Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime

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Berliner Büro: Lothar Eberhardt, Willib.-Alexis-Str.43 in 10 965 Berlin Tel/Fax. 030 –693 49 73

 

Berlin, 9. Juli 2003

Pressemitteilung                          

 

Akademiker-Exkursion nach Ostpolen:

 

Berliner Wissenschaft und Politik verweigern Grußworte für Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Generalplans Ost. Niemand sei zuständig.

 

Vor 60 Jahren wurde auf Befehl H. Himmlers der erste deutsche Siedlungsstützpunkt des Berliner Generalplans Ost in Zamosc, umbenannt in Himmler-Stadt, und Umgebung von Zamosc, Distrikt Lublin, eingerichtet. Im Gedenken an den Überfall auf die Ortschaft Lukowa im Kreis Bilgoraj vom 3. Juli 1943 und an die Ermordung vieler Bewohner fand dort am 6. Juli 2003 eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Vor etwa 300 Teinehmern verlas eine kleine Berliner Delegation den Text der Entschuldigung der Agrarfakultät der Humboldt-Universität vom Mai 2002 und überbrachte die guten Wünsche und Anteilnahme der Agrarfakultät der Universität Göttingen. Die meisten angefragten Berliner Institutionen konnten sich noch nicht einmal zur Unterstützung in Form eines Grußwortes für diese deutsch-polnische Begegnung entschliessen.

 

Berliner Wissenschaftseinrichtungen waren massgeblich an der Planung von Zwangsarbeit und Völkermord des Generalplan Ost von 1939 – 1944 beteiligt. Zwischen Nov. 1942 und August 1943 wurden im Raum Zamosc über 100.000 Polen aus 280 Ortschaften vertrieben, zehntausende Kinder von ihren Eltern getrennt und dem Hungertod preisgegeben, Erwachsene zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt oder in Konzentrationslager deportiert und über 30 Ortschaften vollständig zerstört. Nach langen Jahrzehnten Bedenkzeit der Berliner Universitäten entschuldigte sich im Mai 2002 die Agrarfakultät der Humboldt-Universität für die Planung von Zwangsarbeit und Abschiebung in Hungerzonen für 25 bis 50 Millionen Mittel- und Osteuropäer. Auch der Präsident der Humboldt-Universität bekannte sich Ende Mai 2002 zur gesamtuniversitären Verantwortung, die beim Generalplan Ost zu tragen sei.

 

Trotz dieser Bekenntnisse zu ihrer historischen Verantwortung verweigerten die Berliner Universität(en) die Ausleihe von Universitäts-Kfzs für die Anfahrt zur Gedenkveranstaltung nach Ostpolen. Der um ein Grußwort angefragte Kommissar für die EU-Erweiterung verwies in dieser bilateralen Frage auf die Zuständigkeit der Bundesregierung. Drei von ihrer Arbeit her zuständige, seit zwei Jahren gut informierte Bundesministerien lehnten, meist mit Hinweis auf Forschungsdefizite oder Nichtzuständigkeit, anteilnehmende Stellungnahmen ab, ebenso wie die Bezirksämter von Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf, wo sich das damals zuständige SS-Hauptamt des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums bzw. die beiden wichtigen Dahlemer Planungsbehörden befanden.

 

Der Generalplan Ost hat eine traumatisch-tiefe Bedeutung für Polen, und Traumata werden, wenn auch abgeschwächt, in der Regel an die nächste Generation weitergegeben, falls nicht aufgearbeitet. Dass Berlin in den letzten zwei Jahren die 60. Jahrestage der Fertigstellung des Generalplans Ost bzw. der daraus folgenden Verbrechen (Vertreibungen, Morde) in Ostpolen nicht für offizielle deutsch-polnische Begegnungen nutzte, bedeutet, dass eine einmalige Chance verpaßt wurde. Die so fortlebenden Traumata lassen befürchten, dass spätestens in 10 Jahren, wenn junge Deutsche und junge Polen bei völliger Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt miteinander konkurrieren, schwere soziale Spannungen auftreten, mit beiderseitiger Fremdenfeindlichkeit und wiedererstandenem Haß auf die anderen.

 

Thematische Homepage: www.userpage.fu-berlin.de/~gplanost

Koordinator: Matthias Burchard, Tel: 030.21 96 83 75; F:21 96 83 76

Unterstützer: Asten der FU, der TU und der Universität der Künste, Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes- Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten; Institut für Gesellschaftswissenschaften und historisch-politische Bildung, Techn. Universität Berlin, Verein „Kinder der Region von Zamosc“, Bilgoraj (Polen)

 

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