Andrzej Mezynski

Kommando Paulsen

Organisierter Raub polnischer Kulturgüter während des Zweiten Weltkrieges Übersetzung: Armin Hetzer

Erschienen am: 01.03.2000 ISBN: 3920862651

ca. 200 Seiten, 16 Abbildungen, gebunden

Preis: 22,50 €

Das Kommando Paulsen existierte relativ kurz, fiel über einzelne polnische Kultureinrichtungen her, ohne Spuren zu hinterlassen. Dass die Mitarbeiter der polnischen Kultureinrichtungen nicht wissen konnten, mit welcher deutschen Formation sie es zu tun hatten und wohin die geraubten Sammlungen verschleppt wurden, darf nicht verwundern. Dies wussten selbst die deutschen Zivilbehörden im Generalgouvernement nicht. Das Kommando Paulsen fügte der polnischen Kultur, insbesondere den Warschauer Museen und Bibliotheken, große Schäden zu. Im Herbst 1939 führte es eine der ersten organisierten Aktionen zur »Sicherstellung«, Begutachtung und zum Abtransport polnischer Kulturgüter durch. Erst die Arbeiten polnischer Historiker über den Zweiten Weltkrieg begannen nach und nach, den Verlauf und die Geschichte der Aktionen des Kommandos Paulsen aufzuklären. Eine ausführliche Darstellung ließ lange auf sich warten. Jetzt endlich liegt sie auf Deutsch vor.

Andrzej Mezynski ist Bibliothekar in Warschau und Abgeordneter des polnischen Parlaments.

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Pressestimmen:

Andrzej Mezynski, Kommando Paulsen. Organsierter Raub polnischer Kulturgüter während des Zweiten Weltkrieges. Der Raub von Kulturgütern während des Zweiten Weltkrieges gehört zu den aktuellen Themen nicht nur der deutsch-polnischen Beziehungen. Historische Forschungen zum Thema ziehen daher die besondere Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf sich. Mit der Tätigkeit des »Kommandos Paulsen« rückt Mezynski einen eher kurzen Abschnitt - September bis Dezember 1939 - der Geschichte des organisierten Kulturraubs ins Blickfeld. Es »sollen die Verluste erforscht werden, die Polen durch den Zweiten Weltkrieg erlitten hat« (S. 7). Neben der Darstellung von Organisation und Ablauf der Aktion sollen die Motive der Täter sowie das Schicksal der geraubten Objekte geklärt werden. Die abgedruckten Dokumente spiegeln das wohlvorbereitete und zielgerichtete Vorgehen der SS bei der »Sicherstellung« der vorgeschichtlichen Kulturdenkmäler wider, die u.a. als Beleg für die Bedeutung der Germanen bei der polnischen Staatsgründung betrachtet wurden. Ebenso deutlich werden die Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem von Himmlers »Ahnenerbe« entsandten Paulsen und dem als Beauftragten Görings bzw. des Generalgouverneurs Frank tätigen SS-Standartenführer Kajetan Mühlmann. Für diesen war der innerhalb der SS-Hierarchie niedriger gestellte Untersturmführer Paulsen - trotz dessen »Erfolgen« beim Abtransport von Kulturgut - eher ein lästiger Rivale als ein »gefährlicher und mächtiger Gegner« (S. 10). Vor Augen geführt werden dem Leser schließlich die erheblichen Verluste für die polnischen Museen, Institute und Bibliotheken. Sie sind aber nur zum Teil auf die Aktion Paulsens zurückzuführen, dessen Tätigkeit auch vor dem Hintergrund des gesamten Ausmaßes des nationalsozialistischen Kunst- und Kulturraubs bislang als »politisch nicht von großem Belang« (Kater) eingestuft wurde. Als Dokumentation ist das Bändchen in jedem Falle nützlich.

 

Historische Zeitschrift Band 273 (2001)

Die vorliegende Monographie stellt eine erweiterte und von Armin Hetzer ins Deutsche übertragene Ausgabe des von Mezynski 1994 in Warschau publizierten Werks »Kommando Paulsen: pazdziernik - grudzien 1939 r.« dar. Die nunmehr in der deutschen Originalsprache wiedergegebenen Originaldokumente und der wesentlich erweiterte Quellenanhang geben der Neuausgabe ihren besonderen Wert. Der Verfasser, seit 1991 in der Warschauer Sejmbibliothek beschäftigt und seit dieser Zeit intensiv mit dem Schicksal polnischer Bibliotheken in der Zeit des Zweiten Weltkrieges befaßt, schildert die Aktivitäten des nach Peter Paulsen benannten Komanndos, das im Herbst 1939 vom Reichssicherheitshauptamt ins Generalgouvernement geschickt wurde, um polnische Kulturgüter nach Deutschland zu verbringen. Paulsen, seit 1928 NSDAP-Mitglied, von 1934 bis 1937 Professor für Vorgeschichte an der Universität Kiel mit dem Fachgebiet Geschichte der Wikinger und wohl schon bald nach deren Gründung auch Mitglied der wissenschaftlichen Einrichtung der SS, »Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe«, war aufgegeben, vorgeschichtliches Fundmaterial und vorgeschichtliche Denkmäler in Polen zu sichern. Hintergrund war dabei immer das Bemühen, Belege für germanische Siedlungen auf dem alten polnischen Gebiet zu finden bzw. sicherzustellen. Wie Mezynski nachdrücklich schildert, hielten sich Paulsen und sein Kommando aber nicht an ihre Vorgaben. Vielmehr verschleppten sie polnische Kunstwerke (wie den Krakauer Marienaltar) oder polnische Bibliotheken (wie die Bibliothek des Sejm), ohne daß häufig weder den von ihnen heimgesuchten Kustoden oder Bibliothekaren noch der Verwaltung des Generalgouverments klar wurde, wer genau sich die Bestände angeeignet hatte. Sehr interessant sind zwei Aussagen Mezynski: zum einen stellt er fest, daß ganz offensichtlich weder vor dem deutschen Angriff auf Polen noch danach ein wirklich ausgearbeitetes Konzept für den Umgang mit dort befindlichem Kulturgut bestand, zum anderen arbeitet der die Bemühungen der Zivilbehörden des Generalgouvernements (und hier ist für den Bereich des Bibliothekswesens insbesondere der Name von Gustav Abb, dem ehemaligen Direktor der Universitätsbibliothek zu Berlin, zu nennen, der der dortigen Hauptverwaltung der Bibliotheken vorstand) heraus, den Verbleib von Kulturgütern im Generalgouvernement bzw. deren Rückführung dorthin zu bewirken. So bemühte sich Abb nachdrücklich, verschleppte Handschriften der Zamoyski-Bibliothek, die Warschauer Ukrainische Bibliothek und die Judaistische Bibliothek der Warschauer Großen Synagoge aus dem Reich zurückzuerhalten, leider nur im ersten Fall mit Erfolg. Mezynski Beschreibung wird durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat, ein Verzeichnis der wiedergegebenen Dokumente, ein Personenregister und ein Verzeichnis der durch die Aktivitäten des Kommandos Paulsen unmittelbar betroffenen bzw. im Interessenbereich des »Ahnenerbes« befindlichen polnischen Institutionen ergänzt. Mezynski Buch ist nachhaltig zu empfehlen, stellt es doch einen erfreulich unaufgeregten Beitrag zur Debatte um die Verschleppung von Kulturgütern im Verlauf des Zweiten Weltkrieges dar.