation zu unterrichten?

    Es ist nicht meine Aufgabe, anderen Institutionen Empfehlungen auszusprechen. Bei laienhafter Betrachtung erscheint es mir normal und im Wesen der Rehabilitation, daß diese öffentlich geschieht, besonders gegenüber den Betroffenen oder, sofern sie nicht mehr leben, gegenüber den Familienangehörigen.

 

Können wir uns halbwegs offen in die Augen sehen?
2 Erfahrungsberichte nach einem Besuchsprogramm für Ehemalige

Reichelsheimer Juden zu Besuch nach 50 Jahren, in: Irmela Hofmann (Hg), Ausbruch, Abenteuer einer Grossfamilie, Giessen 1998, Seite 97,99

Auch die kleine Gemeinde Reichelsheim im Odenwald hatte sich 1995 entschlossen, ehemalige Mitbürger einzuladen. 47 Anmeldungen überstiegen die Erwartungen und das Gemeindebudget deutlich. So wurden im Freundeskreis der Offensive Junger Christen weitere 80.000 DM gesammelt, um den Besuch der Ehemaligen möglich zu machen. Nach der Rückkehr beschrieben zwei Gäste aus den USA und Israel die Zeit wie folgt:

J.D.&J.C: ...Bevor wir nach Reichelsheim kamen, begleiteten viele Ängste, Befürchtungen und Zorn unsere Rückkehr in das Land, das meine Familie gezwungen hatte, Reichelsheim zu verlassen und die Familie meiner Frau in Auschwitz in den sicheren Tod geschickt hatte. Aber die Menschen in Reichelsheim und die OJC-Gemeinschaft haben uns viele unserer Ängste und Sorgen durch ihre Liebe und echte Warmherzigkeit genommen. Sie haben in ihrer Fürsorge an alles gedacht, was wir brauchten. So konnten wir auf unsere Seele achten und die Tiefe unserer Gefühle zulassen (Schmerz, Verletzungen und Zorn), die Wärme und Liebe, die uns umgab, in uns aufnehmen und dadurch zu einer gewissen Versöhnung und Heilung kommen...

H.&B.R.: H. erfuhr viel über seine frühe Kindheit von den Mitreisenden. Sein Gedächnis schien blockiert zu sein, weil er nur schlimme Dinge in Erinnerung hatte. Sie erzählten ihm von seiner guten Zeit in Reichelsheim, bevor er und seine Familie es verlassen mußten. Wir werden die guten Erfahrungen, die wir mit euch gemacht haben, wie einen Schatz hüten...

Ziegen im Hinterhof oder: Von der Macht des Wortes:

mündliche Überlieferung von Nicloa Fohrer (?) an M. Burchard während der Hauptexkursion des Fachgebietes 15, "Internationale Agrarentwicklung" der Technischen Universität Berlin im Mai 1988 in Griechenland.

In den achtziger Jahren gab es in Berlin-Charlottenburg in einen großen Hinterhofkomplex eine Ziegenweide mit mehreren Ziegen. Insbesondere die jungen Zicklein erfreuten sich außerordentlicher Beliebtheit bei allen Anwohnern. Eines Tages wurden die Baupläne für eine Häuserbebauung bekanntgegeben, welche die Ziegenweide stark einschränken würde. Die Anwohner waren sehr erschrocken und kamen in dem Ziel überein, dem Bezirksstadtrat telefonisch Sturm zu läuten, um den geplanten Bau zu verhindern. Sie riefen eine Aktionswoche aus und ließen das Telefon des Stadtbaurates nicht stillstehen. Nach drei Tagen gab der Stadtbaurat bzw. der Bezirksbürgermeister nach und zog die bereits erteilte Baugenehmigung für den Hausbau wieder zurück. Eine Millioneninvestition war verhindert und vor allem die Ziegenweide war gerettet. Mündliche Überlieferung von 1988.


Ehrenbürger Ibrahim

Die Universität trennt sich von ihrem Lieblingsarzt.
Jens Schley in studentischer Zeitung "UnAufgefordert", Mai 2000 S.23

Jussuf Ibrahim war bisher in Jena ein guter Name. Eine Kinderklinik, eine Straße und Kindertagesstätten sind nach dem aus Ägyptn stammenden Kinderarzt benannt, der von 1917 bis zu seinem Tode 1953 die Universitätskinderklinik in Jena leitete. Ibrahim ist Ehrendoktor der Friedrich-Schiller-Universität (FSU). In der kleinen thüringischen Universitätsstadt gilt er vielen Einwohnern ob seiner medizinischen Leistungen als Legende.

Die andere, nicht so schöne Seite Ibrahims wollte dagegen lange Zeit kaum jemand hören, obwohl sie seit Jahren bekannt ist. Bereits 1985 wurde Ibrahim im Zusammenhang mit den Euthanasie- Morden im Dritten Reich genannt. Ibrahim hatt 1942 auf dem Höhepunkt der Mordaktionen behinderter Menschen auf die Krankenblätter einiger Kinder geschrieben: "Euthanasie beantragt". Obwohl diese Dokumente in Ost und West zugänglich waren, blieb es auch bis lange Zeit nach der Wende bei den sauberen Legenden vom "Arzt der Kinder".

Erst im vergangenen Jahr, nachdem Veröffentlichungen des ausgewiesenen Experten für Medizinverbrechen im Dritten Reich, Ernst Klee und der Jenenser Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann, wurde das bereits bekannte wieder publik, zumal Klee und Zimmermann den alten Dokumenten neue hinzufügten.

"Euthanasie beantragt"

Aus diesen Dokumenten geht zweifelsfrei hervor, dass Ibrahim nicht nur um die Euthanasie-Verbrechen wusste, sondern sich zumindest an den Tangenten dieser Verbrechen als Mittäter engagierte. So schickte er 1944 ein fünfjähriges Zwillingskind mit der Maßgabe "keine aussichtsreiche Zukunft" und "Euth?" in die als Tötungsanstalt fungierende Nervenklinik Stadtroda, wo das Kind wenig später offiziell an Herz-Kreislauf-Schwäche starb. Nach der Veröffentlichung dieser und anderer Dokumente entlud sich in Jena eine Debatte ungewohnten Ausmaßes mit heftigen Emotionen. Klee und Zimmermann wurden einer West- Kampagne bezichtigt, hunderte von Artikeln und Leserbriefen kämpften in der Ortspresse für und wider den Arzt und die bei solchen Themen stets präsenten gleichen Medienfiguren waren auch in Jena sofort präsent und heizten die Deskussion zusätzlich an.

Die Universität, die sich wegen ihres jahrelangen Schweigens einer besonders heftigen Kritik ausgesetzt sah, tat das einzig richtige und setzte eine Kommission zur Überprüfung der Vorwürfe ein. Unter Leitung des Historikers Herbert Gottwald, der auch die Neubearbeitung der Universitätsgeschichte Jenas leitet, arbeitete die Kommission schnell und mit einer Sachlichkeit, die beispielgebend für ähnliche Probleme sein könnte.

Zwingende Erkenntnisse

Bereits Ende April legten die sechs Hochschullehrer eine nüchterne und in ihren Ergebnissen nie polemische Expertise vor, die sich auch nicht scheute, bestehende Defizite im Umgang mit der eigenen Universitätsgeschichte deutlich zu benennen. So wurde das Fehlen von Untersuchungen zur Medizin im Nationalsozialismus an der FSU ebenso kritisiert wie das Fehlen einer wissenschaftlichen Biographie Ibrahims, die eine Gesamtdarstellung seiner Person ermöglicht und an die Stelle existierender Legenden tritt. Denn die lassen sich nicht mehr aufrechterhalten. In sieben Fällen, so das Ergebnis der Kommission, hat Ibrahim zwischen 1941 und 1945 Kinder nach Stadtroda zur Euthanasie überwiesen, alle sieben Kinder verstarben. Dass er trotz seiner Kenntnis der Vernichtungsaktion Kinder nach Stadtroda überwiesen hat, läßt auch den Einwand der Verteidiger Ibrahims nicht bestehen, der Arzt habe zwar gewußt, aber nicht anders handeln können. Aus dieser Erkenntnis folgt für die Kommission zwingend, dass die Universitätsklinik nicht mehr den Namen Jussuf Ibrahim tragen kann. Ein entsprechender Beschluß des Akademischen Senats der FSU folgte den Empfehlungen der Kommission.

Die Universität bemüht sich nun, die Versäumnisse der letzten Jahre möglichst konsequent aufzuholen. Dazu gehört eine öffentliche Entschuldigung und ein Gedenk-Gottesdienst für die Euthanasie-Opfer sowie besondere Förderung von Forschungen zu diesem Thema.

Angst vor der Heiligenfigur

Lediglich in der Kommunalpolitik ist der Name Ibrahim im Zusammenhang mit Euthanasie nach wie vor ein Tabu. Im Vorfeld der am 14. Mai stattgefundenen Oberbürgermeisterwahlen spielte dieses Thema keine Rolle. Peter Röhlinger, der alte und neue Oberbürgermeister der Stadt, hat noch immer Angst vor der für viele Jenenser nach wie vor gültigen Heiligenfigur Ibrahim. Röhlinger verrechnet immer noch die guten und bösen Taten Ibrahims: "Er schützte doch auch jüdische Familien", sagt Röhlinger entschuldigend und will damit erst mal Ruhe schaffen. Bis weit nach der Wahl. Dann vielleicht kommt auch die Zeit, dass sich Jenas Lokolpolitiker mit ihrem Ehrenbürger Jussuf Ibrahim auseinandersetzen.

Anmerkung: Der vollständige Bericht der Kommission kann unter www.verwaltung.uni-jena.de/oeff/ibrahim heruntergeladen werden.


 

Vier Leitgedanken des Bürgerrechtlers
Dr. Martin Luther King (1929-1968)

Vier Leitgedanken von Dr. Martin Luther King (1929-196.), Verpflichtungserklärung für Aktionsteilnehmer, Kurzzitat (Rainer Hildebrandt, Von Gandhi bis Walesa, Gewaltfreier Kampf für Menschenrechte, Verlag Haus am Checkpoint Charlie, Berlin 1987, Seite 48, 55, 62)

Es geht um die direkte Aktion. Ein bestimmter Notstand muss veranschaulicht, bewusst gemacht und dadurch dramatisiert werden. Man darf sich dabei niemals auf vage Gerüchte und subjektive Eindrücke verlassen. Vielmehr muss der Notstand genauestens untersucht werden. Danach gilt es, die gesamte Bevölkerung des ausgewählten Operationsgebietes zu unterrichten über die Methode und Zielsetzung der Aktion. Die Aktion braucht die Sympathien derer, die nicht an ihr teilnehmen, aber sie beobachten.

  1. Zu Taten kann man erst übergehen, nachdem so lange wie möglich verhandelt worden ist. Wir wollen unsere Gegner für unsere Sache gewinnen, indem wir ihnen zeigen, das unsere Sache ihre Sache und das ihre Sache unsere Sache ist. Den Begriff "Sieg" kennen wir nicht. Er gehört in den Boxring. Der Ort unserer Auseinandersetzung ist der Konferenztisch. Erreichen wir hier nichts, haben wir uns zu besinnen zu erforschen, um zu gewährleisten, dass die Aktionen, die wir nun einleiten, frei bleiben vom Geist der Feindseligkeit.
  2. Der Kampf bringt unvermeidlich Leiden mit sich. Es kommt darauf an, Leiden zu akzeptieren. Wir wissen, dass wir durch Ströme von Blut hindurch müssen. Aber wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, das es - wen es denn schon sein muss - nicht das Blut unserer Gegner ist.
  3. Wir beabsichtigen nicht die Unterdrückung der Unterdrücker. Wir beabsichtigen Versöhnung. Versöhnung ist jedoch nicht Verwöhnung. Sie ist das Ergebnis harter Anstrengungen aller, die am Kampf beteiligt sind.

Schriftliche obligate Verpflichtungserklärung für alle Freiwilligen zur Gewährleistung der richtigen Geisteshaltung vor geplanten Aktionen der US-Bürgerrechtsbewegung: "Ich verpflichte mich zur Enthaltung von Gewaltlosigkeit der Faust, der Zunge und des Herzens und bin bereit, den Regeln der Bewegung und den Anweisungen des Leiters einer Demonstration zu folgen."

Zitat M.L.King: "Das große Hindernis unserer Bewegung sind die "Gemäßigten", welche der Ordnung größere Verehrung entgegenbringen als der Gerechtigkeit und die einen negativen Frieden, einen der Abwesenheit von Spannungen einem positiven Frieden der Austragung des Konfliktes vorziehen. Dabei sind wir, die die direkten Aktionen unternehmen, nicht diejenigen, welche die Spannungen erzeugen. Wir bringen sie ans Tageslicht, so dass man sie erkennen und behandeln kann."

 


"Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-
Wilhelm-Instituten – Die Verbindung zu Auschwitz"

Ansprache des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., Hubert Markl, am 7. Juni 2001 in Berlin anlässlich der Eröffnung des Symposiums

Foto aus dem Garten der Fritz-Haber-Villa in Berlin-Dahlem, Ansicht des kostenlosen Farbprospekts mit zusätzlich zwei Erwiderungsreden, erhältlich beim MPI für Wissenschaftsgeschichte, Glinkastr. 5-7, Berlin-Mitte, Projektgruppe Geschichte der KWG im NS

Die Rolle der Wissenschaft während der Nazi-Diktatur ist eines der vielen, bis heute nur unzureichend aufgeklärten Kapitel deutscher Vergangenheit. Dies gilt auch für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft. Das heute Nachmittag und morgen stattfindende Symposium "Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten – Die Verbindung zu Auschwitz" ist ein Teil eines Forschungsprogramms, das das Handeln der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihrer Wissenschaftler in der Zeit des Nationalsozialismus an ausgewählten Beispielen wissenschaftlich untersucht. Dieses Symposium ist damit Teil des Bestrebens der Max-Planck-Gesellschaft, mit den Mitteln historischer Forschung alle Tatsachen über ihre Geschichte rückhaltlos offenzulegen und damit Licht in das Dunkel der eigenen Vergangenheit zu bringen. Wir müssen bereit sein – auch und gerade, wenn es schmerzlich ist -, die Wahrheit anzunehmen und uns der Vergangenheit zu stellen, um aus der Einsicht in die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Dies sind wir vor allem den Opfern der nationalsozialistischen Ideologie schuldig, den vielen toten genauso wie den wenigen überlebenden.

Wo anstelle erwiesener Tatsachen bloße Vermutungen sind, entstehen leicht Legenden, halten sich hartnäckig Leugnen und Beschönigung und gerät Verantwortung allzuleicht zum reinen Lippenbekenntnis. Dem ungeschönten, historisch dokumentierten Wissen über die Verbrechen, die damals begangen wurden, lässt sich hingegen nicht ausweichen. Hierin besteht gewiss ein Versäumnis der Max-Planck-Gesellschaft wie so vieler Organisationen, Unternehmen und Institutionen in Deutschland nach dem II. Weltkrieg. Viele Fragen wurden allzu lange nicht gestellt, viele Zusammenhänge blieben allzu lange unerforscht oder nur von Außenseitern bearbeitet, viele Dokumente lagen alllzu lange unzugänglich unter Verschluss oder nur zu gerne unbeobachtet in Archiven. Zu lange gab es auch kollegiale Schonung, wo ehrliche Aufklärung not getan hätte. Zu viele hatten aktiv oder passiv an der Nazi-Diktatur mitgewirkt, so dass nur zu gerne eigene Mitverantwortung oder gar Mittäterschaft verborgen wurde, um ungestört und scheinbar unbelastet an der neuen demokratischen Nachkriegsgesellschaft teihaben zu können..

Die heute größere Bereitschaft, sich den Tatsachen der Vergangenheit zu stellen, ist deshalb nicht Ausdruck pharisäerhaft nachholenden Besserwissens oder gar moralisierender Überheblichkeit der Spätgeborenen, sondern Erfüllung einer Pflicht, zu der sich die unmittelbar Beteiligten und Betroffenen lange Zeit nicht imstande sahen oder sie als Mitbeteiligte scheuten, während Unbeteiligte falsch verstandene Rücksicht übten. Wir sind es jedoch uns selbst wie den nachkommenden Generationen schuldig, der notwendigen Feststellung der Wahrheit nicht länger auszuweichen.

Die Max-Planck-Gesellschaft als Organisation der Spitzenforschung in Deutschland hat eine hohe Verantwortung, das Ihre zur Offenlegung der Vergangenheit beizutragen – zumal ihrer eigenen. Die Max-Planck-Gesellschaft wurde im Februar 1948 auf Betreiben und mit Unterstützung der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte zwar ganz bewusst als eine neue Institution gegründet, als eine demokratische Organisation der Forschung in einem neuen demokratischen Deutschland. Aber andererseits stand die Max-Planck-Gesellschaft zugleich wissenschaftlich in vielerlei Hinsicht ganz in der Tradition der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, deren bestem wissenschaftlichen Erbe sie sich verpflichtet fühlte und das sie bis heute zu bewahren sucht. Auch personell gab es enge Verpflechtungen, denn viele führende Wissenschaftler der neu gegründeten Max-Planck-Gesellschaft hatten zuvor an Kaiser-Wilhelm-Instituten gearbeitet.

So ist die Max-Planck-Gesellschaft heute zwar nicht identisch mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Sie hat jedoch aufgrund vielfältiger Verbindungen ohne Zweifel in vieler Hinsicht deren Erbe angetreten. Schon die Benennung der Gesellschaft nach Max Planck, einem der herausragenden Physiker des 20. Jahrhunderts, von untadeligem Charakter, Nobelpreisträger 1918, Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von 1930 bis 1937 und 1945/46, war gewollter Ausdruck einer ideellen Kontinuität, aber zugleich auch eines moralischen Neubeginns. Ein Erbe anzutreten heißt allerdings auch, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen, sowohl für das Positive, insbesondere die große wissenschaftliche Tradition eines Adolf von Harnack, eines Albert Einstein, einer Lise Meitner, eines Max von Laue oder eines Max Planck-, als auch für das Negative, und das bedeutet, wenn es sein muss, auch das Eingeständnis von Schuld.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Initiativen ergriffen, sich aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. So initiierte sie schon in den 1950er Jahren langfristige vertragliche Kontakte mit dem Weizmann Institut in Israel, lange bevor die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen zum Staat Israel aufnehmen konnte, Im Jahr 1973 wurde ein eigenes Archiv eingerichtet mit dem Auftrag, die Akten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und der Max-Planck-Gesellschaft zu sichern, zu sichten und sie der Öffentlichkeit und vor allem der Forschung – im Rahmen der rechtlichen Voraussetzungen – zugänglich zu machen. Präsident Reimar Lüst regte 1983 eine Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft an, herausgegeben von Rudolf Vierhaus und Bernhard vom Brocke, in der viel Vorarbeit für weitere Untersuchungen geleistet wurde. Als bekannt wurde, dass Gewebeproben von Opfern nationalsozialistischer Verbrechen noch im Besitz einiger Max-Planck-Institute waren, unternahm die Max-Planck-Gesellschaft, damals unter Leitung von Herrn Staab, alles erdenklich Mögliche, um die Sachverhalte aufzuklären und der Opfer würdig zu gedenken: Die Überreste wurden 1990 in München feierlich bestattet; ein Mahnmal erinnert an die Opfer. Am 14. Oktober des vergangenen Jahres wurde gemeinsam mit der Helmholtz-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Berlin-Buch ein Denkmal für die Opfer mörderischer "Euthanasie" und damit zugleich einer verblendeten Wissenschaft enthüllt.

Nach Vorbereitungen meines Vorgängers habe ich im Jahr 1997 mit Zustimmung des Senats der Max-Planck-Gesellschaft eine Forschungskommission eingesetzt, die den Auftrag hat, die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich zu erforschen und ein möglichst präzises Bild der damaligen Ereignisse und ihrer Folgen zu zeichnen. Den Vorsitz der Kommission haben die Professoren Reinhard Rürup von der TU Berlin und Wolfgang Schieder von der Universität zu Köln inne: beide international angesehene Zeithistoriker und beide – darauf haben wir Wert gelegt – nicht Mitglieder der Max-Planck-Gesellschaft. Weiterhin gehören der Kommission die Professoren Doris Kaufmann (Universität Bremen), Hartmut Lehmann (MPI für Geschichte, Göttingen), Jürgen Renn (MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin), Hans Jörg Rheinberger (MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin), Michael Stolleis (MPI für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt), Paul Weindling (Oxford Brookes University, Oxford) sowie Fritz Stern (Columbia University, New York) an. In der Nachfolge von Franz Emanuel Weinert (MPI für psychologische Forschung, München, und ehemaliger Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft), der leider im März diesen Jahres allzu früh verstorben ist, ist Jochen Frowein (MPI für Völkerrecht, Heidelberg) als Vizepräsident für den Geisteswissenschaftlichen Bereich der Max-Planck-Gesellschaft ebenfalls Mitglied der Kommission. Unter ihrer Verantwortung und unbeeinflusst durch die Leitung der Max-Planck-Gesellschaft wirken Gastwissenschaftler und Doktoranten aus dem In- und Ausland an dem Forschungsprogramm mit. Die Projektleitung liegt in Händen der Zeithistorikerin Dr. Carola Sachse.

Die Kommission und ihre Mitglieder haben freien Zugang zu allen Akten, über die die Max-Planck-Gesellschaft verfügt. Die Kommission gibt eine eigene Publikationsreihe heraus und veranstaltet öffentliche Vortragsreihen, Symposien und Workshops, um die Ergebnisse ihrer Arbeit in die wissenschaftliche, aber auch in die breite öffentliche Diskussion einzubringen. Sie ist sich bewusst, dass sie ihre Aufgabe, die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Dritten Reich wissenschaftlich aufzuarbeiten, niemals alleine bewältigen kann. Sie sichtet und bewertet zu spezifischen Themenfeldern den Forschungsstand, erarbeitet eigene Beiträge, liefert Anstöße für weitere Forschungsarbeiten und sorgt für deren Durchführung oder regt die Bearbeitung an anderer Stelle an. Selbst ein noch so aufwendiges und ehrgeiziges Forschungsprogramm könnte in begrenzter Zeit und mit begrenzten Mitteln alleine kaum alle Quellen auswerten und alle Aspekte durchleuchten. Vor allem aber ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus eine dauerhafte Aufgabe für die historische Wissenschaft wie für die gesamte deutsche Gesellschaft, der sie sich immer wieder aus Neue stellen müssen.

Die Kommission kann jedoch Stück für Stück mit Fakten erhärten, wo zuvor nur Vermutungen waren. Sie kann einen Boden gesicherter Tatsachen bereiten, der dann Bewertungen zulässt, die über den allgemeinen Ausdruck der Betroffenheit über die während der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen hinausgehen. Sie kann beitragen, Opfer und Täter zu benennen, vor allem aber versuchen, deren Motive und Gründe moralischen Versagens offenzulegen. Sie kann konkrete Schuld belegen und damit die Voraussetzungen für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schaffen, sie soll aber auch deutlich erkennbar machen, wo moralische Charakterstärke und wissenschaftliches Ethos Menschen veranlasste, der Versuchung entgrenzender Forschungsmöglichkeiten zu widerstehen.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und die sie tragenden Personen waren Teil der damaligen Zeit, und so spiegeln sich die vielfältigen Facetten der politisch-sozialen Wirklichkeit dieser Zeit auch in der Wirklichkeit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wider. Sowenig sich das deutsche Volk pauschal be- oder verurteilen lässt, sowenig würde eine undifferenzierte Betrachtung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Organisation und den handelnden Personen gerecht. Sie war tief eingebettet in das nationalistische Denken und in die Vorurteile ihrer Zeit – auch solcher, die sie selbst vermeintlich wissenschaftlich erforschte und begründete - , so wie sie auch in anderen Nationen verbreitet waren. Eben deshalb bleibt aufzuklären, warum gerade in Deutschland, damals mit an der Spitze wissenschaftlicher Zivilisation, aus Meinungen Hetzparolen, aus Vorurteilen Verurteilungen, aus mehr oder weniger abstrusen Theorien Taten, aus chauvinistischen Schriften blutige Verbrechen wurden.

Der Umgang mit historischer Verantwortung erfordert von uns Deutschen ein hohes Maß an Sensibilität. Auch wenn die meisten von uns heute keine persönliche Schuld tragen können, weil sie erst später geboren wurden, bleibt es die Aufgabe der heutigen wie aller zukünftigen Generationen, der historischen Wahrheit ins Auge zu sehen. Es gilt dabei auch Sorge dafür zu tragen, dass Schuld und Verantwortung nicht zu inhaltsleeren Begriffen einer Rhetorik der "political correctnes" verfallen, indem abstrakt und ohne konkreten Bezug zu Taten und Tätern, dafür aber mit umso stärkerem moralischen Impetus Bekenntnisse gefordert oder abgegeben werden. Ich habe daher stets großen Wert darauf gelegt, dass zuerst das Geschehene mit aller gebotenen Sorgfalt historischer Wissenschaft ermittelt und untersucht wird und erst dann eine Bewertung auf der wissenschaftlich abgesicherten Grundlage der historischen Fakten erfolgt.

Das auf fünf Jahre angelegte Forschungsprogramm wurde im März 1999 mit einer viertägigen Konferenz "Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung" eröffnet. Zahlreiche international renomierte Historiker aus dem In- und Ausland nahmen darin eine Zusammenstellung des nach dem Stand der Forschung Bekannten und Belegten zur Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und anderer Organisationen im Nationalsozialismus vor. Die Ergebnisse dieser Konferenz wurden in einem Sammelband von der Kommission herausgegeben und für jedermann zugänglich dokumentiert (Doris Kaufmann (Hg.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung, Göttingen 2000).

Als einen ersten Schwerpunkt ihrer Arbeit wählte die Kommission das Feld der Biomedizin und der rassenbiologischen Forschung und Anwendungspraxis. Dies war richtig und naheliegend, denn hier wird am deutlichsten erkennbar, auf welche Weise und in welchem Ausmaß die Forschung in Deutschland zur damaligen Zeit mit dem Nazi-Regime verstrickt war. Die Biomedizin ist darüber hinaus das Gebiet, wo im Zusammenhang mit der Wissenschaft die meisten und schlimmsten Opfer zu beklagen sind und wo die moralische Entgrenzung der Wissenschaften durch den nationalsozialistischen Rassenwahn am unmittelbarsten erkennbar wird. Gewiss, menschenverachtender Rassismus hat viele – nicht nur deutsche – Gesichter und tiefe – keineswegs nur deutsche – historische Wurzeln: Ausbeutung und Versklavung, Unterdrückung und Vergewaltigung, Mord und Massenmord bis hin zum Genozid aus Rassendünkel und Rassenhass, von "Herrenrassen" gegen "Sklavenrassen", denen ungestraft und ruhigen Gewissens Drangsal und Grausamkeit angetan werden, - das sind nicht nur deutsche, das sind nicht nur neuzeitliche Verkommenheiten einer gottlos entwurzelten Gesellschaft, und leider auch keine, die mit dem Nazi-Reich ihr Ende gefunden haben. Aber wir Wissenschaftler müssen eine ganz besondere Art eines solchen bösartigen Rassismus noch schlimmer finden als all die anderen Scheußlichkeiten im Sündenbuch der Menschheit. Weil wir die Wissenschaft zu Recht für eine der größten menschlichen Leistungen halten, muss uns vor einem vorgeblich wissenschaftlich begründeten Rassismus und einer angeblich wissenschaftlich gerechtfertigten Menschenvernichtungspraxis noch mehr schaudern als vor allen anderen Arten peinigender Entwürdigung und Entrechtung von Mitmenschen. Denn es gibt kein schlimmeres Verbrechen, als wenn hochintelligente Menschen mit klarem Verstand, kühlem Herzen und totem Gewissen ohne jedes Mitgefühl andere Menschen schlimmer als Tiere mißhandeln und umbringen, um angeblich damit der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis zu dienen. Solche Verbrechen sind eine unauslöschliche Schande nicht nur für die, die sie ausführen, sondern auch für alle, die sie duldeten, ja eigentlich für die Biowissenschaften selbst, in deren Namen sie ausgeführt wurden. Und eine solche Schande lebt fort, solange man sich an sie erinnert.

Aufbauend auf dem bereits gewichtigen Stand der Forschung hat die Kommission in ihrer Arbeit umfangreiches Wissen zusammengetragen. Zum einen konnte manches, was bislang vermutet wurde, bestätigt werden, zum anderen ließen sich in wichtigen Punkten zusätzliche Erkenntnisse gewinnen. Nach zwei Jahren nun liegen wissenschaftliche Befunde vor, die eine geistige Miturheberschaft und zum Teil sogar aktive Mitwirkung von Direktoren und Mitarbeitern von Kaiser-Wilhelm-Instituten an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes historisch zweifelsfrei belegen und somit – in bestimmten Fragen – eine eindeutige Bewertung zulassen, ja geradezu erfordern. Die Max-Planck-Gesellschaft –als "Erbe" der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft- muss sich diesen historischen Fakten und damit ihrer historischen und moralischen Verantwortung stellen. Als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft will ich daher eine erste Bewertung vornehmen und diese hier auch öffentlich begründen.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat – soweit wir dies bislang wissen – keine Beschlüsse von Vorstand oder von Gremien getroffen, sich aktiv an verbrecherischen Forschungen zu beteiligen. Gleichwohl hat sie es wissentlich oder unwissentlich geduldet, dass sich Direktoren und führende Wissenschaftler mehrerer Kaiser-Wilhelm-Institute aus eigenem Bestreben aktiv und fördernd an der biologisch-rassistischen Politik der damaligen Machthaber beteiligt haben. Zentren dieses Handelns waren insbesondere (aber nicht auschliesslich) das "Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" in Berlin-Dahlem, das "Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung" in Berlin-Buch sowie die "Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie" in München. Soweit wir dies heute gesichert feststellen können, fanden diese Aktivitäten ihren Niederschlag insbesondere auf drei Felden:

  1. Die NS-Rassengesetzgebung, darunter auch die abscheuerregenden Nürnberger Gesetze von 1935, und deren praktische "rassenhygienische" Anwendung wurden unterstützt, teilweise sogar angeregt durch einige Direktoren und Mitarbeitern von Kaiser-Wilhelm-Instituten wie z.B. Ernst Rüdin oder Eugen Fischer.
  2. Die Beteiligung an eugenisch-"rassenhygienisch" begründeten Euthanasieverbrechen oder auch nur die Nutzung der getöteten Opfer zu wissenschaftlichen Untersuchungen durch KWG-Wissenschaftler wie Hugo Spatz oder Julius Hallervorden überschritt klar und ohne jeden Zweifel die Grenzen ethisch verantwortbarer Forschung.
  3. Dies gilt ebenso für die wissentliche oder auch unbefragte Nutzung von vorgeblich wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten in NS-Zwangsanstalten, seien es psychiatrische Kliniken, seien es Konzentrationslager wie Auschwitz. Hierzu zählen insbesondere bestimmte Projekte der Zwillingsforschung am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, seit 1942 unter der Leitung von Otmar von Verschuer. Der KZ-Arzt Josef Mengele war zwar weder angestellter Mitarbeiter noch Beauftragter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Er war jedoch ein Schüler von Otmar von Verschuer, bei dem er 1938 an der Universität Frankfurt/Main promoviert hatte. Auch danach bestanden zwischen beiden weiterhin enge Kontakte, wie verschiedene Dokumente eindeutig zeigen. Wir mögen zwar vielleicht nie mehr alle Einzelheiten dieser Beziehung aufklären, doch es kann heute als gesichert angenommen werden, dass von Verschuer wusste, dass in Auschwitz Verbrechen begangen wurden, dass er deren Opfer zusammen mit Mitarbeitern für wissenschaftliche Zwecke benutzt und dass er wohl auch aktiv auf die Ausführung dieser Verbrechen Einfluss genommen hat. Die Forschungsergebnisse der Präsidentenkommission hierzu sind in Veröffentlichungen niedergelegt (insbesondere Carola Sachse/Benoit Massin, Biowissenschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten und die Verbrechen des NS-Regimes. Information über den gegenwärtigen Wissensstand, Berlin 2000); auch das heute Nachmittag und morgen stattfindende Symposium befasst sich unter anderem mit diesen Zusammenhängen.

Verschuer und andere haben mit der Begründung, der Wissenschaft zu dienen, die Durchführung von Handlungen gerechtfertigt, die allen Menschenrechten widersprechen, Führende deutsche Wissenschaftler haben – auch aus Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft heraus – daran mitgewirkt, NS-Verbrechen vorzubereiten, und sie haben sie genutzt, um jenseits aller moralischen Grenzen der Menschlichkeit ihre wissenschaftlichen Ziele zu verfolgen. Sie haben dazu beigetragen, dass unschuldige Menschen, viele davon Kinder, die ihren Familien entrissen wurden, entwürdigt, gepeinigt oder sogar ermordet wurden. Ihre Schuld im rechtlichen Sinn zu bewerten, obliegt in einem Rechtsstaat der Gerichtsbarkeit. Historiker können Mitwirkung und Verantwortlichkeit feststellen. Mit menschlichem Mitgefühl betrachtet muss einem vor solcher Unmenschlichkeit unter dem Vorwand wissenschaftlicher Forschung grauen.

Welche Lehren und Konsequenzen ergeben sich daraus?

Wir müssen uns zum einen bewusst sein, dass jeder Wissenschaft ethische Grenzen gesetzt bleiben müssen. Wir müssen verstehen, dass und wie Wissenschaftler schuldig werden können. Die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus zeigt uns, wie Wissenschaft beteiligt sein kann an der geistigen Vorbereitung, der Unterstützung, ja sogar der tätigen Mitwirkung an grausamsten Verbrechen, an der Verordnung wissenschaftlichen Forschens, das Menschen zu bloßen Versuchsobjekten erniedrigt. Dies mahnt uns als Wissenschaftler, nie zu vergessen, dass es keine Forschungsziele gibt, die als so wichtig und hochranigig angesehen werden können, dass sie eine gegen den Willen eines Menschen gerichtete schwere Einschränkung oder gar völlige Missachtung seiner Menschenwürde und Menschenrechte rechtfertigen. Die Freiheit der Wissenschaft findet ihre Grenzen in den unveräußerlichen Rechten und der unantastbaren Würde des Menschen.

Zum anderen veranlassen mich die Ergebnisse der historischen Forschung zur Verstrickung und zur Schuld einer Reihe von damals an Kaiser-Wilhelm-Instituten tätigen Wissenschaftlern, sowohl persönlich als auch als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft zu dem Geschehen Stellung zu nehmen. Ich empfinde dies als moralische Verpflichtung, die der Max-Planck-Gesellschaft in ihrer Verantwortung als "Erbe" der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auferlegt ist, und ich empfinde dies als deutscher Wissenschaftler – zumal als Biologe – im Angesicht von Opfern jener menschenverachtenden Experimente, die damals von deutschen Biowissenschaftlern oder in deren Auftrag durchgeführt wurden. Ein aufrichtiges Bekennen zur historischen Verantwortung muss gleichermaßen differenziert wie klar ausgesprochen werden. In meinen Augen sehe ich rückblickend drei Ebenen der Schuld:

  1. Die Schuld deutscher Wissenschaftler: Die deutsche Wissenschaft nahm damals in der Welt auf vielen Feldern eine Spitzenstellung ein. Die Arbeit der Kommission hat deutlich gemacht: Auch Spitzenforschung ist nicht gefeit vor moralischen Abgründen. Was damals im Namen der Wissenschaft zur Förderung von Rassismus und vorgeblich "eugenischer" Menschenausmerzung geschah, waren Verbrechen, für immer schwer auf der deutschen Wissenschaft lasten.
  2. Die Schuld von Biowissenschaftlern: Das gesamte rassistische Gedankengut des Nationalsozialismus ist Ausdruck einer materialistischen, sozialdarwinistischen, entmenschlichten Biologie, für die Charles Darwin allerdings, andre als seine rassistischen Jünger, selbst am wenigsten verantwortlich gemacht werden kann. Gewiss wurden die Wurzeln dieses Gedankenguts vor 1933 gelegt und waren international, nicht nur auf Deutschland beschränkt. Aber hier in Deutschland haben Biologen und Mediziner von der Erkenntnis, dass der Mensch vom Tier abstammt, den Schritt dahin getan, Menschen wie Vieh zu behandeln. Die Benutzung des Menschen als Versuchstier ist die spezifische Schuld einer entgrenzten Biowissenschaft, deren rassistische Theorien zwar die Bezeichnung wissenschaftlich nicht verdienen, die ihre Mitschuld an deren schrecklichen Folgen aber deshalb dennoch nicht leugnen kann.
  3. Die Schuld der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Wie eingangs bereits dargelegt, ist die Max-Planck-Gesellschaft nach dem Krieg bewusst neu gegründet worden, um der Wissenschaft einen neuen Anfang in einem neuen, demokratischen Deutschland zu ermöglichen. Indem sich die Max-Planck-Gesellschaft aber als "Erbe" der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft versteht, hat sie die Pflicht, sich auch zu deren Schuld zu bekennen. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat in ihren Reihen Forschung geduldet oder sogar gefördert, die mit keinen ethisch-moralischen Gründen zu rechtfertigen war. Sie hat sich damit - jedenfalls in einigen Bereichen – in den Dienst eines verbrecherischen Regimes gestellt und ist dadurch selbst moralisch schuldig geworden.

Mit diesem dreifachen Bekenntnis zur historischen Verantwortung – als deutscher Wissenschaftler, als Biowissenschaftler und als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft – folge ich der Verpflichtung, die uns die Vergangenheit auferlegt. Daher möchte ich mich für das Leid entschuldigen, das den Opfern dieser Verbrechen – den toten wie den überlebenden – im Namen der Wissenschaft angetan wurde.

Ich spreche eine solche Entschuldigung nicht leichthin aus. Die Forderung nach Entschuldigung kommt heute zwar manchem ziemlich schnell über die Lippen. Meint man aber wirklich, was das Wort bedeutet, dann können Zweifel nicht schweigen. Meist entschuldigt sich, wer sich einen Fehlgriff, einen Fehltritt, ein verfehltes Wort zuschulden kommen ließ. Aber kann sich ein Täter wirklich für schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit entschuldigen? Doch sicher nur, wenn er seine Taten aufrichtig bereut. Kann ein anderer aber an Stelle des Täters bereuen, zumal wenn dieser vielleicht sogar gar keine Reue empfand? Gibt es nicht so unentschuldbares Unrecht, dass jede Entschuldigung wie eine Ausflucht wirken muss? Ich meine jedenfalls, wenn ich mich hier persönlich und für die Max-Planck-Gesellschaft in Stellvertretung für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft entschuldige, den ehrlich empfundenen Ausdruck tiefsten Bedauerns, des Mitgefühls und der Scham über die Tatsache, dass solche Schuld aus den Reihen unserer Wissenschaft begangen, gefördert und nicht verhindert worden ist.

Und ich füge ein weiteres hinzu: Die Angehörigen nachgeborener Generationen kann zwar persönlich keine Schuld an den damaligen Ereignissen treffen. Sie tragen jedoch Verantwortung für die Aufklärung und Offenlegung der historischen Wahrheit als Voraussetzung ehrlichen Erinnerns und Lernens. Dass dies lange Zeit auch in der Max-Planck-Gesellschaft nicht im wünschenswerten Umfang geschah, hatte seinen Grund sicherlich auch im mangelnden Willen mancher Mitwisser oder gar Mittäter innerhalb und ausserhalb der Max-Planck-Gesellschaft, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Auch zu diesem Verschulden muss sich die Max-Planck-Gesellschaft bekennen und hierfür entschuldige ich mich ganz besonders, denn dies geschah nicht unter den Zwängen einer Diktatur, sondern in einer freien Gesellschaft, die ausdrücklich die Freiheit des Forschens gewährt und ermutigt.

Konkret und vollständig ist ein Schuldbekenntnis schliesslich erst, wenn es sich unmittelbar an die Betroffenen wendet, die geschundenen Opfer, die all diese unvorstellbaren Grausamkeiten am eigenen Leib erlitten haben. Deshalb spreche ich hier im Angesicht von Ihnen, Frau Kor, Frau Laks und der anderen anwesenden Opfer, die Sie heute gewissermaßen stellvertretend für alle Opfer stehen, persönlich und für die Max-Planck-Gesellschaft meine Entschuldigung und mein tiefes Bedauern aus.

Persönlich den Opfern jener Verbrechen gegenüberzutreten ist eine schmerzliche Form der Begegnung mit der Vergangenheit. Gleichzeitig erwächst uns daraus der nachhaltigste Ansporn, mit aller Kraft weiterzuarbeiten an der rückhaltlosen Aufklärung dessen, was damals geschah, und es gereicht uns zur nachhaltigsten Mahnung, die Erinnerung zu bewahren und aus ihr zu lernen. Wahrheit macht zwar nicht frei von Schuld und Scham, aber sie macht frei von Verdrängung und Lüge und öffnet den Weg in eine Zukunft, die aus der Vergangenheit lernen kann.

Die ehrlichste Art der Entschuldigung ist daher die Offenlegung der Schuld; für Wissenschaftler sollte dies vielleicht die angemessenste Art der Entschuldigung sein. Um Verzeihung bitten kann eigentlich nur ein Täter. Dennoch bitte ich Sie, die überlebenden Opfer, von Herzen um Verzeihung für die, die dies gleich aus welchen Gründen selbst auszusprechen versäumt haben.

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Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE, 30. März 2006     

 

2.1  Grober Textvorschlag für mehrsprachige Infostele zum SS-Stabshauptamt RKF auf Kurfürstendamm 140/143

2.2  Textentwurf der Gedenktafelkommission Charlottenburg-Wilmersdorf und Stiftung TOPOGRRAPHIE d.Terrors (16. Okt. 06; Aug. 06)

2.3 PRO RUSSLAND: Protestbrief von Mitgliedern des Bundesverbandes Deutscher Ost-West-Gesellschaften wegen Ausschluss der Opfer aus den westlichen GUS-Staaten und geplanter Textübersetzung der Stele Generalplan Ost nur ins Englische und Polnischer aber nicht ins Russische

2.4 Drucksache 1264/2 Infostele GPO der BVV und Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf mit plötzlicher Eile und Verweigerung einer Textmodifikation, 21.12.2006

2.5 exklusiv entwickelter Textentwurf Stele Generalplan Ost, Stand. Febr. 2008

 

 Dialog Wissenschaft und Gesellschaft: Bonner Memorandum von neun großen deutschen Wissenschaftsinstitutionen unter Leitung von "Wissenschaft im Dialog" und des Stifterverbandes f. d. Wissenschaft (u.a. mit dem Ziel einer positiven Reputationspflege), Bonn, im Mai 1999