Geschichte der Deutschen Vertuschungsgemeinschaft* (DFG/DVG)


Foto Grunewaldstraße 35, Berlin-Steglitz: (Foto: Privat 11-99)

  

Dieses Eckgrundstück wurde 1938/39 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erworben und bebaut. Der Einzug erfolgte im Oktober 1939, die festliche Einweihung als "Haus der Wissenschaften" und zugleich die 20-Jahr-Feier des Bestehens der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft wurde am 30. Oktober 1940 begangen. Das Haus, nach zeitgenössischer Beschreibung "auf einem der schönsten Grundstücke in der näheren und weiteren Umgebung Berlins" gelegen, war zugleich Sitz des Reichsforschungsrates. Der Bau war "im märkischen Herrenhausstil gehalten, (...) der Haupteingang in Jura-Marmor, der Festsaal, das Chef-Zimmer und das Bibliothekszimmer sind getäfelt." Nach dem Krieg wurde das Anwesen verkauft und ist heute im Eigentum der Freien Universität Berlin. Notker Hammerstein erklärt die Kontinuität des 1937 eingeführten Namens DFG am Ende seiner Schlußbetrachtung wie folgt: "Die neue, nach 1945 wiedergegründete DFG (...) bediente sich fast zwangsläufig des alten Namens, waren doch damit erhebliche Vermögenswerte, rechtliche Titel und Verfahrenswege verbunden." (N. Hammerstein 1999 S. 302f.; 546).

* Diese Bezeichnung zu verwenden bot der damalige Präsident der DFG allen Lesern der ZEIT in Nr. 44, Okt. 2000 als freie Wahlentscheidung an, siehe Artikel untenstehend.


Übersicht

Recommendations of the Commission on Professional Self Regulation in Science, Proposals for Safeguarding Good Scientific Practice, Bonn, Janurary 1998 (pdf.doc)

Broschüre zur DFG-Mini-Ausstellung: "Wissenschaft - Planung - Vertreibung: Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten." Bonn/Freiburg/Berlin, Sept. 2006 (pdf.doc)

Auszug aus Online-Version der DFG-Miniausstellung zum Generalplan Ost (online von Sept.06 bis Jan. 2010)

 

Verfälschen des Datums als elegante, faktische Existenzleugung des Generalplan Ost der Berliner Universität: Versuch einer Synopsendarstellung zu zwei Datenversionen (MB. 15.12.2011)


Antrag an die DFG-Ombudsman-Kommission zum sofortigen Stopp der Mini-Propagandaschau zum Generalplan Ost wegen schwerer fachwissenschaftlicher Mängel, Dokumentation eines Briefes vom 28. März 2008 an die Sprecherin der DFG-Ombudsman-Kommission



12a.  Bitte an DFG, BMBF, Berliner Wissenschaftsverwaltung um Stellungnahme zu zwei neuen Gedenkzeichen (word-doc)
12b: Dokumentation im BULLETIN Fa&WKF (H.19, 2002): Prof. U. Herbert verweigert Fachstellungnahme

13. 1. Ablehnung einer Bearbeitung, die Kommissionsvorsitzende, Hamburg, im April 2008
14. 2. Ablehnung einer Bearbeitung, die Kommissionsvorsitzende, Hamburg, 2. Juni 2009
15: R. Strecker bestätigt die Nichtbeantwortung von drei Fachfragen an die DFG-Projektgruppe, 11.09.09
16: Dokument: dreiteilige Fachfrage an die DFG-Projektgruppe von zwei Berliner Bürgern, 26.06.2003

17: DFG-Ombudsman-Kommission lehnt elegant weitere Stellungnahme ab, Antwort an R. Strecker, 23.11.2009
18: Der Niedersächsische Landtag weist Kritik an DFG-Ausstellung wegen formaler Qualifikationen der Macher ab, Febr. 2010

19: DFG-Ombudsman-Kommission lehnt elegant inhaltliche Stellungnahme ab, verweist direkt an die DFG, ggü. Einzelbürger, 11.02.10



 

  1. Deutsche Forschungsgemeinschaft: Pressemitteilung Nr. 9, 17. März 1999
  2. Statement von Professor Dr. Wolfgang Frühwald 17.3.1999
  3. Rezension der Publikation von Prof. Notker Hammerstein - M. Burchard 15.6.1999
  4. Späte Aufklärung: Stellungnahme von DFG-Präsident E.-L. Winnacker
    zu Ernst Klee: "Deutsches Blut und leere Aktendeckel" (Die Zeit Nr. 42, Nr. 44) - 26.10.2000
  5. Leserbrief an die Zeit zu DFG-Stellungnahme "Späte Aufklärung" (Die Zeit Nr. 44) - M. Burchard 8.11.2000
  6. DFG-Förderung der Geisteswissenschaften auf 15% zurückgedrängt, Prof. H.A. Glaser in FAZ, 24.11.01, Pisa, Italien

  7. Kurzexpose der DFG-Tagung 06/02 zum Generalplan Ost, Uni Freiburg i,B., 1.2.02

  8. Unbeantwortete Bürgerfrage an Leiter der Präsidentenkommission Geschichte der DFG, Berlin, 26.6.2003

  9. Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Pressemitteilung der DFG, Bonn, den 7. Sept. 2006
  10. Annotationen/ Rezensionen: Die Berliner Universität in der NS-Zeit, hg. von R. vom Bruch und C. Jahr, in: Bulletin Heft 28. 2006

  11. DLF Aus Kultur- und Sozialwissenschaften:Hilfreiche Geister? Die DFG im NS. Von K. Müllges, 15.03.2007, 20.10 h


Deutsche Forschungsgemeinschaft:
Pressemitteilung Nr. 9, 17. März 1999

Forschungsförderung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Studie bringt Licht in einen dunklen Abschnitt der Geschichte der DFG

Statt ihr 75-jähriges Bestehen zu feiern, beschloß die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Jahr 1995 auf Anregung des damaligen Präsidenten Prof. Wolfgang Frühwald, die Aufarbeitung ihrer Geschichte in der Weimarer Republik und im Dritten Reich zu veranlassen. Der Frankfurter Historiker Prof. Notker Hammerstein übernahm die Aufgabe, die Geschichte der Wissenschaftsorganisation in der Zeit zwischen 1920 und 1945 zu untersuchen und damit Licht in einen dunklen Abschnitt ihrer Geschichte zu bringen. Seine Ergebnisse hat der Wissenschaftler in einem Buch zusammengefaßt, das jetzt in einer Pressekonferenz in Bonn von DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, seinem Vorgänger im Amt Wolfgang Frühwald und dem Autor Notker Hammerstein vorgestellt wurde.

DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker betonte in seiner Begrüßung, daß die Untersuchungen ohne jede Einflußnahme seitens der DFG durchgeführt wurde. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft habe lediglich in begrenztem Umfang materielle Hilfestellung geleistet, insbesondere für Kosten der Archivarbeit und der Manuskripterstellung.

Hammerstein kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, daß der Nationalsozialismus ein eigenes Kapitel in der Geschichte der Wissenschaftsorganisation gewesen sei, die in dieser Zeit nichts mehr mit dem Gründungsgedanken der Organisation in der Weimarer Republik oder der heutigen Form der DFG gemein hatte. Die kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründete "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft", die spätere DFG, wurde im Dritten Reich zu einer Art Abrechnungsstelle. Die Nationalsozialisten betrieben ihre "Gleichschaltung", indem sie alle Schlüsselstellungen mit ihren Anhängern besetzten.

Der ehemalige DFG-Präsident Wolfgang Frühwald betonte, daß die Darstellung Hammersteins über eine Geschichte der Gleichschaltung der "Notgemeinschaft" und über eine Geschichte der (durch Personalunion) mit dem Reichserziehungsministerium verbundenen "Deutschen Forschungsgemeinschaft" weit hinausgehe. Sie - so Frühwald wörtlich - "zeigt die glatte administrative Oberfläche scheinbar rechtsstaatlich funktionierender Institutionen, in denen unter strenger Aufsicht des Reichsrechnungshofes kein Pfennig verschleudert wurde, doch knapp unter diese Oberfläche das Gebräu aus Blut und Dreck, das die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus kennzeichnet". Sie zeige auch die Selbsttäuschung vieler angesehener Wissenschaftler, die meinten, in diesem Verwaltungsgeflecht unbescholten seriöser Wissenschaft dienen zu dürfen. Nach Auffassung Frühwalds bedeutet die Gründung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach dem Zeiten Weltkrieg einen völligen Neuanfang. Dieser habe dazu beigetragen, demokratisches und föderales Bewußtsein in einem Lebensraum (der Wissenschaft) zu stärken, der sich zwanzig Jahre in großen Teilen der Republik verweigert hat und deshalb für die Verlockungen der Diktatur anfällig gewesen sei. Mit der Veröffentlichung von Hammersteins Buch sei die Diskussion über dieses Thema eröffnet, nicht beendet.

DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker berichtete, daß das Präsidium der DFG - angeregt durch Hammersteins Buch - beschlossen habe, im Frühjahr 2000 ein wissenschaftsgeschichtliches Kolloquium zu veranstalten, in dem die bisherigen Forschungsergebnisse zur Rolle von Forschung und Wissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus zusammengetragen und in den größeren Zusammenhang des Verhaltens von Eliten unter totalitären Regimen gestellt werden sollen.

Erschienen ist Notker Hammersteins Buch "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Zeit der Weimarer Republik und im Dritten Reich; Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur" im Verlag C.H. Beck, München, ISBN 3 406 44826 7.


Statement von Professor Dr. Wolfgang Frühwald, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zur Vorstellung des Buches von Notker Hammerstein "Deutsche Forschungsmeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur", Verlag Beck München 1999, zur Pressekonferenz der DFG am 17. März 1999

Wenn die These richtig ist, wonach auch in Gesellschaften mit Schrift- und Druckkultur die "lebendige Erinnerung nicht mehr als 80 Jahre zurückreicht" (L. Niethammer), so wird deutlich, weshalb seit der Mitte der achtziger Jahre der Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands heftiger und intensiver als jemals vorher geführt wird. In der zweiten Vierzigjahres-Periode dieser lebendigen Erinnerung nämlich werden die Geschichtsbilder fixiert, wird in der Auseinandersetzung um Geschichtsschreibung, um Dokumentation und Musealisierung von Vergangenheit, um Memoiren, Denkmäler, Gedächnisformen und Rituale der Erinnerung kollektives, "kulturelles Gedächnis" gebildet. Da kulturelles Gedächnis über Jahrhunderte hin funktioniert, ist die Auseinandersetzung innerhalb dieser Periode für die nahe und die fernere Zukunft insofern prägend, als die in dieser Periode geprägten Geschichtsbilder später - auch bei Entdeckung neuer Quellen - kaum noch zu verändern sind. Beispiele aus der Geschichte gibt es dafür genug. Insofern ist es kein Zufall, daß das Interesse an der lange vernachlässigten Institutionen-Geschichte während der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa zunimmt und sowohl der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max Planck-Gesellschaft von sich aus initiativ geworden sind, die Geschichte ihrer Institutionen auf quellenkritischer Grundlage historiographisch bearbeiten zu lassen. Nach Winfried Schulzes Darstellung der Geschichte des Stifterverbandes (Akademie Verlag Berlin 1995, mit dem Schwerpunkt auf den Jahren nach 1945) liegt mit Notker Hammersteins umfassender Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit dem Schwerpunkt auf den Jahren 1933 bis 1945, nun die Darstellung der zweiten Säule des deutschen Wissenschaftsystems in der Zeit von Republik und Diktatur vor. Überschneidungen mit der Geschichte des Stifterverbandes und Vorgriffe auf die Geschichte der Max Planck Gesellschaft wie auf eine noch nicht geschriebene, zusammenfassende Geschichte der deutschen Universitäten in dieser Zeit sind dabei nicht zu vermeiden. Allzu eng waren die Institutionen der Wissenschaft seit den zwanziger Jahren miteinander verflochten und dementsprechend auch zusammen in die Verbrechensgeschichte des Dritten Reiches verstrickt. Da der Unrechtsstaat Wert darauf legte, den Schein rechtsstaatlicher Traditionen zu wahren, hat er keine der in der Weimarer Republik (und zum Teil bereits im Kaiserreich) bewährten Institutionen spektakulär aufgelöst, sondern durch die Besetzung von Schlüsselstellungen mit Anhängern des Regimes ihre "Gleichschaltung" betrieben. Dies ist den Nationalsozialisten - Notker Hammersteins Buch zufolge - bei der einstigen "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", die den Beinamen "Deutsche Forschungsgemeinschaft" trug, seit der Ablösung des Präsidenten Friedrich Schmidt-Ott

durch den Mitbegründer der "Deutschen Physik", Johannes Stark (1934) und vor allem durch seinen Nachfolger, den SS-Brigadeführer Rudolf Mentzel, Ministerialdirektor im Reichserziehungsministerium (1936), vollständig gelungen. Rudolf Mentzel scheute nicht davor zurück, das Führerprinzip bei der DFG einzuführen und in der 1937 veränderten "Satzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Deutsche Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung, früher Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft e.V.)" festzuschreiben. Da zugleich der Reichsforschungsrat gegründet wurde, in dem die Forschungsbemühungen von Militär, Partei, Staat und wissenschaftlichen Institutionen hätten gebündelt werden sollen und Mentzel in diesem RFR an prominenter Stelle mitwirkte. konnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1938 als der "verwaltungsmäßige Unterbau für den Reichsforschungsrat" definiert werden. Der Reichsforschungsrat wurde am 25. Mai 1937 in Anwesenheit Hitlers und Görings eröffnet. Aus diesem Anlaß hat Hitler, auch dies ist in Notker Hammersteins Buch nachzulesen, das erste und einzige Mal das Reichserziehungsministerium besucht. Nach den Reden von Rust, dem Reichserziehungsminister, und General Becker, dem ersten Präsidenten des Reichsforschungsrates, schritt Hitler die Reihe der Wissenschafts-Honoratioren ab, ohne ihnen die Hand zu reichen, und verließ sofort den "Versammlungsort der Wissenschaften". Die nationalsozialistische Führungs-Clique war an Kultur, an Kunst und Wissenschaft, soweit sie nicht unmittelbar propagandistisch verwertet werden konnten, nicht interessiert. Als in den letzten Kriegsjahren das Interesse an Forschung, vor allem durch den Rüstungsminister Speer, zugenommen hat und von der Forschung plötzlich die rasche und im Wettbewerb mit den Kriegsgegnern auch erfolgreiche Konstruktion von "Wunderwaffen" erwartet wurde, war es zu spät. Die deutsche Forschung war - trotz der Anstrengungen für den Bau einer Atombombe - längst auf Nebengebiete abgedrängt und im internationalen Wettbewerb von Amerikanern und Engländern überrundet worden. Die angeblich entscheidende Beteiligung deutscher Wissenschaftler und Ingenieure am Weltraumprogramm der USA nach dem Kriege gehört vermutlich zu den Legenden der Wiederaufbau-Generation, die sich den von den Nationalsozialisten bewirkten (intellektuellen und moralischen) Verfall der deutschen Wissenschaft nicht vorstellen konnte.

Die Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Dritten Reich spiegelt in allen - auch verwirrenden und in den letzten Kriegsjahren tatsächlich "gespenstischen" - Förderdebatten die Ämterkonkurrenz und das Zuständigkeitschaos im "Führerstaat". Manche, Forscher sind ja der Ansicht, daß das Dritte Reich, hätten Hitler und seine Gefolgschaft nicht durch Völkermord und Krieg dessen Ende bewirkt, an Institutionenkrieg und Verwaltungschaos zugrunde gegangen wäre. Dabei spielte nach bisheriger Ansicht, auf dem Felde von Wissenschaft, Kultur und Ideologie, das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, unter dem seit 1934 amtierenden Minister Bernhard Rust, nur eine marginale Rolle. Notker Hammerstein hat nachgewiesen daß diese Rolle so bescheiden keineswegs war, sondern daß Rust und seine Mitarbeiter (darunter eben Mentzel, als Präsident der DFG) über den Reichsforschungsrat erheblichen Einfluß auf die Wissenschaftspolitik des Reiches gewannen haben und auch in der Konkurrenz mit dem Amt Rosenberg siegreich geb1ieben sind. Auch wenn die "Verreichlichung" (also die Zentralisierung) der deutschen Universitäten während des Krieges nicht gelungen ist, waren doch 1943 50 % aller Lehrstühle neu besetzt. Die Nachwuchssituation allerdings war in allen Fächern katastrophal, die Forschungssituation ebenfalls, Der Mathematiker Wilhelm Süss, Rektor der Universität Freiburg i.Br., hat auf der Salzburger Rektorenkonferenz 1943 die Produktivitätssteigerung der Physik in Deutschland und den USA mit 3 ½ : 13 ½ bestimmt und die mindere Qualität der deutschen Forschung beklagt. Rust war im Machtpoker mit den konkurrierenden Ämtern wohl auch deshalb erfolgreich, weil der Einfluß der SS auf sein Ministerium und den Reichsforschungsrat kontinuierlich gewachsen ist und die Verbindung mit Himmlers (somit auch von der OFG geförderter) "Forschungs"-Institution "Ahnenerbe" funktionierte. Die Geschichte des nationalsozialistischen Forschungs-Sadismus und der Menschenversuche, die im Abschlußbericht der von der Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern zum Nürnberger Ärzteprozeß entsandten Kommission (1949) erstmals veröffentlicht wurde, wird in Notker Hammersteins Buch innerhalb der Geschichte des Reichserziehungsministeriums zu Ende erzählt. Hier wie dort begegnen wir zum Beispiel jenem Dr. Sigmund Rascher, dem Günstling Himmlers, der als Stabsarzt der Luftwaffe im Konzentrationslager u.a. zum Tod führende Unterkühlungsversuche mit Häftlingen vorgenommen hat, um daraus ,Erkenntnisse" für den Luftkrieg gegen England zu gewinnen. Notker Hammerstein berichtet die letzte Phase dieser Menschheitsverbrechen, in der die Bestien sich selbst zerrissen haben: Raschers Frau wurde in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht und dort auf Himmlers Befehl ermordet. Sigmund Rascher wurde im Februar 1945 als Häftling in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert, wo auf dem Ettersberg bei Weimar auch das berüchtigte Hygiene-Institut der SS (mit Fleckfieberversuchen) geführt wurde. Im KL Dachau, wo er seine perversen Experimente durchgeführt hatte, wurde Rascher bei Kriegsende von einem SS-Hauptscharführer erschossen.

So geht Notker Hammersteins Darstellung über eine Geschichte der Gleichschaltung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft und über die Geschichte der (durch Personalunion) mit dem Reichserziehungsministerium verbundenen "Deutschen Forschungsgemeinschaft" weit hinaus. Sie zeigt die glatte administrative Oberfläche scheinbar rechtsstaatlich funktionierender Institutionen, in denen unter strenger Aufsicht des Reichsrechnungshofes kein Pfennig verschleudert wurde, doch knapp unter dieser Oberfläche das Gebräu aus Blut und Dreck, das die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus kennzeichnet. Sie zeigt auch die Selbsttäuschung vieler angesehener Wissenschaftler, die meinten, in diesem Verwaltungsgeflecht unbescholten seriöser Wissenschaft dienen zu dürfen (zum Beispiel der Edition der Werke Meister Eckharts oder der Werke Hölderlins oder dem deutschen Volkskundeatlas etc.) und nach 1945 eine im Kern unbeschädigte Universität wieder errichten zu können.

Es wäre Augenwischerei, wenn man annähme, daß solche Darstellungen keine politischen Wirkungen in die Gegenwart hätten. Die Institutionen, deren Zerstörungs-Geschichte im Dritten Reich hier geschrieben wird, haben ein eminent politisches und soziales Interesse daran, daß sie mit historiographisch seriösen Darstellungen, mit quellenkritisch zuverlässiger Recherche konfrontiert werden und nicht mit gekürztem, populistisch aufbereitetem, auf politische Gegenwartswirkung hin selektiertem und ihr Handeln in den ethischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart denunzierendem Aktenmaterial. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat auf die Entstehung des hier vorgestellten Buches inhaltlich keinen Einfluß genommen, sie hat lediglich (nach mehreren gescheiterten vorausgehenden Versuchen), statt wie üblich auf den Antrag des Forschers zu warten, Herrn Hammerstein gebeten, ein solches Buch zu schreiben. Sie hat dann dieses Buch im Rahmen ihrer Möglichkeiten (durch Bezahlung von Hilfskräften und Archivreisen) gefördert. Notker Hammersteins Thesen zur Institutionen-Geschichte des Dritten Reiches, zur Geschichte des Reichserziehungsministeriums, des Reichsforschungsrates und zur Gleichschaltung der DFG, die seit 1937 nur noch als eine "Verrechnungsstelle" existierte, liegen nun der wissenschaftlichen Öffentlichkeit und der breiteren daran interessierten Öffentlichkeit zur Beurteilung vor. Die mit einer ausgreifenden Dokumentation unterbauten Thesen besagen auch, daß Wissenschaft und Forschung nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum existieren, sondern bis tief in Selbstverständnis und Ethos hinein von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängen. Die Entscheidung der Väter und Mütter des Grundgesetzes für dessen Artikel 5, Absatz (3), das heißt für die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre, war, auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, eine Wertentscheidung von großer Reichweite. Sie muß in den Debatten der Gegenwart ebenso als Wertentscheidung, verstanden werden, wie die berechtigte Frage nach den Grenzen der Forschung. Die Gründung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete einen völligen Neuanfang,. Er hat dazu beigetragen, demokratisches und föderales Bewußtsein in einem Lebensraum (der Wissenschaft) zu stärken, der sich in den zwanziger Jahren in großen Teilen der Republik verweigert hat und deshalb für die Verlockungen der Diktatur (des Führerprinzips) anfällig gewesen ist. Dies steht für mich nach der Lektüre von Notker Hammersteins Buch außer Zweifel. Die Diskussion darüber ist damit eröffnet, nicht beendet.


Rezension der Publikation von Prof. Notker Hammerstein:

[Buchtitel-Bild]

Die DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920 - l945. C.H. Beck. München 1999.

(M. Burchard, Berlin, 15.6.1999)

Die Arbeit von Notker Hammerstein zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der deutschen Wissenschaftspolitik von 1920 bis 1945 ist außerordentlich zu begrüßen und lesenswert. Sie wird mit Einschränkungen dem Anspruch gerecht, insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus die Entwicklung wichtiger Wissenschaftsförderinstitutionen und speziell die Rolle der DFG transparent zu machen. Auf chronologischer Grundlinie angelegt ist die Arbeit personenorientiert in Form einer durchgehenden biographischen Kurzvorstellung maßgeblicher Wissenschaltsfunktionäre und wichtiger Forscher. Die Darstellung polykratischer Kompetenzstreitigkeiten und die Vorstellung wichtiger Institutionen erfolgt u.a. anhand von konkreten Beispielen zahlreicher Forschungsvorhaben. Dabei werden die sich verändernden politischen und militärisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Grundprobleme in der realen Wissenschaftsförderung anschaulich und kenntnisreich nachgezeichnet. Der Anhang enthält neben einem Personenregister und einem verkürzten Sekundärliteraturverzeichnis zusätzlich ein sehr nützliches Institutionenverzeichnis sowie die personelle Zusammensetzung der Führungsgremien der DFG aus den Jahren 1920/l934/1937 und 1942.

Trotz sinnvoller Kapiteleinteilung und Herangehensweise bleibt die Rolle und machtpolitisch-finanzielle Gesamtbedeutung der einzelnen Wissenschaftsförderinstitutionen etwas unklar und zumindest sehr unübersichtlich. Zusammenfassende Graphiken, die nationale Entwicklung des Anteils der Ausgaben für Erziehung und Wissenschaft am Bruttoinlandsprodukt und eine Übersicht mit den relativen und absoluten Beträgen der Wissenschaftsförderung der einzelnen Institutionen und Fachsparten wären wünschenswert. Eine graphische Auflockerung wird durch rund 40 schwarzweiß-Fotos zu einzelnen Wissenschaftsfunktionären, zum kleineren Teil auch durch Gruppen- oder wichtige Tagungsfotos erreicht. Der Obmann des Forschungsdienstes wird dabei zweimal in Zivilkleidung fototechnisch abgebildet (Seite 176, 37g). Da er nach Aussage seiner langjährigen Sekretärin im Universitätsinstitut jedoch in der Regel in schwarzer SS-Uniform erschien und arbeitete (eigene Diplomarbeit Berlin 1993 Seite 29 Fußnote 120) erscheint die Wiedergabe zweier Zivilfotos als leicht irreführende Ablenkung von der tatsächlichen ideologischen Bedeutung und Beeinflussung durch die Schutzstaffel.

Wissenschaftspolitisch und institutionsgeschichtlich erscheint die vorliegende Arbeit als solide, kenntnisreich, differenziert und gelungen. Aus Sicht der Agrargeschichte und speziell der Raumplanung weist die Arbeit jedoch eklatante Defizite und Fehleinschätzungen qualitativ wie quantitativ zur wissenschaftlichen Genozidplanung ("Generalplan Ost") auf. Nachdem in den geförderten humanmedizinischen Projekten ein relativ hoher Prozentanteil mit NS-ideologischer Themenstellung konstatiert wird (Seiten 353-355), folgt im Kapitel VIII 4 "Förderung verbrecherischer Forschung" auf 19 Seiten eine Konkretisierung mit dem Anspruch auf eine ethisch-moralische Bewertung der historischen medizinischen und anthropologischen Forschungsprojekte Dabei stützt sich der Verfasser auf sehr zahlreiche Sekundärliteraturangaben. Im Vergleich hierzu wird die Ostsiedlungs- und Raumplanung seit 1939/1940 extrem verkürzt dargestellt. Die Ernennung Himmlers zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums im Oktober 1939, die Berufung des Obmanns des Forschungsdienstes zum Planungschef des neuen SS-Planungsamtes und der Machtverlust und sinnbildlich räumliche Auszug der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung aus der Villa des Forschungsdienstes, Podbielskiallee 25/27, bleiben völIig unerwähnt. Es ist befremdlich und unverständlich daß der "Generalplan Ost" nur ein einziges Mal Erwähnung findet (Seite 182 oben) und daß im Text wie im Institutionenverzeichnis das Planungsamt (Hauptabteilung Planung und Boden), das Amt III B Volkstum im Reichssicherheitshauptamt, wo ein reiner Vernichtungsplan entstand, das Amt für Bauwesen und das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS sowie das Universitätsinstitut für Garten- und Landschaftsplanung völlig übergangen werden. Während Gröning/Wolschke-Bulmahn eine DFG-Fördersumme an das SS-Planungsamt von mindestens 510.000 Reichsmark nachweisen (1986, Seite 45), nennt Hammerstein nur die Hälfte dieses Mindestbetrages (Seite 378/9), verschweigt die eventuell peinliche Anweisung der Mittel an und Ausführung der "planungswissenschaftlichen Arbeiten" im SS-Stabsamt (Planungsamt) und spricht stattdessen vage nur von "enger Zusammenarbeit der Gruppe Meyer (...) mit Mentzel" (Seite 182). Trotz gut aufbereiteter Primärliteratur bei Schleiermacher (Hg, 1993) zitiert der Autor nicht noch aus dem vorliegenden "Generalsiedlungsplan" vom Herbst 1942. Obgleich Agrarwissenschaften im Gesamtfördervolumen wesentlich bedeutender als Humanmedizin waren, wird der renomierte Berliner Agrarhistoriker Volker Klemm völlig übergangen. Überraschenderweise fehlt an dieser Stelle (Seite 182, 378/9) wie grundsätzlich jeder Literaturhinweis auf das DFG-Forschungsprojekt zur Landespflege in den besetzten Ostgebieten von Gröning/Wolschke-Bulmahn (1986). In der Gesamtaussage unzutreffend ist die Formulierung auf Seite 377 Mitte "Auch auf dem Gebiet der Raumordnung und Raumforschung überzeugte Meyer mit soliden Unternehmungen". Tatsächlich leitete Prof. Meyer 1940/41 auch das SS-Zentralbodenamt in Berlin-Mitte mit zahlreichen Außenstellen in der Phase der Beschlagnahme von 800.000 polnischen Kleinbetrieben. Euphemistisch beschönigend und verschleiernd ist besonders die Schlußbemerkung, "die Entwicklung neuer Siedlungstechniken gehöre unbeschadet des möglichen Verwendungszwecks zu den konventionellen Aufgaben gelehrter Anstrengung (Seite 546). Der universitäre Generalplan 0st vom 28.5.1942 scheint dem Autor nicht bekannt zu sein, in dem eindeutig und eindringlich eine endgültige Germanisierung der neuen Siedlungsgebiete verlangt und konkret entworfen wird. Es fehlt auch eine Nennung des einflußreichen Institutsdirektors und berüchtigten Landschaftsplaners, Heinrich Wiepking-Jürgensmann. In den Siedlungsrichtlinien, Allg. Anordnung Nr. 20/IV des RFSS, RKF über die Gestaltung der Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten vom 21.12.1942 schreibt nach historischer Stilanalyse wahrscheinlich Prof. Wiepking-Jürgensmann in der einleitenden Zielsetzung: "Es genügt also nicht, unser Volkstum in diesen Gebieten anzusiedeln und fremdes Volkstum auszuschalten. Diese Räume müssen vielmehr eine unserer Wesensart entsprechenden Gestaltung erhalten, damit sich der germanisch-deutsche Mensch heimisch fühlt ...". Gleichfalls stark ablenkend und verwirrend ist die Aussage im Zusammenhang mit der Biographie R.W. Darees, aus dem Rasseamt der Schutzstaffel sei später "das berüchtigte Rasse- und Siedlungshauptamt" hervorgegangen. Übersicht sechs im Anhang des working paper Nr. 38 zum Generalplan 0st (Burchard Berlin 1997) zeigt klar, daß zum Höhepunkt der Ostsiedlungsplanung besagtes SS-Hauptamt recht bedeutungslos war. Trotz Aufnahme einer Publikation von D. Eichholtz (Berlin 1982) und der Abschlußpublikation der Hamburger Tagung zum Generalplan 0st 1989 (Hg: S. Schleiermacher/M. Rösseler l993) in die Literaturliste fallen die Aussagen und Einschätzungen zur Raum- und Siedlungsplanung ab 1940 aus unerklärlichen Gründen aus dem ansonsten erfreulichen und soliden Gesamtbild dieser wichtigen Arbeit.

Der Familienname Hammerstein hat durch die freiheitlich-rechtsstaatliche Widerstandstradition in der schweren Zeit des Nationalsozialismus in der alten Reichshauptstadt Berlin einen guten Klang. Dies liegt begründet in der Gegnerschaft zur NS-Ideologie des Generals der Infanterie, Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord, seinen drei Söhnen Ludwig, Kunrat und Franz sowie seiner Frau Maria, die viele verfolgte jüdische Mitbürger unterstützte (H.R. Sandvoß: Widerstand in Mitte und Tiergarten. Bd. 8, Gedenkstätte Dt. Widerstand, Berlin 1994 Seite 178/9). Bei einer Geburtstagsfeier in der Dienstwohnung Hammerstein-Equords in der Bendlerstraße am 3.2.1.933 wiess der neue Reichskanzler vor den anwesenden Generalen bereits auf die Zielsetzung der "Eroberung neuen Lebensraums im Osten (. .) und der rücksichtslosen Germanisierung hin (H.H. Wilhelm: Motivation und Kriegsbild deutscher Generale und Offiziere im Krieg gegen die Sowjetunion. In: P. Jahn und R. Rürup (Hg): Erobern und Vernichten. Essays, Berlin 1991 Seite 154). Allein die Trägerschaft des Familiennamen Hammerstein hätte vom Verfasser mehr Engagement und Ausführlichkeit in der Darstellung der wissenschaftlichen genozidalen Lebensraumplanung im historischen Berlin erwarten lassen.

Nach der beeindruckenden Pressemitteilung bei der Buchvorstellung am 17.3.99 in Bonn und der selbstbewußten, unkonventionellen und engagierten Auftragsvergabe durch den damaligen DFG-Präsident W. Frühwald beim 75. Geburtstag der DFG 1995 ist mit dieser Publikation von Notker Hammerstein ein wichtiger Diskussionsbeitrag geliefert. Es besteht dringender Handlungsbedarf für weitere Forschung im Bereich der Ostsiedlungsplanung mit dem Schwerpunkt Völkerrecht und NS-Agrarideologie, die insbesondere auch die bisherigen Ergebnisse kritischer Historiker aus Hamburg (K.H. Roth), Berlin (Gröning/Wolschke-Bulmahn; G.Aly, S. Heim, V. Klemm) und Warschau (C. Madajczyk, B. Wasser) berücksichtigen sollte.


Späte Aufklärung.
Stellungnahme von Professor Ernst-Ludwig Winnacker,
Präsident der DFG, Bonn,
in Die Zeit, Nr, 44, 26.10.2000 zu:
Ernst Klee: "Deutsches Blut und leere Aktendeckel", Nr. 42

Ernst Klee und auch Benno Müller-Hill bin ich dankbar dafür, dass sie schon in den achtziger Jahren mit ihren Recherchen das dunkelste Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte ins öffentliche Bewusstsein gebracht haben. Insofern schätze ich sowohl die Kritik als auch die Hinweise zur Sache, die Ernst Klee in diesem Aufsatz geäußert hat. Schon bei meinem Amtsantritt im Jahre 1998 habe ich es als schwere Bürde empfunden, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihre Vergangenheit nur sehr unvollständig aufgearbeitet hatte. Gleichzeitig aber musste ich lernen, dass es so einfach gar nicht ist, sich über die Vorgänge in dieser Zeit und die Verantwortung der einzelnen Beteiligten ein genaues Bild zu machen.

Vor diesem Hintergrund habe ich angeregt, zusätzlich zu Notker Hammersteins Buch über die DFG von 1920 bis 1945, das im März 1999 vorgestellt wird, ein weiteres größeres Forschungsprojekt zur Geschichte des eigenen Hauses aufzulegen. Dieses Projekt, das im September dieses Jahres begonnen wurde, leiten der bekannte Wissenschaftshistoriker Professor Rüdiger vom Bruch, Berlin, und der ausgewiesene NS-Historiker Professor Ulrich Herbert, Freiburg. Die Untersuchungen - so zeigte schon eine auf Initiative der DFG zustande gekommene internationale Fachtagung - dürfen sich nicht auf die Zeit bis 1945 beschränken, weil sonst die vielfältigen Kontinuitäten über 1945 hinaus bis tief in die Zeit der Bundesrepublik nicht sichtbar würden.

Um die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht auf die Vorlage von Forschungsergebnissen, die erst in einigen Jahren zustande kommen können, zu verschieben, ist zudem eine ständige Ausstellung im Foyer des neuen DFG-Hauptgebäudes geplant. Sie soll jeden Mitarbeiter und Besucher der DFG anhand des schon heute Bekannten auf die schweren Verstrickungen der DFG hinweisen.

Dass all dies mit so großer Verspätung geschieht, ist nicht nur bei der DFG, sondern bei vielen anderen Institutionen und Verbänden auch zu beobachten. Bei der DFG ist dieser Mangel allerdings in ganz besonderem Maß zu bedauern, weil sie vor und nach 1945 eine so herausgehobene Stellung in Deutschland eingenommen hat. Die DFG wird alles tun, was in ihren Möglichkeiten steht, um endlich diesem Mangel einer bislang nur unvollständigen Aufarbeitung ihrer Geschichte abzuhelfen. Ob die DFG vor dem Hintergrund der nunmehr eingeleiteten Maßnahmen wirklich eine Vertuschungsgemeinschaft ist, wie Ernst Klee schreibt, oder nicht, darüber bitte ich die Leserinnen und Leser dieser Zeilen, sich selbst ein Urteil zu bilden.


Leserbrief an die Zeit zu DFG-Stellungnahme "Späte Aufklärung" (Die Zeit Nr. 44)
M. Burchard 8.11.2000

Wissenschaftliche Planung von Zwangsarbeit und Genozid in Berlin (1939-1945)

Ernst Klee hat in der Zeit Nr. 42 eine so frische und detaillierte Momentaufnahme der NS-Forschung zur DFG-Hausgeschichte vorgelegt, dass sogar der DFG-Präsident schon zwei Wochen später eine Stellungnahme abgab. Die ernsthafte Analyse der NS-Geschichte der DFG scheint somit von Bonn aus anzulaufen. In Berlin ist die Lage auch nach dem Regierungsumzug anders: Vor sechs Jahren wurde die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät der Humboldt-Universität über die genozidale Raum- und Siedlungsplanung 1939-1945 für mindestens 25 Mio "rassisch unerwünschte" Menschen informiert (Generalplan Ost). Nach sechs Jahren Bedenkzeit ohne Stellungnahme wählte die Agrarfakultät 1998 das Entsorgungsbeispiel des ehemaligen SS-Sturmbannführers Kurt Stawitzki: Das Dahlemer Universitätsgebäude der Agrarfakultät, welches am 28.05.1942 eine einflussreiche, im Nürnberger Prozess erwähnte Fassung des Generalplan Ost herausbrachte, wurde wahrheitswidrig mit einer grossen 0,5 mal ein-Meter Infotafel als "Die Wirkungsstätte Friedrich AEREBOE´s" etikettiert. Aereboe war ein grosser liberaler Ökonom, der 1938 zum Zeitpunkt des Erwerbs der Villa Publikationsverbot hatte und zudem schon sieben Jahre im Ruhestand war. Der Zeitgeschichtler Ludolf Herbst, gleichfalls Humboldt-Uni, beschrieb den Berliner Generalplan Ost in seiner Publikation "Das ns. Deutschland 1933-1945" auf nur einer halben Seite (378) nach dem Forschungsstand des Jahres 1958. Dabei vermied er tunlichst jeden Zusammenhang mit wissenschaftlicher Förderung des Generalplan Ost, mit der DFG oder mit der Berliner Universität. Auch der Chef des Dahlemer SS-Planungsamtes, SS-Oberführer Prof. Konrad Meyer, übrigens ein Dutzfreund des langjährigen DFG-Präsidenten, SS-Brigadeführer Prof. Rudolf Mentzel, taucht bei Herbst nicht auf. Seit 1985/86 ist die DFG über die grosszügige Forschungsförderung der wissenschaftlichen Planung von Zwangsarbeit und Genozid von mindestens ein bis zwei Prozent des damaligen Jahresetats informiert. Der Druckkostenzuschuss des damaligen Projektabschlussberichtes von Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn (Landschaftsplanung in den besetzten Ostgebieten während des II. WK) wurde ohne Begründung abgelehnt. Notker Hammerstein (1999) nennt den General-plan Ost auf 580 Seiten nur ein einziges Mal und verringert wesentlich die bereits 1985 nachgewiesene DFG-Fördersumme im SS-Planungsamt (RKF). Ein zusammenhängendes Ausstellungs- und Forschungsprojekt zum GPO wurde im Mai 1999 aus formalen Gründen abgelehnt. Ein DFG-Symposium im Mai 2000 in Berlin-Dahlem befasste sich entgegen der Programmankündigung erst gar nicht mit den mehrjährigen Berliner Völkermordplänen. Millionen von Uni-Absolventen wurde spätestens seit 1985 weder Information zur Planung und Praxis von Zwangsarbeit noch grundlegende rechtsstaatliche und soziale Verantwortung vermittelt. Die Folgen sehen wir jetzt in der eindeutigen Zahlungsmoral der deutschen Wirtschaft zur praktischen Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter: Die zweitgrösste Exportwirtschaft der Welt ist nicht bereit und willig, den zugesagten Nettobetrag von 2,5 Milliarden DM zur Entschädigung aufzubringen.

Die DFG, die Bundesbildungsministerin und die Humboldt-Universität sind angefragt worden, die Forschung noch einmal zwei Monate zurückzustellen und stattdessen mit einem eindeutigen Selbstbekenntnis und offensiven geeigneten Botschaften die früheren Uni-Besucher in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft in ihre grundlegende rechtsstaatliche und gesellschaftliche Verantwortung zu rufen. Die grosse Zahl von 1,5 Mio Studierenden ist sicherlich schnell zu unterstützenden kreativen Eingabeaktionen bereit. Sollten sich die drei angesprochenen Institutionen weiterhin in vornehmes akademisches Schweigen hüllen, scheint es wahrscheinlich, dass innerhalb von drei Monaten mit der rechtspolitischen Anerkennung des universitären GPO vom Mai 1942 als "Beihilfe zum Völkermord" der Deutsche Bundestag die wissenschaftliche Behandlung von Zwangsarbeit und Genozid noch einmal grundlegend aufgreifen wird.


 

DFG-Förderung der Geisteswissenschaften auf 15% zurückgedrängt, Leserbrief von Prof. H.A. Glaser in FAZ, 24.11.01, Pisa, Italien

Machtübernahme der Naturwissenschaftler

Zum Artikel "Zwei Probleme, eine Lösung" (F.A.Z.-Feuilleton vom 20. November): Man könnte die Kritik, die Jürgen Kaube an der neuen Forschungsförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) übt, noch schärfer formulieren: Mit der Übernahme des Präsidiums durch den Biochemiker Ernst-Ludwig Winnacker scheint die DFG völlig in die Hände zu allem entschlossener Naturwissenschaftler geraten zu sein – siehe etwa ihre höchst fragwürdige Position zur humangenetischen Forschung, das heißt den kannibalistischen "Verbrauch" menschlicher Embryonen, die angeblich nicht "benötigt" werden.

Unter Winnacker hat die DFG es fertiggebracht, das Emmy-Noether-Programm, das zur Förderung besonders begabter Nachwuchswissenschaftler gedacht war, in eine Förderung fast ausschließlich angehender Naturwissenschaftler umzufunktionieren. Dies wird in süffisantem Ton etwa Geisteswissenschaftlern mitgeteilt, die nachfragen, weshalb ihre von renomierten Fachvertretern – aber nicht von DFG-Gutachtern – empfohlenen Projekten abgelehnt werden. Unter solchen Prämissen grenzt es schon an wissenschaftspolitische Heuchelei, den Geisteswissenschaftlern vorzuwerfen, sie brächten mit ihren maßlosen Anträgen auf Publikationsmittel die DFG an den "Rand der Funktionsfähigkeit". Die DFG hat in der Tat die Aufgabe, die Forschung aller Fachgebiete zu fördern. Das sollte das Präsidium der DFG aber nicht gerade den Geistes- und Sozialwissenschaftlern in Erinnerung rufen, die vom milliardenschweren Gesamtbudget der DFG gerade 15 Prozent erhalten dürfen. Wer – wie die Naturwissenschaftler – als fette Made im Speck sitzt, sollte den armen Kirchenmäusen nicht ungehörige Begehrlichkeit vorwerfen. Man denkt mit Wehmut an die Präsidentenzeit des Germanisten Wolfgang Frühwald zurück, dem es für einige Jahre gelang, die Machtübernahme der Naturwissenschaften in der DFG hinauszuzögern.

Professor Dr. Horst Albert Glaser, Pisa, Italien

hier Originalzeitungsausschnitt


Kurzexpose der DFG-Tagung 06/02 zum Generalplan Ost, Uni Freiburg i.B., 1.2.02

Vom "Generalplan Ost" zum "Generalsiedlungsplan: NS-Wissenschaft, Umvolkungspläne und die nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa. Tagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft vom 7.6.02 bis 9.6.02 im Harnack-Haus in Berlin.

Anfang Juni 1942 übersandte der Agrarwissenschaftler und Raumplaner Konrad Meyer dem Reichsführer SS Heinrich Himmler seine Denkschrift "Generalplan Ost. Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus." Himmler hatte diesen Entwurf in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (RKF) und damit als Beauftragter für die Germanisierung der eroberten Gebiete Konrad Meyer, dem Chef der RKF-Planungsabteilung bestellt. Nach den Vorstellungen der Raumplaner sollten im besetzten Osteuropa ausgedehnte Umsiedlungen und Vertreibungen der polnischen, sowjetischen und baltischen Bevölkerung durchgeführt werden. Neuansiedlungen von Volksdeutschen und Reichsdeutschen sollten ebenfalls zur Germanisierung weiter Teile der eroberten Gebiete und zur Festigung des deutschen Herrschaftsanspruches über den besetzten Osten beitragen. Die Versklavung und der Hungertod von Millionen Menschen waren einkalkuliert, und die restlose Ermordung aller Juden der betreffenden Gebiete stellte die Prämisse aller volkstumspolitischen Pläne dar.

Der "Generalplan Ost" gilt seither in der historischen Forschung als Symbol für den verbrecherischen Charakter der ns-Volkstumspolitik und insbesondere für die Skrupellosigkeit der ns-Experten und angeblich "unpolitischen Wissenschaftler". Hierbei handelt es sich jedoch nicht um ein einheitliches Planungskonzept, sondern um ein Konglomerat verschiedener Entwürfe zur "Neuordnung" und "Germanisierung" des besetzten Europa auf dem Wege von Zwangsvertreibungen und Umsiedlungen. An diesen Planungen arbeiteten von 1939 bis 1943 eine Vielzahl von Wissenschaftlern, Fachleuten und Vertretern von Forschungsinstituten wie SS-Ämtern teils in erfolgreicher Kooperation, teils in fachlicher Konkurrenz.

In diesem Kontext ragt Konrad Meyer als landwirtschaftlicher Fachspartenleiter der DFG und Leiter der "Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumordnung" einerseits, als hochrangiger Vertreter des SS-Umsiedlungsapparates andererseits heraus. Bereits vor dem Krieg erhielt der Agrarwissenschaftler Gelder von der DFG und vom Reichsforschungsrat und auch die Entstehung des "Generalplan Ost" wurde von der DFG maßgeblich gefördert. Hier soll die Tagung ansetzen, um Meyers Wissenschaftskarriere und SS-Tätigkeit exemplarisch für die Stellung der DFG im Kontext der verbrecherischen Umsiedlungsplaene zu eroertern. Neben Meyer werden andere Vertreter der SS- und SS-nahen "Planungsexpertokratie" in den Blick zu nehmen sein. Die Konferenz wird die Karrieren von Medizinern, Anthropologen und "Ostforschern" an der Schnittstelle von Wissenschaft und NS-Politik diskutieren und die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Theorie und ns-Vernichtungspolitik untersuchen.

Es ist ferner das Ziel dieser Tagung, den "Generalplan Ost" und die flankierenden Umsiedlungsskizzen im Kontext der ns-Vernichtungspolitik und der europäischen Besatzungspolitik neu zu interpretieren. Hierzu wird ein Austausch zwischen deutschen und amerikanischen Forschern, Holocaustexperten und Wissenschaftshistorikern sowie Autoren von Regionalstudien zur NS-Besatzungspolitik angestrebt.

Im Rahmen der Konferenz soll der sogenannte "Generalplan Ost" zunächst im Kontext der NS-Vernichtungspolitik, von Judenmord, Zwangsumsiedlung und wirtschaftlicher Ausbeutung der Zivilbevölkerung eroertern werden. Anschliessend widmen sich mehrere Vorträge den verschiedenen Komponenten der volkstumspolitischen Rahmenplanungen – darunter Agrarpolitik, Landschaftsplanung und Züchtungsforschung. In der dritten Sektion sollen die Versuche bevölkerungspolitischer Neuordnung in deutsch besetzten West- und Osteuropa untersucht, also Theorie und Praxis vergleichend analysiert werden. Die vierte Einheit fragt nach den Architekten der Pläne und der Rolle der Wissenschaftsförderung während der NS-Diktatur, nimmt damit Raumplaner, Ostforscher und ihre institutionelle Basis in den Blick. Abschliessend wird es um die Frage nach möglichen Kontinuitäten im Wissenschaftssystem der BRD gehen.

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