offene Forschungsfragen und Zwischenergebnisse

 

A: Opfer der NS-Euthanasie 1939-1941

    - Nennung von etwa 350 namentlichen Opfern in Ausstellungskatalog IN DEN TOD GESCHICKT, 2004/05

    - Einschätzung der Gesamtzahl der ermordeten Bucher Patienten, Kalinich/ Wolff, 2005

    - Schätzung der Gesamtzahl der Ermordeten auf rund 3.000, R. Pumb in: "Fälschung und Betrug", BB 2010

 

B: Opfer der NS-Euthanasie 1941-1945

    „Sterbewelle in Buch.“ Die Anzahl der in der Nazi-Zeit verstorbenen Patienten deutet auf Verbrechen hin.
   Von Rosemarie Pumb,. Bucher Bote, Dez. Ausgabe 2010 Seite 9
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    Verdoppelung der Todesfälle in den Jahren 1935 - 1945:
    http://rechercheberlinbuch.files.wordpress.com/2011/11/alex-1.jpg

    sehr hohe Sterberate im Jahr 1942:
    http://rechercheberlinbuch.files.wordpress.com/2011/11/alex-3.jpg

 

C: andere Bucher NS-Opfer

    - sieben vertriebene wissenschaftliche Mitarbeiter des KWI für Hirnforschung

    - Hinweise auf die Vertreibung von ortsansässigen, niedergelassenen Ärzten

 

D: Hinweise auf die Ermordung von Bucher Patienten in anderen Tötungsanstalten (1939-1945)

    - Ermordung in Tötungsanstalt Brandenburg a.d. Havel: Dr. A. Hinz-Wessels, 3.11.2010

    - Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar: Hinweis von Dr. H. Dege, 2005

 


Aus den in Buch erhaltenen Quellen ließen sich in der Tat 731 Patienten mit den entsprechenden Verlegungsvermerken namentlich als Opfer der T4-Aktion nachweisen, womit der von Eglfing/Haar abgeleitete Analogieschluss auf Umfang der Meldungen Ende 1939 seine Bestätigung findet. (..) Durch die Gemeinnützige Krankentransport-Gesellschaft (GEKRAT) wurden mittels Bus am 28. März 1940 die ersten 34 Männer von den insgesamt selektierten Bucher Patienten in die Tötungsanstalt Grafeneck verlegt. ... Es folgten am 30. März, 5. April, 22. April, 23. April, 10. Juni, 14. Juni, 10. Juli und 11. Juli weitere Sammeltransporte von Buch nach unbekannt mit zusammen insgesamt 386 Patienten. Demnach wurden 420 Kranke von Buch aus direkt in den Tod verlegt. (...) Am 26. Juni, 13. August, 14. August, 28. August, 2. September, 6. September und 10. September wurden mit Sammeltransporten aus Buch insgesamt 301 Patienten in die Landes-Heil-und-Pflegeanstalt Neuruppin verlegt. Verlegungen in die umliegenden Landesanstalten waren bekanntlich schon lange üblich und beunruhigten die Angehörigen deshalb auch 1940 zunächst nicht besonders. Neuruppin diente aber nachweislich als Zwischenstation auf dem Verlegungsweg in die Gaskammern. (...) Bis zum 1. November 1940, dem offiziellen Datum der Schließung der Heil- und Pflegeanstalt Buch, wurden in 44 Sammeltransporten 2.852 Patienten – außer nach unbekannt und nach Neuruppin – in die Heil- und Pflegeanstalten Wittenau, Herzberge und Wuhlgarten in Berlin sowie nach Wittstock an der Dosse, Eberswalde, Landsberg an der Warthe und Obrawalde verlegt.” aus: Arno Kalinich und Horst-Peter Wolff: Zur Geschichte der Krankenhausstadt Berlin-Buch, Mabuse-Verlag Frankfurt a.M. 2010, 3. Auflage S. 130/131


Ein weiterer Fund von 70 Krankenakten Bucher Patienten wurde uns aus dem Archiv in Hadamar vom Leiter der dortigen Gedenkstätte mitgeteilt. Diese Patienten starben in der 2. Phase der "Euthanasie" 1941 - 1945 (Medikamentenüberdosierung, Hunger, Vernachlässigung).

aus: Was geschah in Buch? Schicksale von Patienten der 3. Heil- und Pflegeanstalt in den Jahren 1939/40´, von Dr. Hannelore Dege, in: Ausstellungskatalog IN DEN TOD GESCHICKT 2. Auflage 2005 S. 53


 

----- Original Message -----
From: "Annette Hinz-Wessels" <annette.hinz-wessels@fu-berlin.de>
To: <matthias.burchard@gmx.de>
Sent: Wednesday, November 03, 2010 9:55 AM

Subject: Euthanasie-Opfer der dritten Berliner Heilanstalt Buch


Sehr geehrter Herr Burchard,

Herr Hohendorf hat Ihre Mail an mich weitergeleitet. Ihre Fragen kann ich nur zu einem geringen Teil beantworten.
 
Meine eigenen Nachforschungen haben sich bisher vorrangig auf diejenigen Patienten der III. Berliner Heilanstalt Buch konzentriert, die bis Ende Oktober 1940 im Rahmen der sogenannten "Aktion T4" direkt von der Heilanstalt Buch in die "Euthanasie"-Tötungsanstalt Brandenburg/Havel (altes Zuchthaus im Stadtzentrum) verlegt und dort mittels Kohlenmonoxid ermordet wurden.
 
Die Namen dieser Patienten habe ich unter anderem gemeinsam mit meinem Kollegen Dietmar Schulze während eines einjährigen Forschungsprojektes an der FU Berlin in den Jahren 2008/2009 anhand der Aufnahmebücher der Bucher Heilanstalt recherchiert. Ziel dieses Forschungsprojektes war es, möglichst umfassend diejenigen Berliner Psychiatriepatienten zu ermitteln und in einem Gedenkbuch zu dokumentieren, die zwischen Februar und Ende Oktober 1940 in der "Euthanasie"-Anstalt Brandenburg getötet wurden (siehe demnächst im Jahrbuch 2010 des Landesarchivs Berlin: Annette Hinz-Wessels, Astrid Ley, Dietmar Schulze, Erinnerung an eine oft vergessene Opfergruppe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ein Gedenkbuch für die 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel ermordeten Berliner "Euthanasie"-Opfer).
 
Mit Hilfe der Aufnahmebücher der Heilanstalt Buch, die jetzt im Landesarchiv Berlin liegen, konnten wir die Namen von insgesamt 223 Bucher Patienten recherchieren, die zwischen dem 28. März und dem 10. Juni 1940 direkt in Sammeltransporten aus Berlin-Buch in die Tötungsanstalt in Brandenburg verlegt wurden. Hinzu kommen 130 Bucher Patientinnen, die schon länger aus Kosten- und Platzgründen in den Kückenmühler Anstalten der Inneren Mission bei Stettin untergebracht waren und bei Auflösung dieser Einrichtung direkt von dort am 14. Juni 1940 ebenfalls nach Brandenburg zur Ermordung gebracht wurden. Weitere 124 jüdische Patienten der Bucher Anstalt wurden im Rahmen einer Sonderaktion der "Euthanasie"-Verantwortlichen gegen jüdische Psychiatriepatienten zwischen dem 10. und dem 15. Juli 1940 mit Bussen von Buch in das alte Zuchthaus in Brandenburg transportiert und dort getötet. Die Gesamtzahl der Bucher Patienten, die zwischen März und Juli 1940 im Rahmen der Aktion T4 in der
Tötungsanstalt Brandenburg ermordet wurden, beläuft sich somit auf fast 480. Weitere Direkttransporte von Buch nach Brandenburg/Havel bis zur offiziellen Schließung von Buch zum 1. November 1940 konnten nicht ermittelt werden.
 
Da einige Bucher Aufnahmebücher bereits an ihrem früheren Aufbewahrungsort in einem Gebäude-Keller auf dem Bucher Klinikgelände einen Wasserschaden erlitten haben, ist nicht auszuschließen, dass wir einige Opfer nicht ermitteln konnten, weil die Eintragungen unleserlich waren. Die tatsächliche Opferzahl aus den Direkttransporten von Bucher Patienten (aus Buch und Kückenmühle) könnte also geringfügig höher als 480 sein.

In welchem Umfang Bucher Psychiatriepatienten, die vor der offiziellen Schließung der Heilanstalt am 1. November 1940 in andere Berliner und brandenburgischen Einrichtungen verlegt wurden, noch Opfer der sogenannten "Aktion T4" oder der späteren sogenannten dezentralen "Euthanasie" wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.
 
Nach Angaben von Horst Peter Wolff und Arno Kalinich (Wolff, Kalinich, Zur Geschichte der Krankenanstalten in Berlin-Buch, 1. Auflage Berlin 1996, 2. Auflage Frankfurt/Main 2006) wurden bis zur Schließung der Einrichtung 301 Patienten nach Neuruppin und weitere 2852 in andere Berliner und brandenburgischen Heilanstalten verlegt. Diese Zahlen habe ich nicht überprüft. Hinzu kommen möglicherweise rund 350 Bucher Patienten, die bei Auflösung der Kückenmühler Anstalten in die Heilanstalten Neuruppin, Eberswalde, Wittstock, Berlin-Herzberge und Obrawalde gebracht wurden.
 
Hannelore Dege schreibt in ihrem Beitrag "Was geschah in Buch?" in "In den Tod geschickt", dass sie durch die Auswertung verschiedener Quellen insgesamt 1194 Bucher Patienten ermitteln konnte, die entweder direkt oder nach zum Teil mehrfachen Verlegungen im Rahmen der Gasmord-Aktion T4 in den Jahren 1940/41 ermordet wurden. Diese Angabe habe ich nicht nachgeprüft, bin aber ebenso wie Frau Dege der Ansicht, dass die Zahl wahrscheinlich höher liegt. Angesichts der bekannten Aktenverluste dürfte es aber nur sehr schwer gelingen, die korrekte Anzahl genau zu bestimmen. Noch aufwändiger erscheint es mir, die Bucher Opfer der dezentralen "Euthanasie" in den Jahren 1942 bis 1945 zu ermitteln, zumal auch der Nachweis der vorsätzlichen Tötung in jedem Einzelfall nur schwer zu erbringen sein dürfte.

Über mögliche Patientenmorde in den anderen Bucher Kliniken habe ich bisher nicht geforscht und kann deshalb keine Aussagen machen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Annette Hinz-Wessels
 
 
 
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Dr. Annette Hinz-Wessels
 
Mitglied der Ernst-Reuter-Gesellschaft
 
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Freie Universität Berlin
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
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