Projekt 75 Jahre deutsch-russische Museums-, Kulturgutbeziehungen
 

Art. 56 der Haager Landkriegsordnung, 1907

Internationales Militärtribunal Nürnberg, 64. Tag, 21. Febr. 1946 (Dokumentation der Beweisvorlage zum Thema “Zerstörung und Plünderung von kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen, Klöstern, Kirchen und anderen religiösen Einrichtungen sowie die Zerstörung von Städten und Dörfern.”)

1998: die russische Staatsduma erklärt den Rest der 1946 verbrachten Kulturgüter zu russischem Staatseigentum

2005: Initiative des Deutsch-Russischen Museumsdialogs: PE der StPK (29.11.05)

Projekt Verlust und Rückgabe

2008: Valentin Valin beklagt und benennt die Kriegsverluste der Okkupationszeit mit Bitterkeit

Landes- und bundespolitische Aspekte des ungelösten 'Kalten Kunstkrieges' mit Russland (2008)

Historikerkommission des Auswärtigen Amtes zu SS-Kulturgut-Sammelstelle des AA, Okt. 2010



Ohne Wahrheit keine Versöhnung. Erklärung zweier Vereine zu öffentlichen Gedenkzeichen zur Museums- und Kulturgutzerstörung in der ns-besetzten SU im Land Berlin, 14.01.2014

Gedenkprojekt 75 Jahre Museums- und Kulturgutzerstörung in der ns-besetzten Sowjetunion 2015-2017: neue Perspektiven! neue Begegnungen! neue Erfahrungen! (31.07.2015)


Hintergrund zum weiteren thematischen Gedenkzeichen zum Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg 
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/379736

englischer Artikel zum Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, 2007 (pdf, knapp200 kB)

- Hintergrundinformation zur
Publikationsstelle Dahlem”: Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Dahlem. (aus: Dahlemer Erinnerungsorte, Berlin 2007)
http://gplanost.x-berg.de/pustedahlem.pdf

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 Eklat bei Merkel-Reise: Petersburger Scherbenhaufen
http://www.spiegel.de/politik/ausland/eklat-vor-merkel-reise-deutsch-russisches-seuchenjahr-a-907062.html

Beleg der schlechten dt-russischen Beziehungen, Eklat im Juni 13 in Petersburg:
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article117355198/Die-Bitternis-im-deutsch-russischen-Verhaeltnis.html

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 Es gibt sehr viel Information zum Thema:  

1.) mindestens vier ausführliche wissenschaftliche Artikel:

 - Monographie von Ulrike Hartung zum SS „Sonderkommando Künsberg“ und seiner Archivalien- und „Beutekunst“-Sammelstelle, Forschungsstelle Osteuropa der Uni Bremen 1997 : http://gplanost.x-berg.de/hartungu_raubzuegesu_rus.htm

 - Aussagen der Historikerkommission des AA, Okt. 2010, s.o.

 - Anja Heuß, Die "Beuteorganisation" des Auswärtigen Amtes - Das Sonderkommando Künsberg und der Kulturraub in der Sowjetunion.  Institut für Zeitgeschichte, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 45 (1997) Heft 4. http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1997_4.pdf

  

2)  Kurzstellungnahmen  von außerhalb wie innerhalb Berlins:

Deutsche UNESCO-Kommission e.V., FB Kultur, Bonn, 31.03.2010
http://gplanost.x-berg.de/unescodtbn2010.html


Ständige Konferenz der Kultusminister, der Präsident, Bonn, März 09
http://gplanost.x-berg.de/kultusminkonfpraes09.htm


Institut für Zeitgeschichte München, der Direktor, 6. April 2011
http://gplanost.x-berg.de/IfZMue20110406dir.htm


Bundestags-DS 17/11260 vom 29.10.2012: Annahme des Antrags von CDU/CSU, SPD, FDP zur Unterstützung der Aufarbeitung der NS-Geschichte der wichtigsten staatlichen Institutionen
 

 weitere gesellschaftspolitische Unterstützung im Stadtbezirk Cha-Wid. u.a.:

Der evangelische Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf, 27.01.2006
http://gplanost.x-berg.de/evkirchcha.htm

Der Vorstand des FDP Ortsverband Charlottenburg-City, Sept. 2008
http://gplanost.x-berg.de/empfehlungen9.html#fdpbvcharlottenbg

Der Bezirksvorstand der Partei die LINKE Cha-Wid., 10. Nov. 2008
http://gplanost.x-berg.de/linkechawid09.htm

Das Mitglied des Abgeordnetenhauses, Peter Treichel (SPD), 23.7.2009
http://gplanost.x-berg.de/mdaptreichel.htm

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, HU Jerusalem, 3.2.2011
http://gplanost.x-berg.de/empfehlungen9.html#ProfMZimmermann11

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Landes-, bundes- und europapolitische Aspekte: Beutestücke aus 14 Museen/Einrichtungen weiter zwangsweise in Russland belassen!?

In Berlin-Potsdam leiden bis heute 14 Museen und Sammlungen darunter, dass noch mehr als eine Mio Kunstwerke in Russland sind. Positiv gesprochen könnten von einer Entspannung der dt-russ. Kulturbeziehungen profitieren folgende Museen: 

 - Akademie der Künste
- Antikensammlung

- Ethnographisches Museum
- Gemäldegalerie
- Kupferstichkabinett
- Münzkabinett
- Museum für Asiatische Kunst
- Museum für Islamische Kunst
- Museum für Vor- und Frühgeschichte
. die Nationalgalerie
- die Skulpturensammlung
- das Museum für Byzantinische Kunst
- das Vorderasiatisches Museum
sowie stark auch die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten in Potsdam (und Berlin).
Außerhalb von Berlin würden folgende sechs Museen von einer substantiellen Verbesserung/Befriedung der deutsch-russischen Beziehungen profitieren: die Kunsthalle Bremen, die Staatliche Kunstsammlung Dresden, die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, das Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig sowie das Museum Wiesbaden, siehe auch angehängte Broschüre Verlust – Rückgabe, Berlin 2008.

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Verlust + Rückgabe

Als 1,5 Millionen Kunstwerke heimkehrten

 

Veranstaltung aus Anlaß des 50. Jahrestages der Rückführung von Kulturgütern aus der Sowjetunion

Herausgeber: Deutsch-Russischer Museumsdialog, Berlin, 2008

Broschüre zum Download auf Website Kulturstiftung der Länder ganz unten hier:

http://www.kulturstiftung.de/aufgaben/deutsch-russischer-museumsdialog/projekt-verlust-und-rueckgabe/

 

Hunderttausende von Besuchern bewundern jedes Jahr den Pergamonaltar in Berlin, Raffaels „Sixtinische Madonna“ oder das Grüne Gewölbe in Dresden. Es sind Höhepunkte der Weltkultur, aber auch feste Bestandteile der kulturellen Identität Deutschlands. Doch die wenigsten der faszinierten Betrachter wissen, dass diese berühmten Stücke eine der größten Kunstbewegungen mitmachten, die es jemals gab. Die Geschichte der erst verlorenen und dann wiedergewonnenen Kunstwerke begann im Zweiten Weltkrieg.

Hitlers Armeen plünderten und zerstörten einen großen Teil des russischen Kulturerbes. Als Kompensation für diesen schlimmen Verlust forderte der Moskauer Kunsthistoriker Igor Grabar schon 1943 Kunstschätze aus deutschen Museen. In zweijähriger Arbeit erstellte ein Expertenbüro Ziellisten für das, was bei der Eroberung Deutschlands beschlagnahmt werden sollte. Nach dem Einmarsch der Roten Armee konfiszierten Trophäenbrigaden dann Hunderttausende von Kunstwerken und brachten sie in die UdSSR. Ein geplantes Trophäenmuseum war bald nicht mehr opportun, selbst eine Ausstellung der Kunstbeute in Moskau wurde 1946 kurz vor der Eröffnung abgesagt. Ein Mantel des Schweigens legte sich über die Sonderdepots mit den Kunstwerken aus Deutschland.

Um so größer war die Sensation, als der Ministerrat der Sowjetunion am 31. März 1955 die Rückgabe der Dresdner Gemälde ankündigte. Noch im gleichen Jahr waren die Bilder ab 27. November in der Nationalgalerie in Ost-Berlin zu sehen, bevor sie nach Dresden heimkehrten. Es war nicht zuletzt ein Schauspiel des Kalten Krieges: Soeben hatte man in der Bundesrepublik beschlossen, die 1945 in den Westzonen gelandeten Museumsbestände aus Berlin endgültig in den Westteil der Stadt zurückzubringen. Zudem wurde im Mai 1955 der Warschauer Pakt unterzeichnet, die Restitution der Dresdner Galerie richtete sich daher auch als Freundschaftsgeste an den Militärpartner DDR. Am 21. Mai 1957 beschloss das Zentralkomitee der KPdSU, weitere Bestände zurückzugeben.

Der erste Transport traf am 9. September 1958 in Ost-Berlin ein, insgesamt kamen bis Mitte Januar 1959 über 300 Eisenbahnwaggons aus Moskau und Leningrad. Darin befanden sich rund 1,5 Millionen Kunstwerke. Zeitzeugen erinnern sich an die Euphorie, die das Erleben der Originale auslöste. „Atemlose Erwartung! Die meisten jungen Mitarbeiter konnten sich nicht vorstellen, was alles in den Kisten verborgen war“, erinnert sich Joachim Menzhausen, der spätere Direktor des Grünen Gewölbes, an die Ankunft der Preziosen in Dresden. Ähnliche Szenen hatte es zuvor in Moskau, Leningrad und Kiew gegeben. Denn hier wussten die wenigsten sowjetischen Kustoden, was sich in den Geheimdepots ihrer Häuser verbarg. Aus der DDR reisten von August bis Dezember 1958 Wissenschaftler und Restauratoren in die UdSSR, um mit den Kollegen dort die Kunstwerke reisefertig zu machen – in dieser kurzen Zeit eine gewaltige logistische Leistung. Nachdem seit dem 7. August 1958 ein staunendes Publikum in Moskau und Leningrad erstmals eine Auswahl der besten Werke zu sehen bekam, eröffnete schon am 2. November auf der Berliner Museumsinsel eine Ausstellung mit den Heimkehrern. Für das Kulturleben der DDR war die Rückgabeaktion ein bewegender Moment, der den Wiederaufbau der kriegszerstörten Museen befl ügelte. Anfang Oktober 1959 wurden das Pergamonmuseum mit dem weltberühmten Altarfries sowie große Teile des Bode-Museums mit umfangreichen Präsentationen neu eingeweiht. Fast alle der Ost-Berliner Museen hatten damit wieder einen hochkarätigen Auftritt. Ähnlich war es in Dresden, wohin 600 000 Kunstwerke aus der UdSSR zurückkehrten, aber auch in Gotha, Dessau, Leipzig oder in den Potsdamer Schlössern gab es dank der restituierten Bestände großartige Wiedereröffnungen. Allerdings kehrte damals nicht alles zurück. Rund eine Million Kunstobjekte blieben vor allem in Moskau und Leningrad zurück, darunter der Schatz von Troja oder der Goldfund aus Eberswalde, Tausende von Gemälden aus den preußischen Schlössern oder fast der gesamte Vorkriegsbestand der Ostasiatischen Kunstsammlung in Berlin.

Die deutsche Kulturlandschaft wäre, daran besteht kein Zweifel, ohne die sowjetischen Rückgaben von 1955 und 1958 um eine Fülle von herausragenden Meisterwerken und Kunstensembles ärmer. Das ist Anlass, 50 Jahre danach dankbar diese große kulturpolitische Tat zu würdigen. Deshalb beteiligen sich 28 deutsche Museen an diesem Jubiläum. Aber auch über das ungeklärte Problem der zurückgebliebenen Schätze soll nachgedacht werden.

Mit der Erinnerung an die freudige Kunst-Heimkehr von 1958 verbindet sich heute ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Ländern. In diesem Sinne hat sich die Initiative Deutsch-Russischer

Museumsdialog, an der sich fast 80 deutsche Museen beteiligen, die Intensivierung der fachlichen Kontakte und Kooperationen zur Aufgabe gemacht. Aus solcher Annäherung schöpft sich die Hoffnung, in absehbarer Zeit eine einvernehmliche Lösung dieser für beide Seiten gleichsam gewichtigen Fragen über die kriegsbedingt

verlagerte Kunst zu finden.

 

 

Berlin Akademie der Künste

Johann Gottfried Schadow,

Nymphe mit tanzendem Satyr und Pan,

um 1786/87
(…) Die Freude über den Rückgewinn ist bis heute groß, doch fehlt auch vieles noch. Der Verlustkatalog umfasst über 2000 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Medaillen, zudem Tausende druckgrafi scher Blätter. Insgesamt verlor die Akademie in den Kriegswirren rund drei Viertel ihres einstigen Kunstbesitzes.

Berlin Staatliche Museen Antikensammlung

Wiederaufbauarbeiten im Altarsaal, 1959

Die Reliefs des Pergamonaltars wieder auf der Museumsinsel zu sehen, war für die Berliner die große Sensation im November 1958. (…)
Das meiste, mindestens drei Fünftel des heutigen Bestandes, kehrte 1958 zurück.
Bis heute fehlen jedoch 420 Skulpturen, über 1500 Vasen, zahlreiche Gemmen und andere Werke der Kleinkunst. Vieles davon lagert nachweislich in russischen Museen.

 

Berlin Staatliche Museen Ethnologisches Museum
Schreibkabinett, frühes 17. Jh. Mitarbeiter des Museums beim Auspacken der zurückgekehrten Kunstwerke in der provisorischen „Leipzig-Halle“

Gedenkkopf eines Königs, Nigeria, Königreich Benin, 17./18. Jh.

Das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem, damals noch Museum für Völkerkunde, hatte sein großes Rückgabe-Erlebnis 32 Jahre später als die übrigen Berliner Sammlungen. Im August 1990 brachte ein erster Vortransport kostbare Objekte nach Dahlem, die man seit dem Krieg schmerzlich vermisst hatte: neun Meter lange Totempfähle aus Kanada, Schlitztrommeln des Amazonasgebiets oder die berühmten Benin-Bronzen. Bis Dezember 1992 trafen insgesamt 50 000 Stücke ein [d.h. 25.000 Stücke fehlen] Rund 75 000 Ethnografi ca fehlten dem Museum seit den sowjetischen Requirierungen im Sommer 1945. Bis in den frühen Achtzigern das Gerücht aufkam, dass Teile der Sammlung offenbar in Leipzig lagerten. 1985 erhielten die West-Berliner Kustoden auf einer Fachtagung in der UdSSR Gewissheit: Die Sowjetunion hatte 1977/78 die Bestände in zwölf Transporten von Leningrad an das Leipziger Grassimuseum geschickt, Sitz der bedeutendsten Völkerkunde-Sammlung in Ostdeutschland. Dort blockierten die Kisten unausgepackt den Sonderausstellungsraum. Nach dem Mauerfall, im Mai 1990, konnte der Bestand erstmals besichtigt werden. Und schon wenige Monate später begann die spektakuläre Rückkehr.

 

Berlin Staatliche Museen Gemäldegalerie

Jacob Jordaens, Christus als Gärtner erscheint den drei Marien, um 1616

Francesco di Giorgio Martini, Architektonische Vedute, um 1490/1500

Die spätere Direktorin der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel, Irene Geismeier, kann sich bestens an die Euphorie erinnern, die im Herbst 1958 herrschte. Gerade von der Universität gekommen, half sie nun monatelang beim Auspacken der Kisten. Von den 230 Bildern, die die Rote Armee im Dezember 1945 konfi sziert hatte,

kehrten bis auf 19 Werke alle wohlbehalten aus der Sowjetunion zurück….

 

Berlin Staatliche Museen Kupferstichkabinett
Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), Zauberflöte, Sternhalle der Königin der Nacht

Hochbedeutende Zeichnungen alter Meister gab die Sowjetunion im Herbst 1958 an das Kupferstichkabinett in Ost-Berlin zurück. Unter den rund 350 Werken befanden sich eine Studie Grüne walds zum Isenheimer Altar, Michelangelos Entwurf zum Grabmal Papst Julius II., kolorierte Landschaften von Claude Lorrain oder Szenen von Watteau. Ein Herzstück des zurückgekehrten Bestandes bildeten 57 Blätter aus Sandro Botticellis berühmtem Bilderzyklus zu Dantes „Göttlicher Komödie“; die andere Hälfte hatte es durch die Auslagerung

in die Bergwerke Kaiseroda und Grasleben in die Westzonen verschlagen, sie gelangte 1957 nach Berlin-Dahlem. Im Frühjahr 2000 zeigte das Kupferstichkabinett die wiedervereinigte Serie in einer spektakulären Ausstellung. Durch die Rückgabe von 1958 erhielt die Sammlung zudem über 81 000 druckgrafi sche Blätter des

16. bis 20. Jahrhunderts zurück und 1200 Holzstöcke der Sammlung Derschau. Hinzu kommen 12 000 deutsche Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, die 1969 und endgültig 1992 aus dem Besitz der Nationalgalerie

dem Kupferstichkabinett eingegliedert wurden. Insgesamt schickte die UdSSR rund 120 000 Blätter zurück. Etwa 3000 Zeichnungen und andere Sammlungsteile werden noch vermisst; einiges davon lagert nachweislich in russischen Museen.

 

Berlin Staatliche Museen Münzkabinett

Kaiser Constantius II., Goldmedaillon aus Antiochia, um 350 n. Chr., unten Goldmedaillon mit dem Bildnis Alexanders des Großen, 1. Hälfte 3. Jh. n. Chr.
Goldene Bulle Kaiser Friedrich Barbarossas (1152–1190) unten Königin Elisabeth von England (1558–1603), Gold-Sovereign in filigraner Schmuckfassung

Am 20. November 1958 trafen 92 Kisten aus Leningrad ein. Darin befanden sich Hunderttausende von Münzen und Medaillen. Immer noch lagen die Objekte in ihren angestammten Schubladen, die man 1942 bei der Evakuierung zu großen Paketen verklebt hatte. Nur eine falsche Umsortierung, die rückgängig gemacht werden musste, erinnerte die Numismatiker noch 30 Jahre lang an das Exil in der UdSSR. Das nahm man aber gern in Kauf, denn mit der Rückgabe war eines der weltweit bedeutendsten Münzkabinette wiedererstanden.

Dabei hatte der Münzschatz den Zweiten Weltkrieg noch wohlbehalten im Keller des Pergamonmuseums überstanden. Doch am 31. Mai 1945 versiegelten zwei Russen den Schutzraum, bald darauf war der gesamte Bestand samt seiner Bibliothek nach Osten abtransportiert. Die Bücher kehrten 1958 nicht zurück, dafür aber fast vollständig die Sammlung. Joachim Weschke reiste zur Übernahme und zum Verpacken nach Leningrad. Nach dem Abschluss der Arbeit herrschte freundschaftliche Stimmung, und in Sektlaune reimte der Berliner Kustos am letzten Abend mit den sowjetischen Kollegen: „Nun ist die letzte Kiste geschlossen / und wird gleich mit einem edlen Tropfen begossen.“

 

Berlin Staatliche Museen Museum für Asiatische Kunst
Sattel, Japan, Momoyama-Zeit, 1594

Der Zweite Weltkrieg traf die Ostasiatische Kunstsammlung der Staatlichen Museen besonders hart. Über 90 Prozent der bedeutenden Kollektion konfi szierte die Rote Armee 1945, bis heute lagern rund 5400 Objekte in der Eremitage und im Puschkin-Museum. Fast nichts kehrte 1958 nach Ost-Berlin zurück, obgleich man hier wieder eine kleine Ostasiatische Sammlung aufgebaut hatte. Wohl eher zufällig hatten sich zwölf japanische Lackarbeiten in die Kisten aus der UdSSR verirrt. Nach West-Berlin kamen damals 300 Kunstwerke, die amerikanische Truppen in Sachsen-Anhalt geborgen hatten: der Grundstock für die neue Ostasiatische Kunstabteilung in Dahlem.(…)

 

Berlin Staatliche Museen Museum für Islamische Kunst
Fassade von Mschatta, Detail des linken Torturms, Mitte 8. Jh.

Mschatta-Fassade und Aleppo-Zimmer: Die beiden Hauptwerke des Islamischen Museums, wie der Ost-Berliner Teil der Sammlung hieß, konnten durch die Rückgabeaktion der Sowjetunion endlich vollständig zusammengesetzt werden. (…)
Bedeutsam war auch die Rückkehr von zahlreichen indischen Miniaturen aus der Moghulzeit oder einer Kollektion kunstvoll dekorierter Fliesen, außerdem Keramik, Hölzer und Metallgefäße.
Allerdings werden bis heute etwa 100 der abtransportierten Objekte noch vermisst.

 

Berlin Staatliche Museen Museum für Vor- und Frühgeschichte
Gefäßständer aus mehrfarbig bemalter Keramik, Cucuteni, Rumänien, 4. Jahrtausend v. Chr.

Nach dem Krieg befand sich das Museum für Vor- und Frühgeschichte in West-Berlin, wo es 1960 im Langhansbau am Charlottenburger Schloss ein neues Domizil fand. Trotzdem gab die UdSSR 575 Kisten

mit rund 40 000 Objekten des Museums an die DDR zurück. Zum Teil waren es Bestände aus dem Magazin und der Studiensammlung, aber auch bedeutende Werke befanden sich darunter: etwa die hölzerne Götterstatue aus Altfriesack, Keramiken aus Heinrich Schliemanns Troja-Sammlung, der Schädel eines Neanderthalers aus

Le Moustier. Zunächst betreute die Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin die heimgekehrte Teilsammlung, 1963 kam sie in die Obhut des neu gegründeten Museums für Ur- und Frühgeschichte. Nun erst packte man systematisch die Kisten aus und stellte fest, dass die populärsten Exponate in der Sowjetunion verblieben waren. So lagern der „Schatz des Priamos“ aus Troja, der Goldfund aus Eberswalde und andere Kostbarkeiten heute in russischen Museen. Insgesamt werden rund 12 000 Objekte vermisst. Da war es eine große Freude, als die Prähistoriker 1992 im Museum für Völkerkunde bei der Rückkehr von dessen großem, 1979 an die DDR zurückgegebenen Restitutionskomplex 1091 Stücke fanden, die zum Museum für Vor- und Frühgeschichte gehörten.

 

Berlin Staatliche Museen Nationalgalerie

Adolph Menzel, Eisenwalzwerk, 1872–75 Aristide Maillol, Sitzende mit überschlagenem Bein, 1902

Endlich konnte die Nationalgalerie auf der Museumsinsel ihre Dauerausstellung wieder mit erstklassigen Werken bestücken. Ab 1959 erschien das 19. Jahrhundert hier wie vor dem Krieg als Teil der Weltkunst, auch wenn die Hauptgruppen von Caspar David Friedrich, von Schinkel oder den Impressionisten durch die Evakuierungen

in den Westteil der Stadt gelangt waren. Rund 190 Gemälde und Skulpturen trafen im Herbst 1958 aus der Sowjetunion ein. Auch 12 000 deutsche Zeichnungen, darunter der größte Teil des Menzel-Nachlasses, fanden sich in den Transportkisten; sie werden heute im Kupferstichkabinett bewahrt. Eine Sensation war, dass

Menzels gewaltiges „Eisenwalzwerk“ nicht wie befürchtet im Mai 1945 dem Brand im Flakbunker Friedrichshain zum Opfer gefallen war, sondern nun wohlbehalten heimkehrte. Goya, Graff und Hackert, Tischbein und Waldmüller, Blechen und Böcklin, aber auch Cézanne, Slevogt und Kokoschka – sie waren jetzt wieder mit

Hauptwerken im Stammhaus der Nationalgalerie zu sehen. Ebenso Rodins berühmte Bronzestatue „Das Eherne Zeitalter“ und viele andere bedeutende Plastiken. Rund 850 Gemälde und über 100 Skulpturen indes sind seit 1945 noch verschollen.



 

Berlin Staatliche Museen Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Badener Pietà, Prag 1390–1400 (Zustand bis Mai 1945)
Köpfe der Badener Pietà, Prag, 1390–1400 (nach Rückführung aus der Sowjetunion)

Die Skulpturensammlung im ehemaligen Kaiser-Friedrich-Museum, heute Bode-Museum, erlitt empfi ndliche Kriegsverluste. Als die UdSSR 1958 450 Skulpturen zurückgab, verlieh das der Kollektion wieder Weltrang. Denn unter den Heimkehrern befand sich eine Fülle von kunsthistorischer Prominenz: Giovanni Pisano, Arnolfo di

Cambio, Donatello, Luca della Robbia bis hin zu Houdon und Egell. Auch die berühmte romanische Emporenbrüstung aus Gröningen war dabei. Rund 1500 Kunstwerke sind bis heute verschollen. Wieviele

von ihnen die sowjetischen Trophäenbrigaden 1945 abtransportierten, ist unbekannt. Aus dem Museum für Byzantinische Kunst, ebenfalls im Bode-Museum beheimatet, konfi szierte die Rote Armee 1945 wahrscheinlich

rund 3000 Objekte. Wieviel hier 1958 zurückkehrte, ist bislang nicht endgültig ermittelt, aber der Rückgewinn war beträchtlich: das berühmte Kugelspiel aus Konstantinopel, zwei Reliefi konen des 13. Jahrhunderts, der Torso einer Kaiserstatue aus Porphyr oder frühe koptische Malereien. 1650 byzantinische Objekte werden

noch vermisst. Manches mag 1945 im Leitturm des Flakbunkers Friedrichshain verbrannt sein, doch aus beiden Sammlungen befi nden sich wichtige Stücke nachweislich in russischen Museen.

 

Berlin Staatliche Museen Vorderasiatisches Museum

Die damalige Kustodin und spätere Direktorin des Vorderasiatischen Museums, Liane Jakob-Rost (re.), in Leningrad bei der Verpackung von Kunstobjekten, Oktober 1958
Das Vorderasiatische Museum gehört zu den begünstigten Sammlungen, die von der Sowjetunion fast die gesamte Kriegsbeute wieder zurückerhielten. So konnte das Haus, das die Kulturen Mesopotamiens

und seiner Nachbarlandschaften über 6000 Jahre hinweg dokumentiert, mit der Neueröffnung im Oktober 1959 wieder seine alte Spitzenposition neben dem Louvre und dem British Museum einnehmen. (…) Vermisst werden bislang eine Reihe beschrifteter Goldtäfelchen, Schmuckstücke aus Assur und Uruk, auch einige Siegel.

 

Bremen Kunsthalle

Henri de Toulouse-Lautrec, (1864–1901), Idylle Princière

Albrecht Dürer (1471–1528), Ansicht eines Felsenschlosses an einem Fluss

Dem Kriegsveteran ließ die private Beute keine Ruhe. Bevor er starb, erleichterte er sein Gewissen und übergab 1993 den geheimen Schatz der deutschen Botschaft in Moskau. Sieben Jahre später erfüllte sich sein Wille: Am 30. April 2000 konnte die Kunsthalle Bremen die 101 Blätter in Empfang nehmen. Als Rotarmist hatte es den Anonymus 1945 nach Schloss Karnzow in der Mark Brandenburg verschlagen, wo seit 1943 evakuierte Bestände der Kunsthalle Bremen lagerten(…)  Viktor Baldin hingegen, der als Kriegsteilnehmer auf Schloss Karnzow 362 Zeichnungen und zwei Gemälde „aufgelesen“ hatte, erlebte die Erfüllung seines Wunsches nicht mehr.

Seit 1989 forderte er vergeblich die Rückgabe an Bremen, 1997 starb er. Die „Baldin-Sammlung“ steht seither ganz oben auf der deutschen Wunschliste gegenüber Russland. Insgesamt fehlen der Kunsthalle noch 28 Gemälde, 1500 Zeichnungen und rund 3000 druckgrafi sche Blätter.

 

Potsdam Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Caravaggio, Der ungläubige Thomas, um 1595/1600 unten Karl Friedrich Schinkel (1781–1841),
Zeltzimmer, Schloss Charlottenhof, Park Sanssouci

Die preußischen Königsschlösser wurden vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen besonders hart getroffen, denkt man an die Zerstörung der großen Residenzen in Berlin und Potsdam, von Schloss Monbijou und Charlottenburg. Der überwiegende Teil der Kunstwerke konnte zwar durch Verlagerungen vor der Zerstörung

bewahrt werden. Dann aber sorgten nach dem Einmarsch der Roten Armee die Trophäenbrigaden sowie Eigeninitiativen von Sowjetsoldaten für Entleerung der historischen Gebäude und der Auslagerungsorte. Auch deutsche Zivilisten stahlen und plünderten. So war Ende 1946 von den einst so großartigen Gesamtkunstwerken in den Schlössern nicht mehr viel zu erleben. Das änderte sich erst mit der großen Rückführungsaktion der

Sowjetunion 1958, als die Schlösserverwaltung in Potsdam wichtige Bestände zurückerhielt, woran sie bis heute dankbar erinnert. Rund 500 Gemälde kamen zurück, darunter berühmte Meisterwerke der fl ämischen, holländischen, italienischen und französischen Schulen, u.a. Caravaggio, Rubens, van Dyck. Leider blieben 3000 Bilder verschollen. Vieles verschwand hier als individuelle Kriegsbeute wie Rubens’ „Tarquinius und Lukretia“, das vor einigen Jahren in Moskauer Privatbesitz auftauchte. Von den mehr als 500 kostbaren

Rahmen des 18. Jahrhunderts, die wesentlichen Anteil an den Ensembles hatten, kamen nur 11 wieder in die Schlösser. Mit 43 Werken kehrte auch nur eine kleine Gruppe der Skulpturen zurück, darunter zwei bedeutende Großplastiken Coustous d.J. aus der Bildergalerie Friedrichs des Großen und drei von vier vermissten Houdon-Büsten. Von den ehemals etwa 2000 Möbeln konnte die Schlösserverwaltung 160 in Empfang nehmen. Glücklicherweise waren dabei fast alle bedeutenden Ebenisten-Prunkmöbel des Rokoko aus dem Neuen Palais von Sanssouci. Sie erhielten wieder ihren angestammten Platz. In dieses Schloss kehrten auch die meisten Porzellanaufsätze für Kamine und Konsolen zurück. Ebenso wurden alle kostbaren Wedgwood-Kaminaufsätze aus dem Marmorpalais restituiert. Dagegen verblieben rund 3000 ostasiatische Porzellane in Moskau und Leningrad. Von den zahllosen verschollenen Kronleuchtern in den Schlössern kehrten 1958 nur 20 zurück, darunter fünf bedeutende Exemplare aus den Winterkammern von Schloss Charlottenburg. Neben den Gemälde und den Porzellanbeständen hat die Grafische Sammlung die empfindlichsten Verluste erlitten. 350 Blätter trafen 1958 ein, mehr als 2600 fehlen schmerzlich. Insgesamt hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten 1945/46 Tausende von Kunstwerken aller Gattungen verloren.

 

Wiesbaden Museum Wiesbaden

Domenico Tintoretto (1560–1635), Venezianerin

(..) Hermann Voss – damals noch Museumsdirektor in Wiesbaden, bevor er nach Dresden wechselte und Beauftragter für Hitlers „Führermuseum“ in Linz wurde – erwarb das Prunkporträt im Mai 1943 von der Kunsthandlung Böhler in München. Aus welchem Vorbesitz das Bild stammte, ist ungeklärt. Von Dresden aus

riet Voss dann, die 77 wertvollsten Werke ins sächsische Schloss Weesenstein auszulagern. Dort beschlagnahmte 1945 eine sowjetische Trophäenkommission sechs Gemälde: neben dem Tintoretto Bilder von Bassano, Gaulli, Bacciacca, Snyders und vom Meister der Heiligen Sippe. Einige von ihnen waren in den neunziger Jahren im Moskauer Puschkin-Museum zu sehen. Ob auch die „Venezianerin“ in die UdSSR gelangte, ist bislang unbekannt. Jedenfalls übergab eine Sowjetbehörde in der DDR 1964 das Werk dem Museum der bildenden Künste in Leipzig; von wo es 1993 nach Wiesbaden heimkehrte.

 

Leipzig Grassi – Museum für Angewandte Kunst

Ringelglas, deutsch, 17. Jh. Orazio Fontana(?), Großer Teller mit der Darstellung Alexanders vor Diogenes, um 1560/1565

Am 11. März 1946 verließ ein sowjetischer Militärzug den Leipziger Hauptbahnhof, in den Waggons rund 50 000 Kunstwerke und Bücher aus sächsischen und thüringischen Sammlungen. Aus dem Grassimuseum, Leipzigs traditionsreichem Institut für Kunstgewerbe, befanden sich Tausende von Objekten sowie fast die gesamte

Grafiksammlung in den Transportkisten. Auf eine Rückkehr der Schätze wagte damals niemand zu hoffen. Um so überwältigender war es, als zwischen November 1958 und Februar 1959 auch das Grassimuseum von der großen Rückgabewelle profi tierte. In aller Eile organisierte man zur Frühjahrsmesse eine Ausstellung. „Es

ist wie in einem Wunderland inmitten dieses Geschimmers und Geglitzers silbervergoldeter, kostbar bearbeiteter Becher, Kelche, Reliquiare, perlmuttbesetzter Schmuckkästchen, funkelnder Gläser und Schalen, schwerer blanker Humpen, Kannen und Schüsseln“, schwärmte eine Tageszeitung. Auch 11 000 grafi sche Blätter kamen

zurück. Vermisst von den 1945 beschlagnahmten Beständen werden noch rund 1500 Objekte sowie ein Teil der Ornamentstichsammlung. Eine Reihe der besten antiken Gefäße aus dem Grassimuseum

zeigte das Moskauer Puschkin-Museum 2005 in einer Ausstellung.

 

Gotha Stiftung Schloss Friedenstein

Conrat Meit Adam und Eva, um 1510 Meister des Amsterdamer Kabinetts,

Das Gothaer Liebespaar, um 1480/85

Zum Glück sieht man dem „Gothaer Liebespaar“ nicht an, welch weite Waggonfahrt es hinter sich hat. Mit der Heimkehr des Doppelporträts aus Moskau gewann das Schlossmuseum in Gotha sein berühmtestes Exponat und ein entscheidendes Stück seiner Identität zurück. Zahlreiche andere bedeutende Werke kamen

im November 1958 und April 1959 zurück nach Schloss Friedenstein: Christoph Ambergers „Hieronimus Sulczer“, Lucas Cranachs „Christus und Maria“, Statuetten des genialen Bildschnitzers Conrat Meit, aber auch Böttgersteinzeug und barocke Goldschmiedewerke.

(…)  Als die Rote Armee dann im Juli 1945 Thüringen von den Amerikanern übernahm, beschlagnahmte sie den

gesamten Rest der Gothaer Kunstsammlungen. Im Frühjahr 1946 erfolgte der Abtransport nach Russland. Rund 80 bis 85 Prozent der sowjetischen Kriegsbeute kehrte 23 Jahre später wohlbehalten zurück [d.h. 15 bis 20 Prozent der sowjetischen Requirierungen wurden bis heute nicht zurück gegeben].

 

Dresden Staatliche Kunstsammlungen

Ankunft des ersten Zuges mit Schätzen des Grünen Gewölbes und anderer Museen der Staatlichen Kunstsammlungen auf dem Dresdner Bahnhof am 17. September 1958
Henri de Toulouse-Lautrec, Zwei Freundinnen, 1895

unten Vincent van Gogh, Quittenstillleben, 1888/89
Raffael, Die Sixtinische Madonna, 1512/1513

Johann Joachim Kaendler, Tafelaufsatz aus dem Service für den Generalfeldmarschall Burchard Christoph Graf von Münnich, Meißen, 1738

Die Nachricht am 31. März 1955 musste jeden Kunstfreund in Ost wie West elektrisieren: Die Gemälde der Sempergalerie sollten zurückkehren! Zehn Jahre lang waren Raffaels „Sixtinische Madonna“,

Canalettos Dresden-Ansichten und Liotards „Schokoladenmädchen“ wie vom Erdboden verschwunden. In der Öffentlichkeit durften die weltberühmten Werke nicht einmal erwähnt werden. Bis Ende Mai 1945 hatten die Trophäenbrigaden der Roten Armee den größten Teil der Bilder in sächsischen Tunneln und Bergwerksstollen beschlagnahmt. Ab Juli brachten Sonderzüge Hunderttausende von Kunstobjekten in die Sowjetunion. (…) Im Moskauer Puschkin-Museum staunten 1,2 Millionen Besucher über die Bilder, bevor es zur feierlichen Übergabe

an die DDR kam. Im Oktober eröffnete eine erste Ausstellung der Rückkehrer in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Ab Juni 1956 konnten die Gemälde dann in Dresden einen ersten Bauabschnitt der wiederaufgebauten Sempergalerie beziehen. Noch aber fehlten die Schätze des Grünen Gewölbes und der Porzellansammlung,

vermisste man Skulpturen aller Epochen, die Gemälde des 19. Und 20. Jahrhunderts, fast das ganze Kupferstichkabinett, kunsthandwerkliche Objekte sowie die besten Stücke der Rüstkammer. Ab Mitte September 1958 kehrte auch der Großteil dieser Bestände nach Dresden zurück. Insgesamt waren es 600 000 Kunstwerke,

mehrere tausend werden noch vermisst. (…)

 

Dessau Kulturstiftung Dessau Wörlitz

Salomon van Ruysdael, Kanallandschaft mit Fähre, 1657

Wie die Sammlung der Anhaltischen Gemäldegalerie brachte man im Sommer 1943 auch die meisten Gemälde, Grafiken, Keramiken sowie einige wertvolle Möbel aus den Dessauer und Wörlitzer Schlössern ins Bergwerk Solvayhall. Dort beschlagnahmte die Rote Armee die rund 100 Kisten mit den Kunstschätzen des Gartenreichs

und schickte sie im April 1946 nach Moskau und Leningrad. Die Schlösser präsentierten sich seither mit empfi ndlich ausgedünnter Ausstattung. Ende Dezember 1958 kam dann überraschend die Mitteilung aus Ost-Berlin, dass sich unter den zurückgekehrten Beständen auch Werke aus dem Besitz der Schlösserverwaltung befänden.

(…)  Schon mit Beginn der Besuchersaison 1959 ließen sich die Schlösser zum Teil wieder vollständig im Vorkriegszustand erleben. Vermisst werden noch immer die Fayencen aus Oranienbaum sowie die Prunkmöbel, Waffen und Bernsteine aus dem Gotischen Haus.

 


Internationales Militärtribunal Nürnberg, 64. Tag, Do, 21. Febr. 1946

General RUDENKO: Ich möchte dem Herren Vorsitzenden bekanntgeben, daß wir gemäß dem dem Gericht vorliegenden Plan der Russischen Anklagevertretung und mit Erlaubnis des Gerichtshofs nunmehr zur Beweisvorlage über den Abschnitt übergehen, der betitelt ist: “Zerstörung und Plünderung von kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen, Klöstern, Kirchen und anderen religiösen Einrichtungen sowie die Zerstörung von Städten und Dörfern.”


Ich will dem Gerichtshof Beweise vorlegen, auf welche Weise die Hitleristen den Raub kultureller Schätze vorbereiteten und entwarfen, wie der sogenannte “Einsatzstab Rosenberg” sich lange vor dem verräterischen Überfall auf die Sowjetunion auf die Plünderungen vorbereitete, wie die räuberische Tätigkeit des Angeklagten Rosenberg in engem Zusammenhang mit Göring, Heydrich und dem Oberkommando stand, und wie diese Plünderungen getarnt wurden.

(..) Die Zerstörung der nationalen Kultur der slawischen Bevölkerung, insbesondere die der russischen, ukrainischen und weißrussischen Völker, die Zerstörung von Nationaldenkmälern, Schulen und der Literatur, sowie die Zwangsgermanisierung der Völker folgte der deutschen Besatzung mit der gleichen verbrecherischen Gesetzmäßigkeit wie die Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandstiftungen und Massenmorde. (..)

Wie bereits von mir angedeutet, war die Vernichtung der nationalen Kultur der Bevölkerung der besetzten Gebiete ein wesentlicher Bestandteil des allgemeinen Planes der Hitler-Verschwörer zur Aufrichtung ihrer Weltherrschaft.


Es ist schwer festzustellen, was in diesen Plänen überwog: Zerstörung oder Plünderung. Aber außerhalb jeden Zweifels steht der Umstand, daß sowohl die Zerstörung als auch die Plünderungen auf ein Ziel ausgerichtet waren, nämlich auf die Vernichtung. Und diese Vernichtung wurde von den Deutschen überall in den von ihnen besetzten Gebieten in großem Maßstab ausgeführt:

Artikel 56 der Haager Konvention von 1907
bestimmte, ich zitiere:
Das Eigentum der Gemeinden und der dem Gottesdienste, der Wohltätigkeit, dem Unterrichte, der Kunst und der Wissenschaft gewidmeten Anstalten, auch wenn diese dem Staate gehören, ist als Privateigentum zu behandeln.
Jede Beschlagnahme, jede absichtliche Zerstörung oder Beschädigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmälern oder von Werken der Kunst und Wissenschaft ist untersagt und soll geahndet werden
.“

Die Hitleristen haben bewußt und systematisch die im Artikel 56 festgelegten Prinzipien und Forderungen verhöhnt. Alle Verschwörer haben sich dessen schuldig gemacht, in erster Linie jedoch der Angeklagte Rosenberg.

Rosenberg besaß eine weitverzweigte Organisation für die Plünderung von kulturellen Schätzen, zahlreiche Beamtenstäbe und Agenten. Durch einen Erlaß Hitlers vom 1. März 1942 wurde Rosenberg amtlich zum Leiter der Plünderung von Kunstschätzen in den besetzten Gebieten eingesetzt.

Ich beziehe mich auf Dokument 149-PS, US-369, das von der Anklagevertretung der vereinigten Staaten am 18. Dez. 1945 dem Gerichtshof vorgelegt wurde. Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Vorsitzender, werde ich aus diesem Dokument nur zwei Absätze verlesen. Es ist auf Seite 3 des Dokumentenbuches zu finden. Ich zitiere:

Sein“ – Rosenbergs -„Einsatzstab für die besetzten Ostgebiete hat das Recht, Bibliotheken, Archive und sonstige weltanschauliche und kulturelle Einrichtungen aller Art nach entsprechendem Material zu durchforschen und dieses für die weltanschaulichen Aufgaben der NSDAP … beschlagnahmen zu lassen.“ 

Ich lasse einen Absatz weg und zitiere den letzten des gleichen Dokuments:
„Die Durchführungsbestimmungen über die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht erläßt der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht im Einvernehmen mit dem Reichsleiter Rosenberg. Die notwendigen Maßnahmen innerhalb der in deutscher Verwaltung befindlichen Ostgebiete trifft Reichsleiter Rosenberg in seiner Eigenschaft als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete.“
Dieser Erlaß Hitlers wurde, wie eindeutig aus dem Schriftstück hervorgeht, an alle Dienststellen der Wehrmacht, der Partei und des Staates geleitet. (…)

Bei dem Bericht über die Organisation der Plünderung und Zerstörung ist es notwendig, auf ein weiteres Ministerium hinzuweisen, im dem sich die Diplomatie mit dem Raube vereinte. Ich habe dabei das Deutsche Auswärtige Amt im Auge.

Der Hautankläger der USSR, General Rudenko, hat in seiner Einführungsrede dargetan, daß die auf unmittelbare Veranlassung der Deutschen Reichsregierung erfolgten Plünderungen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion nicht nur von den Angeklagten Göring und Rosenberg und den ihnen unterstellten zahlreichen Stäben und Gruppen ausgeführt wurden, sondern, daß auch das von dem Angeklagten Ribbentrop geleitete Auswärtige Amt durch eine besondere Formation daran teilgenommen hat.

Die Gründung einer solchen Formation des sogenannten „Bataillon Ribbentrop“ und seine tätige Mitarbeit an der Plünderung von Kulturschätzen in den besetzten Gebieten der USSR gehen aus einer schriftlichen Erklärung des Obersturmführers Dr. Förster vom 10. November 19042 hervor, der von Einheiten der Roten Armee im Gebiet von Mozdok gefangengenommen worden ist.

In seiner Erklärung berichtete Förster ebenfalls über die Aufgabe des Einsatzstabes Rosenberg in Bezug auf die Plünderungen, oder wie er es nannte, „Beschlagnahmen“ von Museumsschätzen und Antiquitäten.  Ich lege dem Gericht eine Photokopie dieser Erklärung als Dokument USSR-157 vor. In seiner Erklärung sagte Förster, ich zitiere:

„Im August 1941, während meines Aufenthaltes in Berlin, wurde ich mit Hilfe meines alten Bekannten von der Berliner Universität, Dr. Focke, der in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes tätig war, von den Panzerjägern 87 zum Bataillon zur besonderen Verwendung abkommandiert. Dieses Bataillon war auf Anregung des Reichsministers des Auswärtigen, Ribbentrop, gegründet worden und unterstand ihm. Der Führer des Bataillons ist Major der Waffen-SS von Künsberg.
Die Aufgaben des Bataillons zur besonderen Verwendung besteht darin, daß sofort nach dem Fall von Großstädten, die von großen historischem Wert sind, beschlagnahmt und sichergestellt, wertvolle Bücher und Filme ausgewählt und nach Deutschland abtransportiert werden.

Das Bataillon zur besonderen Verwendung besteht aus vier Kompanien. Die 1. Kompanie ist dem deutschen Expeditionskorps in Afrika, die 2. Kompanie der Armeegruppe „Nord“, die 3. Kompanie der Armeegruppe „Mitte“ und die 4. Kompanie der Armeegruppe „Süd“ beigegeben. (..). Der Bataillonsstab befindet sich in Berlin, Hermann-Göring-Str. 104. Das beschlagnahmte Material ist in den Geschäftsräumen der Firma Adler, Hardenbergstraße untergebracht.

Vor unserer Abfahrt nach Russland übermittelte uns Major von Künsberg den Befehl von Ribbentrop, alle wissenschaftlichen Anstalten, Institute, Bibliotheken, Paläste gründlich ‚durchzukämmen‘, alle Archive durchzusehen und alles, was wertvoll ist, zu beschlagnahmen.

Aus den Berichten meiner Kameraden ist mir bekannt, daß die 2. Kommpanie unseres Bataillons wertvolle Gegenstände aus den Palästen in den Vororten von Leningrad beschlagnahmte. Ich selbst war damals nicht dabei. In Zarskoje Selo beschlagnahmte die Kompanie die Ausstattung des großen Palastmuseums der Kaiserin Katharina und stellte sie sicher. Es wurden von den Wänden chinesische Seidentapeten und vergoldete, geschnitzte Verzierungen abgerissen. Die Diele, die mit künstlerischen Ornamenten versehen war, wurde auseinandergenommen und abtransportiert. Aus dem Palast des Kaisers Alexander wurden antike Möbel und eine große Bibliothek, die gegen sechs- bis siebentausend Bände in französischer Sprache und über fünftausend Bände in russischer Sprache enthielt, weggebracht.“

Die vierte Kompanie, bei der ich mich befand, beschlagnahmte in Kiew die Ausstattung des Laboratoriums des medizinisch-wissenschaftlichen Forschungsinstitutes. Die ganze Ausstattung, wissenschaftliches Material, die Dokumente und Bücher sind nach Deutschland abtransportiert worden.

Reiche Beute wurde uns zuteil in der Bibliothek der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, wo die größten Raritäten an Manuskripten persischer, abessinischer, chinesischer Schriftkunde, russischer und ukrainischer Chroniken, der Wiegendruck von Büchern des ersten russischen Druckers Ivan Fjodorow und seltene Ausgaben der Werke von Schewtschenko, Miziewitsch und Ivan Franko aufbewahrt wurden.

Aus den Kiewer Museen, nämlich der Ukrainischen Kunst, der Russischen Kunst, der West- und Ostkunst, und aus dem zentralen Schewtschenko-Museum sind viele zurückgebliebene Ausstellungsgegenstände nach Berlin abtransportiert worden, darunter Gemälde und Portraits von Rjepin, Wereschtschagin, Fjedotov Gö, Bildwerke von Antokolski und andere Werke russischer und ukrainischer Maler und Bildhauer.

 In Charkow in der Korolenkobibliothek wurden einige tausend wertvolle Bücher in Prachtausgaben ausgewählt und nach Berlin gebracht. Die übrigen Bücher wurden vernichtet. Aus der Charkowbildergalerie sind einige hundert Bilder sichergestellt, darunter 14 Bilder von Aiwasowski, von Rjepin, viele Werke von Poljenow, Schischkin u.a.. Es sind auch alte Skulpturen und das ganze wissenschaftliche Archiv des Museums weggebracht worden. Stickereien, Teppiche, Gobelins und andere Ausstellungsgegenstände haben sich die deutschen Soldaten angeeignet.

Es ist mir noch bekannt,“ – sagte Förster in seiner Aussage – „daß beim Alfred-Rosenberg-Stab besondere Kommandos zur Beschlagnahme von wertvollen antiken Museumsgegenständen in den besetzten Gebieten des Ostens und in den Ländern Europas eingesetzt sind. An der Spitze dieser Kommandos stehen sachkundige Zivilisten.

Nach der Einnahme einer Großstadt treffen Führer dieser Kommandos in Begleitung von Fachleuten aller Art ein. Sie besichtigen Museen, Bildergalerien, Ausstellungen, Kultur- und Kunststätten, untersuchen ihren Zustand und beschlagnahmen alles Wertvolle.“

Ich lasse den letzten Absatz dieser Aussage aus.

Mit Erlaubnis des Hohen Gerichtshofs möchte ich zwei weitere Auszüge aus einem Schreiben des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete vorlegen, das das Datum des 7. April 1942 trägt und im Auftrage des Ministerialrats Leibbrands, des engsten Mitarbeiters des Angeklagten Rosenberg, unterzeichnet ist. Dieses Schreiben befindet sich in Ihrem Dokumentenbuch auf den Seiten 12 und 13 und ist am 18. Dezember vorigen Jahres als USSR-408 von der Amerikanischen Delegation vorgelegt worden. Dieses Dokument ist sehr aufschlußreich, soweit das Ausmaß der geplanten Plünderung in Betracht kommt, aber auch vom Gesichtspunkt der Tarnung der Plünderung, die darin schamlos als „Erhaltung von Kulturgütern, Forschungsmaterial und wissenschaftlichen Einrichtungen in den besetzten Ostgebieten“ bezeichnet wird.

Dieses Dokument ist auch wegen der Tatsache charakteristisch, daß Rosenberg aus Furcht, daß ihm eine Beute entgehen könnte, sein eigenes Monopol für die Plünderung schafft und lediglich dem Generalquartiermeister des Heeres mit dem, wie es im Schreiben heißt, der „Einsatzstab Rosenberg“ die „Arbeit“ gemeinsam durchführt, Zugeständnisse macht.

Ich verlese den ersten Auszug aus diesem Brief. Ich zitiere:
„Mit der Erfassung und einheitlichen Bearbeitung der Kulturgüter, des Forschungsmaterials und der wissenschaftlichen Einrichtungen aus Bibliotheken, Archiven, wissenschaftlichen Institutionen, Museen usw., die in öffentlichen kirchlichen oder privaten Räumen vorgefunden werden, habe ich den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die besetzten Gebiete beauftragt. Der Einsatzstab beginnt, wie im Führererlaß vom 1. März 1942 erneut angeordnet, im Einvernehmen mit dem Herrn Generalquartiermeister des Heeres seine Arbeit unmittelbar nach der Besetzung der Gebiete durch die kämpfende Truppe und führt sie nach Einrichtung der Zivilverwaltung im Einvernehmen mit den zuständigen Reichskommissaren bis zur endgültigen Abwicklung weiter. Alle Dienststellen meines Geschäftsbereiches ersuche ich, die Beauftragten des Einsatzstabes bei der Durchführung aller Maßnahmen weitestgehend zu unterstützen und alle erforderlichen Auskünfte zu erteilen, insbesondere darüber, inwieweit bereits Gegenstände aus den besetzten Ostgebieten erfaßt und von dem bisherigen Standort weggeschafft worden sind und wo sich dieses Material zur Zeit befindet.“

Wie Sie sehen, meine Herren Richter, war die Plünderung der Bibliotheken, Archive, wissenschaftlichen Forschungsinstitute , privater als auch öffentlicher Museen und sogar der Kirchenschätze geplant. Die Tatsache, daß es sich nicht um eine „Sicherstellung der Kulturgüter“, sondern um Plünderung handelt, kann aus dem folgenden Auszug aus dem erwähnten Schreiben ersehen werden. Sie finden diese Stelle auf Seite 12 des Dokumentenbuches. Ich zitiere:

Soweit entgegen diesen Bestimmungen Beschlagnahmungen oder Abtransporte bereits stattgefunden haben, ist dies …. Unverzüglich dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Berlin-Charlottenburg 2, Bismarckstraße 1, mitzuteilen.“ (…)
Wir hörten in diesem Saale, mit welcher Grausamkeit und in welchem Maßstabe die Vernichtung und der Raub der Kunstwerke in Polen, in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien von den Hitleristen durchgeführt wurde. Die von den Hitler-Verschwörern in den besetzten Gebieten der USSR begangenen Greultaten sind von noch größerer Tragweite. Die Verbrecherbande, die sich Hitler-Regierung nannte, trachtete nicht nur danach, die Völker der Sowjetunion zu berauben, die von ihnen erbauten Städte und Dörfer zu zerstören und die Kultur der Völker der USSR auszumerzen, sondern auch  die Sowjetbevölkerung zu versklaven und unsere Heimat in eine Sklavenkolonie der Faschisten zu verwandeln.

Im zweiten Teil meines Vortrags habe ich Beweise erbracht, wie die Zerstörung der Kulturwerte der Sowjetrepubliken organisiert und durchgeführt wurde.

In der Note des Volkskommissars der Auswärtigen Angelegenheiten der USSR, V.M. Moloto, vom 27. April 1942, die dem Gerichtshof als USSR-51/3 vorgelegt wurde, werden Dokumente und Tatsachen erwähnt, die unwiderlegbar feststellen, daß die Vernichtung und Beschädigung historischer und Kulturdenkmäler, sowie die schändliche Verhöhnung des Nationalgefühls und des Glaubens, nur ein Teil des von der Hitler-Regierung entworfenen und durchgeführten ungeheuerlichen Planes war, der zum Ziel hatte, die  nationalen Kulturwerte der USSR vollständig zu vernichten.

Ich kehre später zu diesem Dokument zurück und möchte jetzt mit Ihrer Erlaubnis folgenden Absatz verlesen, den Sie auf Seite 321 Ihres Dokumentenbuches finden. Ich lasse Absatz 1 aus und beginne mit dem zweiten:

„Die Entweihung und Vernichtung von Geschichts- und Kulturdenkmälern in den besetzten Sowjetgebieten sowie die Zerstörung zahlreicher von der Sowjetmacht geschaffener kultureller Einrichtungen ist ein Teil des ungeheuerlichen und unsinnigen Planes, der von der Hitler-Regierung ausgedacht und durchgeführt wurde und der zum Ziel hatte, die russische nationale Kultur und die nationale Kultur der Völker der Sowjetunion zu vernichten und die Russen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Letten, Esten und die anderen Völker der Sowjetunion gewaltsam zu germanisieren.“
„Im Befehl Nummer 0973/41 fordert der Kommandierende General der 17. Armee, General Hodt, von seinen Untergebenen, daß sie sich den für die stumpfsinnigen Faschisten typischen, von Menschenhaß durchdrungenen Einfall zu eigen machen daß ‚das gesunde Gefühl der Rache und die Abneigung gegen alles Russische bei den Soldaten nicht unterdrückt sondern auf jede Weise gefördert werden muß‘.“ Getreu ihrer Gewohnheit, die allgemein anerkannten Kulturwerte zu vernichten, haben die Hitler-Faschisten in dem von ihnen besetzten Sowjetterritorium überall die Bibliotheken, von den kleinen Klub- und Schulbüchereien bis zu den wertvollsten Sammlungen von Handschriften und Büchern, die bibliographische Seltenheitswerte darstellen, vernichtet und zu einem beträchtlichen Teil verbrannt.

Ich lasse einen Absatz aus und zitiere weiter:
„Das berühmte Museum von Borodino, dessen historische Reliquien aus dem Kampf gegen die napoleonische Armee im Jahr 1812 dem russischen Volk besonders teuer waren, haben die Hitleristen ausgeplündert und dann verbrannt. In der Siedlung Polotnjany Sawod haben die Eindringlinge das als Museum eingerichtete Haus von Puschkin ausgeraubt und verbrannt. In Kaluga vernichteten die Hitleristen mit besonderem Eifer die Ausstellungsstücke des als Museum eingerichteten Hauses, in dem der berühmte russische Gelehrte K. E. Ziolkowsky lebte und wirkte, dessen Verdienste auf dem Gebiet der Luftschiffahrt weltbekannt sind. Das Portrait Ziolkowskys machten die faschistischen Vandalen zur Zielscheibe für Revolverübungen. Die wertvollsten Luftschiffmodelle, Entwürfe und Geräte wurden zertrampelt. Ein Zimmer des Museums wurde zu einem Hühnerstall gemacht, die Möbel wurden verbrannt. Eine der ältesten landwirtschaftlichen Anstalten der Sowjetunion, die Selektionsstation Schatilowo im Gebiet Orel, wurde von den Eindringlingen zerstört, die 55 Gebäude dieser Station wurden in die Luft gesprengt und den Flammen preisgegeben, darunter ein landwirtschaftlich-chemisches und andere Laboratorien, das Museum, die umfassende Bibliothek, 40.000 Bände, die Schule und andere Gebäude. In der Ukraine und in Weißrussland zertrümmerten die Hitleristen mit noch größerer Wut die kulturellen Einrichtungen und historischen Denkmäler.“

Ich lasse zwei Absätze aus und gehe zum letzten über:

Die Schändung der Denkmäler und Stätten der ukrainischen Geschichte, Kultur und Kunst durch die Hitlerschen Vandalen kannte keine Grenzen. Als Beispiel für die dauernden Versuche, das ukrainische Volk in seiner nationalen Würde zu demütigen, genügt es, darauf hinzuweisen, daß die Eindringlinge nach der Zerstörung der Korolenko-Bibliothek in Charkow eine schmutzige Straße mit Büchern dieser Bibliothek bepflasterten, damit die deutschen Kraftfahrzeuge bequemer fahren konnten.“

Mit besonderem Haß behandelten die deutschen Vandalen diejenigen Kulturdenkmäler, die dem sowjetischen Volk am teuersten waren. Ich zitiere einige Tatsachen:

Die Hitleristen haben Jasnaja Poljana zerstört, wo einer der größten Schriftsteller, Leo Tolstoi, geboren wurde, wo er gelebt und gearbeitet hat.
Sie zerstörten das Haus, in dem der große russische Komponist Tschaikowsky gelebt und gearbeitet hat. In diesem Hause hat er unter anderem seine weltbekannten Opern ‚Eugen Onegin‘ und ‚Pique Dame‘ komponiert.“

 In der Stadt Taganrog zerstörten sie das Haus, in dem der berühmte russische Schriftsteller Tschechov gelebt hat. In Tichwin zerstörten sie das Haus des großen Komponisten Rimsky Korsakov. Als Beweis, meine Herren Richter, möchte ich Ihnen einen Auszug aus der Note des Volkskommissars der Auswärtigen Angelegenheiten der USSR, Molotov, vom 6. Januar 1942 vorlegen. Dieses Dokument ist als USSR-52/2 vorgelegt worden. Sie finden diesen Auszug auf Seite 317 Ihres Dokumentenbuches. Ich zitiere:

„Anderthalb Monate lang haben die Deutschen den weltbekannten Ort Jasnaja Poljana besetzt gehalten, wo eines der größten Genies der Menschheit, Leo Tolstoj, geboren wurde und wo der Schauplatz seines Lebens und seines Schaffens war. Dieses berühmte Denkmal russischer Kultur haben die nazi-faschistischen Vandalen zertrümmert, geschändet und schließlich in Brand gesetzt. Das Grab des großen Schriftstellers wurde von den Eindringlingen entweiht. Unersetzliche Heiligtümer, die mit dem Leben und Schaffen  Tolstojs in Verbindung standen, die seltensten Manuskripte, Bücher und Bilder wurden von der deutschen Soldateska entweder gestohlen oder auf die Straße geworfen und vernichtet. Der deutsche Offizier Schwarz, der von den Mitarbeitern des  Museums gebeten wurde, den Ofen mit den persönlichen Möbeln und Büchern des großen Schriftstellers nicht mehr zu heizen, sondern das vorhandene Brennholz dafür zu nehmen, gab darauf zur Antwort: ‚Brennholz brauchen wir nicht, wir werden alles verbrennen, was mit dem Namen eures Tolstoj zusammenhängt.‘

Als die Sowjettruppen am 15 Dezember die Stadt Klin befreiten, wurde festgestellt, daß
das Haus, in dem der große Komponist Peter J. Tschaikowsky gelebt und geschaffen hatte, und das von dem Sowjetstaat in ein Museum verwandelt worden ist, von den faschistischen Offizieren und Soldaten zerstört und ausgeraubt worden war. In dem eigentlichen Gebäude des als Museum eingerichteten Hauses hatten die schamlosen Eindringlinge eine Garage für Krafträder eingerichtet, die von ihnen mit Manuskripten, Büchern, Möbeln und  anderen Museumsstücken geheizt wurde. Ein Teil der Museumsgegenstände ist von den deutschen Eindringlingen jedenfalls gestohlen worden. Dabei wußten die faschistischen Offiziere sehr gut, daß sich ihre Schandtaten gegen eins der schönsten Denkmäler russischer Kultur richtete.


Während der Besetzung der Stadt Istra hatten die deutschen Truppen ein Munitionslager in dem berühmten altrussischen Kloster eingerichtet, das unter dem Namen ‚Neu-Jerusalem‘ bekannt ist und schon 1654 gegründet worden ist. Das Kloster ‚Neu-Jerusalem‘ ist ein hervorragendes historisches und religiöses Denkmal des russischen Volkes und als eines der größten und schönsten Bauwerke bekannt. Das war für die faschistischen deutschen Pogromhelden bei ihrem Rückzug aus Istra kein Hindernis, ihr Munitionslager in Neu-Jerusalem zu sprengen und ein unwiderbringliches Denkmal russischer Kirchengeschichte in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.“

Ich lasse den nächsten Absatz aus und beschliesse das Zitat.

Auf Anweisung des deutschen Oberkommandos haben die Hitleristen diejenigen kulturhistorischen Denkmäler des russischen Volkes vernichtet und zerstört, die mit dem Leben und Schaffen des großen russischen Dichters Alexander Sergewitsch Puschkin eng verbunden sind. In dem Bericht der Außerordentlichen staatlichen Kommission, den ich jetzt als USSR-40 vorlege, heißt es, ich zitiere:

Um die kulturellen und historischen Denkmäler des russischen Volkes, die mit dem Leben und den Werken des großen russischen Dichters Alexander Sergewitsch Puschkin verbunden waren, zu erhalten, gründete die Sowjetregierung am 17. März 1922 auf dem in Michailowskoje gelegenen Gute des Dichters ein Staatsreservat, das sein Grab im Mönchskloster Sojatogorsky und die benachbarten Orte Trigorskoje, Gorodischtsche und das Dorf Woronitsch einschloß. Das Puschkin-Reservat und besonders das Gut des Dichters in Michailowskoje sind dem russischen Volk sehr teuer. Hier vollendete Puschkin das dritte und schrieb das vierte, fünfte und sechste Kapitel von ‚Eugen Onegin‘, vollendete das Gedicht ‚Die Zigeuner‘ und schrieb das Trauerspiel ‚Boris Godunow‘ sowie zahlreiche epische und lyrische Gedichte.
Im Juli 1941 brachen die Hitleristen in das Puschkin-Staatsreservat ein. Drei Jahre hindurch leben sie hier wie die großen Herren, ruinierten alles und vernichteten die Puschkin-Denkmäler.“

 Ich lasse den Anfang der ersten Seite des Berichts aus und fahre fort:

Die Plünderung des Museums hatte bereits im August 1941 angefangen.“

Ich lasse auch den nächsten Satz aus und lese weiter:
„Im Herbst 1943 gab der Militärkommandant von Puschkin, Treibholz, dem Direktor K. V. Afanasjew den Auftrag, Vorbereitungen für die Evakuirung aller Museumsschätze zu treffen. Die Deutschen haben diese Werte auf Lastkraftwagen geladen und nach Deutschland geschickt.“

Ich lasse noch einen Absatz aus:
„Ende Februar 1944 bauten die Deutschen Michailowskoje in einen befestigten Stützpunkt um. Der Park wurde von Schützengräben und Unterständen durchzogen.
Das Häuschen von Puschkins Kinderfrau wurde niedergerissen, und daneben und teilweise auf seinem Boden errichteten die Deutschen einen riesigen Unterstand, der von einer fünffachen Holzlage überdeckt war. Ein ähnlicher Unterstand wurde unmittelbar neben dem früheren Museumsgebäude errichtet.

Vor ihrem Rückzug aus Michailowskoje vollendeten die Deutschen ihr Zerstörungswerk und die Entweihung des Puschkin-Gutes. Das Museum, das über den Grundmauern des ehemaligen Wohnhauses von Puschkin errichtet worden war, wurde niedergebrannt, und nur ein Trümmerhaufen blieb übrig. Die Marmorplatte des Puschkin-Denkmals wurde zerstückelt und auf den Aschenhaufen geworfen. Von den beiden anderen Häusern im Puschkin-Reservat, am Eingang zum Gut von Michailowskoje, wurde eines niedergebrannt und das andere schwer beschädigt. Die Vandalen schossen drei Kugellöcher in das Portrait von Puschkin, das in dem Bogenbau am Eingang zum Michailowskoje-Park hing und zerstörten alsdann den Bogengang. Nach ihrem Rückzug aus Michailowskoje beschossen die Hitleristen den Ort mit Mörsern und Artillerie. Die Freitreppen, die zum Fluß Sorot hinabführten, wurden durch deutsche Minen zerstört. Die alten Linden auf der kreisförmigen Allee, die zum Haus führte, wurden beschädigt. Die riesige Ulme, die vor dem Haus stand, wurde durch Granaten und Granatsplitter beschädigt.“

Ich lasse nunmehr den Rest dieser Seite des Berichts aus und gehe auf Seite 41 über:

Im Dorfe Woronitsch wurde die Holzkirche, die noch aus der Zeit Puschkins stammte und in der Puschkin am 7. April 1825 eine Trauerfeier für den großen englischen Dichter Byron veranstaltet hatte, niedergebrannt. Der Friedhof nahe bei der Kirche, wo W. P. Hannibal, ein Verwandter Puschkins, und der Priester Rajewsky, ein enger Freund des Dichters, begraben lagen, wurde von Schützengräben durchzogen und verwüstet und vermint.

Der historische Anblick des Reservats, an das sich für das russische Volk so viele Erinnerungen an Puschkin knüpfen, wurde von den Deutschen bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit entstellt.

Die schändliche Haltung der Deutschen gegenüber den nationalen Heiligtümern des russischen Volkes zeigte sich am klarsten bei der empörenden Entweihung des Grabes von Puschkin. Um das Reservat Puschkins vor der Zerstörung zu retten, räumten die Truppen der Roten Armee dieses Gebiet ohne Kampf und zogen sich nach Novorschew zurück. Trotzdem
beschossen die Deutschen am 2. Juli 1941 das Kloster von Swijatije-Gory, an dessen Mauer sich das Grab Puschkins befand. Im März 1943, lange bevor die Kampflinie sich dem Gebiet von Puschkinskije-Gory näherte, begannen die Deutschen, das Kloster von Swatije-Gory, das unter ihrem Schutz stand, zu zerstören.“
Ich überspringe den Rest auf dieser Seite und gehe auf Seite 42 über:

„ Die Gruft des Dichters wurde vollkommen mit Unrat bedeckt aufgefunden. Beide Treppen, die zur Gruft hinunterführten, waren zerstört. Die Umgebung war mit Kehricht, Abfall, Bruchstücken von Ikonen und Blechteilen bedeckt.“

 Ich lasse einen Absatz aus und setze fort:
„Die Marmorbalustrade, die das Denkmal umgibt, war auch an verschiedenen Stellen durch Granatsplitter und Kugeln beschädigt. Das Denkmal selbst ist infolge eines Erdrutsches nach der Beschießung und aufgrund der Erschütterungen durch die Sprengungen unter einen Winkel von 10 bis 12 Grad nach Osten geneigt.

Die Eindringlinge waren sich vollkommen darüber im klaren, dass die Offiziere und Mannschaften der Roten Armee beim Einzug in Puschkinskije-Gory, zuallererst das Grab des Dichters besuchen würden und wandelten es daher in eine Falle um für die Patrioten. Ungefähr 3.000 Mienen wurden von Sowjet-Pioniertruppen, … auf dem Gebiete des Klosters und seiner Umgebung entdeckt und unschädlich gemacht.“