Einführung

  1. Wo die deutsche Seele wohnt - TAZ 27.11.1989 von Insa Eschebach

  2. Deutsche Forschungsgesellschaft forscht und versäumt:
    Wissenschaftliche Genozidplanung und Verantwortung, M. Burchard in "HUCH!" Juli 1999

  3. Das Reichsministerium für Ernährung
    Götz Aly in der Berliner Zeitung November 1997

  4. Der 7. Oktober 1939: Zum Beitrag der Geschichtswissenschaft und der ns-Agrarideologie zur Besatzung Polens, M. Burchard September 1999

  5. Beispiele für bestehende Gedenktafeln in Berlin

  6. Das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg, PD Dr. habil. Götz Aly, Berliner Zeitung, 12.10.1999

     
  7. Braune Schatten auf grünem Grund: Das Verhältnis von Naturschutz und Nationalsozialismus, Tagungsbericht von Joachim Radkau, Bielefeld 2002

     
  8. »Neuordnung Europas«: Vor 60 Jahren. Die »Aktion Zamość« und der »Generalplan Ost« (I) jg.Welt, 27.11.2002
     
  9. Vor 60 Jahren: Die "Aktion Zamosc" und der "Generalplan Ost". Von Werner Röhr, Jg. Welt, 27.11.2002 (Teil II)

 

 


Wo die deutsche Seele wohnt

"Liebe zur Landschaft"
Die nationalsozialistische Landespflege in den "eingegliederten Ostgebieten"
TAZ-Bericht von Insa Eschenbach, die tageszeitung Nr. 2989 Seite 21, Berlin, 27.11.1989

"Immer wieder hielt der Reichsführer SS den Wagen an, trat in den Acker, der von Granaten aufgerissen war, nahm zwischen die Fingerspitzen eine Prise Erde, roch mit geschrägtem Kopf bedächtig daran, zerbröckelte die Ackerkrume zwischen den Fingern und sah dann über die weite, weite Fläche voll, übervoll von dieser guten nahrhaften Erde." (Host, 1942)

Die Erde, die Heinrich Himmler damals immer wieder beroch, lag in jenem Gebiet Polens, das nach dem deutschen Überfall 1939 zum "eingegliederten Ostgebiet" erklärt worden war. Im Unterschied zu dem weiter östlich gelegenen "Generalgouvernement Polen" sollten die Ostgebiete mit deutsch-germanischem Volkstum besiedelt werden. Damit sich der deutsche Mensch in den eroberten Gebieten auch heimisch fühlen würde, galt es nun, das Land "von den Folgen polnischer Wirtschaft" zu reinigen und "saubere, gefällige Dörfer" zu bauen. Für die Landschaftsplaner des "Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums", dem Himmler vorstand, war die große Stunde gekommen: Die Landschaft der "eingegliederten Ostgebiete" sollte zu einem "Abbild der deutschen Seele", zu einer arischen Ideallandschaft umgeprägt werden.

Von diesem gigantomanischen Vorhaben, von den obskuren Phantasien nationalsozialistischer Landschaftsplaner war in einem Vortrag von Gert Gröning am 21. November in der Hochschule der Künste die Rede. Grönings Beitrag ist Teil einer Vortragsreihe zur "Planung in Polen im Nationalsozialismus", die vom Fachbereich Architektur veranstaltet wird. Im Rahmen des HdK-Projekts "50 Jahre danach - Im Herzen Europas" befassen sich während des gesamten Wintersemesters die verschiedenen Fachbereiche mit den Verpflechtungen der polnischen und deutschen Kultur.

"Unterdrückung der Eiche" "Zäh und schwierig", sagt Gröning, sei die Recherche des weitestgehend tabuisierten Themenbereichs der nationalsozialistischen Landschaftsarchitektur, für deren Entwicklung die Besetzung Polens einen unvergleichlichen Höhepunkt darstellte: Mit den "eingegliederten Ostgebieten" stand plötzlich ein 90.000 Quadratkilometer großes Gebiet zwecks Gestaltung eines "Gesamtraumkunstwerks" zur Verfügung. Die "totale Planung" brauchte hier keine Rücksicht auf die Bevölkerung zu nehmen, da die polnischen und jüdischen Bewohner in das "Generalgouvernement Polen" deportiert wurden. Direkt nach dem Ende des Polenkrieges ist mit der sogenannten Aussiedlung des "fremden Volkstums" begonnen worden, die für die Beteiligten größtenteils in den Konzentrationslagern endete.

Der Katalog der landesplanerischen Ausfälle gegen die in den "Ostgebieten" ansässigen Bewohner versammelt eine Reihe von grotesken Behauptungen: Da heißt es zum Beispiel, "daß die Polen die deutschen Bäume wie Eichen, Linden usw. unterdrückt und statt ihrer fremde Gehölzarten wie amerikanische Eichen, Ahorn und andere eingeführt haben." Überhaupt sei die Landschaft in den "Ostgebieten" "durch das kulturelle Unvermögen fremden Volkstums vernachlässigt, verödet und durch Raubbau verwüstet".

Dagegen galt es nun vorzugehen, indem das Land zunächst einmal von den "unharmonischen Fremdkörpern" geräumt werden sollte. An der Grenze zum "Generalgouvernement" plante man, einen "Wall deutschen Volkstums" zu errichten und eine "Wehrlandschaft" zu gestalten, an deren exponierten Punkten sogenannte "Kampfwälder" angelegt werden sollten.

Wehrlandschaft mit Ewigkeitswert Zur Umsetzung des von NS-Planer Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann 1942 entwickelten Konzepts der "Wehrlandschaft" war es nötig, zunächst einmal "die Landschaft in militärischer Hinsicht (...) sorgfältig abzutasten. Die Lösung der Aufgabe wird nur einem Landschafter gelingen können, der soldatisch und ganzheitlich zu denken vermag". Aus strategischen Gründen sollten im neuen deutschen Osten die sogenannten Schutzpflanzungen angelegt werden, insbesondere "doppelte und hohe Wallhecken mit tiefen Grabenaushüben", die ein "unüberwindbares Hindernis auch für Panzer" bilden, "bei sachgemäßer Pflege des Bestandes Ewigkeitswert" besitzen und möglichst in Nord-Süd-Richtung verlaufen würden. Die Flüsse der "Ostgebiete" sollten eine Fremd- und eine Freundseite, das heißt eine offene und eine Deckung bietende Seite bekommen etc.

Diese nach militärisch-paranoiden Gesichtspunkten gestaltete Landschaft wollte dann der Diplom-Landwirt Himmler mit sogenannten Wehrbauernhöfen überziehen, die nach dem Krieg von SS-Soldaten als politischer und rassischer Führungselite übernommen werden sollten. Für die anderen neu anzusiedelnden "vollwertigen Volksgenossen", für die Bauern und Handwerkerfamilien waren "helle, frohe Siedlungen mit Kleingärten" geplant, die, straff durchorganisiert, sich in Hauptdörfer, Amtsstädtchen und Kreisstädte aufgliedern würden.

Ganzheitliche Ausrottung Daß die nationalsozialistische Totalplanung vom Ganzheitsdenken motiviert und geprägt war, macht Wiepking-Jürgensmann immer wieder deutlich, der diesen Gedanken 1940 als "den Kernpunkt des Umbruchs unserer Zeit" erkannte. Dieser auch heute wieder en vogue geratenen Ganzheitsfaszination liegt der Wunsch zu Grunde, die Welt, wie sie ist und zu sein hat, restlos zu erfassen und zu kontrollieren. "Ganzheitlich" verfuhren die NS-Planungsinstanzen gerade dort, wo sie über die Ausrottung und Neuansiedlung von Pflanzen, Menschen und Ortschaften gleichermaßen autoritär verfügten. All das, was in dieser Ganzheit nicht aufging, das "fremdländische Gehölz", die Untermenschen", sollten der Vernichtung anheimfallen.

Altüberlieferte Bauernblumen Der "Auffassung des Lebensraumes eines Volkes als eines einheitlich zu planenden Gesamtkunstwerks" (Wiepking-Jürgensmann 1940) entsprach nicht nur die stereotype Durchgestaltung der neu anzulegenden Dörfer, deren Kernpunkte Einrichtungen wie Schießplätze, Glockenturm, Feierhalle und Aufmarschplatz bildeten. Die totale Planung dieser Anlagen, die "altgermanische Vorstellung mit eigener Symbolkraft" verkörpern sollten, ließ den Bewohnern nicht einmal die Chance, ihre eigenen "Kleingärten" eigenständig zu bepflanzen. Die NS-Landespflege sah vor, daß hier die Kultur altüberlieferter Bauernblumen, Küchen- und Heilkräuter zu pflegen" sei. Pflanzen, die "Hänge-, Dreh-, Kümmer oder Steilwuchs zeigen", sollten entfernt und durch "nur heimische und standortgerechte Pflanzen aus Sämlingen bester Rassen" ersetzt werden. Der Spießer, inmitten seiner "arteigenen" Umwelt thronend, avanciert hier, wie Pniower 1952 bemerkt, "zum aufgeordneten Herrenmenschen, zur ragenden Eiche über allem menschlichem Unkraut ringsherum."

Geworden ist aus diesen hochfahrenden Plänen vermutlich nicht viel. Ein paar Bauernschulen sind gerade noch angelegt worden, da man 1/9 der Gesamtfläche, also rund eine Million Hektar aufzuforsten plante. Dieses Aufforstungsprojekt macht übrigens deutlich, wie sehr die "eingegliederten Ostgebiete" als wirtschaftliches Ausbeutungsobjekt betrachtet worden sind. Im Rahmen der kriegsnotwendigen Holzproduktion waren plötzlich auch fremdländische Gehölzarten wieder erwünscht und angepflanzt worden. Daß man von den Visionen "altvertrauter, heimischer Gestaltungseinheiten" im Laufe des Krieges immer mehr Abstand genommen hat, darauf verweist auch die Tatsache, daß im Jahr 1943 die Verwendung von Betonfertigteilen "im Landbau des Ostens" doch wieder empfohlen wurde.

Dagegen ist die "Ausschaltung" von "volksfremden Bevölkerungsteilen", wie die Deportation und Vernichtung von Polen und Juden genannt wurde, von den NS-Behörden seit dem Oktober 1939 rigoros und konsequent betrieben worden; mehrere Hunderttausend der in den "Ostgebieten" ansässigen Bewohner hat man auf diese Weise "ausgesiedelt". Was die Praktiken der Ansiedlung volksdeutscher "bäuerlicher Stämme" im "Warthegau" über die deutsche Inbesitznahme polnischen Eigentums betrifft, sei auf Melitta Maschmanns 1963 erschienenes Buch "Fazit" verwiesen.

Himmlers Heimatliebe Nach Gröning war die in Sachen Landespflege in den "eingegliederten Ostgebieten" entscheidende Behörde das Planungsamt des Reichskommissariats für die Festigung des deutschen Volkstums mit Sitz in der Dahlemer Podbielskiallee 25/27. Die dort wirkenden Planer entstammten größtenteils der bürgerlichen Jugendbewegung. Das mag wenigstens teilweise erklären, warum sie ihr Heil in den Entwürfen dörflicher Idyllen suchten, demgegenüber der "Lebensraum" Stadt beziehungsweise Großstadt weitaus weniger Beachtung fand. Die "Heimatliebe" des Reichskommissars Himmler äußerte sich dann zum Beispiel auch darin, daß er für die Konzentrationslager Dachau und Esterwegen die Ansiedlung von Störchen anregte: "Um ein Aussterben dieser ebenso nützlichen wie im Kindermund bekannten und populären Tierart vorzubeugen, wurde die Aufnahme und Pflege dieser Tiere in den Lagern mit besonderer Sorgfalt vorbereitet und durchgeführt."

Die Landschaftsplaner Wiepking-Jürgensmann, Mäding und Konrad Meyer, die alle im Dahlemer Planungsamt an der Entwicklung der "tödlichen Landschaftsplanung" (Gröning) mitgewirkt haben, konnten nach 1945 mit wenigen Jahren Unterbrechung ihre Arbeit fortsetzen: Bis ins hohe Alter hinein waren sie alle an der späteren TU Hannover Lehrstuhlinhaber und unterrichteten dort die künftigen Landschaftsplaner in ihrem Fach.

(alle Zitate stammen aus: G. Gröning, J. Wolschke-Bulmahn, Die Liebe zur Landschaft. Teil 3: Der Drang nach Osten, München 1987, Minerva)

Die noch folgenden Vorträge aus der Reihe "Planung in Polen im Nationalsozialismus" finden jeweils statt von 18 bis 20 Uhr in der HdK, Hardenbergstrasse 33, Raum 310 statt:

5. 12.1989: Bruno Wasser, Die Umsetzung des Generalplan Ost im Distrikt Lublin
12.12.1989: Wolfgang Wippermann, Der deutsche Drang nach Osten.
16.01.1990: Ceslav Madajczyk, Der Generalplan Ost.
06.02.1990: J.-F. Geist, Der Hakenkreuzzug nach Osten.


Deutsche Forschungsgesellschaft forscht und versäumt:

Wissenschaftliche Genozidplanung und Verantwortung

Vom 19. bis 23. Juli soll es im Foyer des Hauptgebäudes (der Humboldt-Uni) einen Informationsstand zum Ausstellungs- und Forschungsprojekt »Vom Nobelpreis zum Generalplan Ost« geben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte von 1940 bis 1944 die wissenschaftliche Genozidplanung für mindestens 25 Millionen Zivilisten im Rahmen der Ostsiedlung mit umgerechnet mehr als fünf Millionen DM. Es geht um die Herstellung von Transparenz an der Uni auch mittels freundlicher und sachlicher Eingaben.

Der »Generalplan Ost« vom 28.05.1942.

Durch die Kontinentalhandelssperre während des Ersten Weltkrieges kam es besonders im Winter 1916/17 zu großen Versorgungsproblemen und Hunger in Deutschland. Diese Erfahrung führte in Verbindung mit dem nihilistischen Urpessimismus der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme Hitlers zur Forderung nach schneller Autarkie und neuem »Lebensraum im Osten«. Mitte der Dreißiger Jahre entstand das neue Fachgebiet »Raumplanung«. An den Universitäten wurde hierzu die interdisziplinäre »Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung« eingerichtet. Am 7.10.1939 wurde Diplomlandwirt Heinrich Himmler, Chef der »Schutzstaffel«, per Erlaß »Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums«. Himmler wiederum ernannte den einflußreichsten deutschen Agrarwissenschaftler und Dahlemer Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik, SS-Obersturmbannführer Prof. Dr. Meyer, zum Chef des Planungsamtes seines neuen Reichskommissariats. Durch Vorarbeit und Mitarbeit von deutschen Juristen, Humanmedizinern, Anthropologen, Geologen und Landschaftsplanern entstanden 1940 bis 1943 mehrere Versionen des »Generalplan Ost«1. Mehr als 95% der polnischen Menschen galten als rassisch unerwünscht und nicht eindeutschungsfähig, bei Tschechen, Slowenen und Franzosen lag dieser Prozentsatz bei 50%. Diese Personengruppe von mindestens 25 bis maximal 50 Mio Menschen sollte zu Zwangsarbeit verwandt oder in Hungerzonen abgeschoben werden. Die Errichtung eines der 36 geplanten »Siedlungsstützpunkte« wurde 1942/43 besonders im polnischen Distrikt Lublin vorangetrieben durch »Umsiedlung« von mehr als 100.000 polnischen Zivilisten und der vollständigen Vernichtung mehrerer Dörfer. Die Stadtbevölkerung von Leningrad sollte von 3,2 Mio sowjetischen Zivilisten (1939) auf 200.000 deutsche städtische Siedler(Bewohner) in 25 Jahren »verringert« werden. Am 28.5.1942 wurde mit Briefkopf des o.g. Instituts der Berliner Universität eine 64-seitige Fassung des GPO an Auftraggeber Himmler herausgegeben mit dem Untertitel: »Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus«. Die Kosten des »Aufbauwerks« waren mit umgerechnet über 600 Milliarden DM kalkuliert.

Der Freispruch im Nürnberger Prozeß 1948

Im sogenannten »Volkstumsprozeß«, Fall Nr. VIII, wurde besagter Institutsdirektor und Chef des Planungsamtes angeklagt. In den Anklagepunkten »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« und »Kriegsverbrechen« wurde er am 10.3.1948 überraschend freigesprochen. Seine Mitgliedschaft in der Schutzstaffel als anerkannte »verbrecherische Organisation« galt durch die knapp dreijährige Untersuchungshaft als verbüßt.

1948 war Deutschland stark zerstört, von den Alliierten besetzt und mußte zahlreiche Ost-Flüchtlinge integrieren. Es war weder die Kraft noch der gute Wille vorhanden, sich inhaltlich auf den Nürnberger Prozeß und eine ehrliche Reflexion einzulassen. Entscheidend für den Freispruch war jedoch der Einfluß der Alliierten, speziell der USA, die im einsetzenden »kalten Krieg« auf die Eliten »ihres« Deutschland zurückgreifen wollten. So wurde der Hauptteil der universitären Fassung des Generalplan Ost vom 28.5.1942 zurückgehalten und lediglich eine vierseitige Zusammenfassung zugelassen. Zahlreiche Wissenschaftler wurden »nicht angemessen« verfolgt. Die deutsche Wissenschaft - zumindest die vordergründig »unpolitischen« Disziplinen - erhielt durch das Nürnberger »Elfenbeinturm-Urteil« einen Quasi-Persilschein.

»Bei der Beurteilung der deutschen Planungswissenschaft im DRITTEN REICH durch den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1945/48 wurden zwei Trennungen vorgenommen, die einschneidende Auswirkungen auf das heutige Wissenschaftsverständnis haben:

  1. Die wissenschaftliche Tätigkeit wurde vom gesellschaftlichen und politischen Umfeld des Wissenschaftlers und den Institutionen und Organisationen, in denen er arbeitet, abgespalten.
  2. Die Forschung und ihre Ergebnisse wurden von der politischen Anwendung, für die der Wissenschaftler keine Verantwortung mehr zu tragen habe, getrennt.«

Zeitgeschichtliche Forschung in den 80ern und 90ern

Nach einer »Schocklähmung« wandten sich deutsche WissenschaftlerInnen sehr zögerlich zunächst der manifesten Barbarei des NS zu. Dann wurden organisatorische Strukturen beleuchtet. Jetzt erfolgt langsam die Rekonstruktion von Entscheidungsabläufen der planenden Intelligenz. Die lange als Black Box dienende, genauere Forschung verhindernde und darum sprichwörtliche »Irrationalität und Barbarei des Nationalsozialismus« entpuppte sich in den Studien Götz Alys als Alibi für eine große Gruppe meist junger, karrieristischer, bei aller rechten Gesinnung doch sehr wissenschaftlich-kühler Aufsteiger, die in größter Selbstverständlichkeit Rechnungen mit variablen »Volkszahlen« vornahmen. Der Blick der »Wissenschaft« auf ihr eigenes Verhältnis zum NS kann gwissermaßen erst in den Neunzigern erfolgen, nachdem die positivistische Wissenschaftsreligion der Elfenbeindoktrin löchrig wurde.

So wurde 1992 in Berlin endlich die Gedenkstätte »Haus der Wannseekonferenz« eröffnet. Seitdem nimmt man zur Kenntnis, daß von den 15 Teilnehmern der Wannsee-Konferenz zur »Endlösung der europäischen Judenfrage« am 20.1.1942 acht promovierte Akademiker waren, davon fünf Juristen. In den achtziger Jahren führte eine Inititative am Otto-Suhr-Institut der FU, Politikwissenschaft, zur Anbringung einer Außengedenktafel in der Ihnestraße 2, zur tragischen Geschichte des Hauses des 1927 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.

Ausstellungsprojekt »Vom Nobelpreis zum Generalplan Ost«

Ein vergleichbares, aber umfassenderes Projekt von der HUB aus zu initiieren, ist das Anliegen des Verfassers. Das riesige Thema GPO und NS-Agrargeschichte soll in einem umfassenden Ausstellungs- und Forschungsprojekt »Vom Nobelpreis zum Generalplan Ost« umrissen werden. Es könnte einmünden in eine Dauerausstellung an einem historischen Ort in Berlin mit Ausstellungseröffnung zum 60. Jahrestag der Herausgabe 28.Mai 1942/2002. Ein Schwerpunkt ist die erstmalige völkerrechtliche Analyse des GPO vom 28.5.42 und des »Generalsiedlungsplan« vom Herbst 1942. Da die Hauptverantwortlichen »wegen alliiertem Vorbehalt« durch die bundesdeutsche Justiz nicht verfolgt werden konnten3, ist eine Kooperation mit amerikanischen Wissenschaftseinrichtungen unerläßlich. Im zweiten Schwerpunkt Geschichtswissenschaft ist eine Kooperation mit den vom GPO betroffenen Ländern Frankreich, Slowenien, Tschechische Republik, Polen und Rußland sehr naheliegend und empfehlenswert. Im Bereich der Biographienforschung bleibt noch viel zu tun, zur Geschichte wichtiger Institutionen in Berlin (Reichsministerium für Ernährung, Wilhemstraße 64, Kolonialpolitisches Amt der NSDAP) sind noch viele Fragen offen - wie auch die Frage nach der Agrarideologie des NS.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) historisch und aktuell

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Untersuchung der Rolle der Institutionen der Wissenschaftsorganisation. Die deutsche Forschungsgemeinschaft hat beispielsweise zwischen 1940 und 1945 mindestens fünf Millionen DM für »planungswissenschaftliche Arbeiten« angewiesen. Diese Mittel wurden direkt an das SS-Planungsamt des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums angewiesen. Knapp die Hälfte der Mittel wurden in politisch-ideologischer Priorität dem Chef des Planungsamtes zur freien Verfügung gestellt. Die DFG war in dieser Zeit die Basis von Karrieren in der Wissenschaftsbürokratie in Richtung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des wichtigeren Reichsforschungsrats.

Anfang/Mitte der achtziger Jahre förderte die DFG erfreulicherweise ein Forschungsprojekt zur »Entwicklung der Landespflege im NS in den >eingegliederten Ostgebieten«<4. Symptomatisch für den Umgang der DFG mit der politischen Wissenschaftsgeschichte ist aber auch der Umstand, daß der Projekt-Abschlußbericht ohne Begründung aus der Förderung ausgenommen wurde.

Innerhalb der DFG ist die Erfassung der eigenen Geschichte bisher eher gehemmt verlaufen. Man beruft sich beispielsweise gern auf Studien wie die des Frankfurter Geschichtswissenschaftlers Prof. Hammerstein, die angeblich »Licht in einen dunklen Abschnitt der Geschichte der DFG« (1920-1945) bringen soll5. Die Studie von Hammerstein gibt einen guten chronologischen Überblick zur Wissenschaftspolitik, wichtigen Wissenschaftsfunktionären und Institutionen. Bezüglich der »Förderung verbrecherischer Forschung«6 führt diese Studie zwar konkrete Forschungsprojekte der Humanmedizin und Anthropologie auf, verschweigt aber vollständig den GPO. Vorliegende Forschungsergebnisse werden unbegründet mißachtet (z.B. Gröning 1987). Die direkten Anweisungen an das Volkstumsamt werden unterschlagen. Wichtige Studien aus Hamburg, Berlin und Warschau werden nicht genannt. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Genozidplanung im Rahmen des GPO muß man von mangelnder Transparenz sprechen.

Freundliche, sachliche Kurzeingaben

Während die internationale Menschenrechtsgerichtsbarkeit sich bis ins Fragwürdige ausbreitet, scheint es für deutsche ProfessorInnen noch immer schwer zu sein, die Nürnberger Doktrin des Elfenbeinturms zu hinterfragen und historische Fehler transparent zu machen. Es bleibt die Aufgabe und das Vorrecht der jungen Leute (Studis), kurz, freundlich, sachlich, mit vollem Absender und namentlicher Anrede Fragen zu stellen und keine Ruhe zu geben. Der zuständige Sachbearbeiter heißt Dr. Guido Lammers7.Weitere Informationen einschließlich der Rezension zu N. Hammerstein liegen am Infotisch vom 19.-23. Juli im Foyer des Hauptgebäudes aus. Matthias Burchard Aus: Studentische Zeitung huch Nr. 25, Juli 1999 Seite 12-14

  1. Generalplan Ost mit GPO abgekürzt.
  2. Siehe Schleiermacher (Hg), Rössler: Der Generalplan Ost. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik. Berlin 1993, S. 362
  3. »Die Mitverantwortlichen konnten wegen des alliierten Vorbehalts zum späteren Zeitpunkt nicht erneut durch die bundesdeutsche Justiz verfolgt werden (Teil I Artikel 3 Abs. 3b des Überleitungsvertrages vom 30. März 1955).« Schriftliche Auskunft der Staatsanwaltschaft I bei dem Landgericht Berlin vom 15.12.1998, Oberstaatsanwalt Priestoph.
  4. An der Berliner Hochschule der Künste unter Leitung von Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn, siehe auch taz-Artikel »Wo die deutsche Seele wohnt« vom 27.11.1989 S. 21.
  5. Notker Hammerstein: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur. München 1999.
  6. ebd., S. 414 ff.
  7. Deutsche Forschungsgemeinschaft, Kennedyallee 40, 53170 BONN, Fax-Nr: 0228-8 85 27 77; E-mail: postmaster@dfg.d400.de; www http://www.dfg.de; Dr. G. Lammers, II A 6; Geschz.: 30 109; Durchwahl: 885-2295 oder 885-2233; E-Mail: angelika.stuebig@dfg.d400.de.

Das Reichsministerium für Ernährung

Götz Aly in der Berliner Zeitung November 1997

Der Standort des Holocaust-Mahnmals verlangt die Frage nach allen Opfern des Rassenkrieges.

S/W-Foto Die Bundesregierung hat den Initiatoren eines Mahnmals für die ermordeten Juden Europas schon vor einigen Jahren ein Grundstück geschenkt. Die Fläche knapp südlich des Brandenburger Tores gilt als "historisch wenig kontaminiert". Abgesehen davon, daß sich einschlägig "belasteter" Boden für ein Denkmal durchaus empfehlen kann, war die Annahme einer Neutralität des vorgesehenen Ortes unvorsichtig. Es handelt sich um einen Teil des Grundstücks, auf dem einst das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft stand. Neben dem Reichsssicherheitshauptamt wurde 1941 gerade hier Völkermord geplant und gefordert.

Allerdings nicht der, dem das Denkmal gewidmet sein wird. "Zweck des Rußlandfeldzuges", so sagte Himmler weniger Tage vor dem Beginn des Überfalls, "ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen". Kurz zuvor hatte er sich mit dem Mann besprochen, unter dessen Federführung die Begründung für diesen Mordplan ausgearbeitet worden war: mit Herbert Backe, dem Staatssekretär und eigentlichen Chef des Ernährungsministeriums in der Wilhelmstraße 72.

Hunger der Russen

In den Richtlinien, die er als Dienstdrucksache in einer Auflage von 2000 Stück jedem deutschen Landwirtschaftsführer - also den Backe unterstellten Fachleuten für den Raub von Getreide, Fleisch und Fett - im juni 1941 mit auf den Weg nach Osten gab, wurde eindringlich erklärt, wie sich die Deutschen an der zu besetzenden Sowjetunion "gesundstoßen" wollten: "Viele Millionen Menschen werden in den Industriestädten im Norden überflüssig und werden sterben", heißt es da, und ermahnend hämmerte Backe seinen Leuten ein: "Versuche, die Bevölkerung dort vor dem Hungertod dadurch zu retten, daß man aus der (ukrainischen) Schwarzerdezone Überschüsse heranzieht, können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Durchhaltemöglichkeit Deutschlands, sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas im Kriege. Darüber muß absolute Klarheit herrschen." Diese Strategie galt "auch für die ferne Friedenszukunft Deutschlands". Kriegsziel blieb bis 1944, die Sowjetunion auf Dauer zu entindustrialisieren, sie auf den ökonomischen Status von 1905 zurückzuwerfen und zum "Ergänzungsraum" für Rohstoffe, besonders für Getreide zu machen. Für eine seiner Vorsprachen bei Hitler notierte sich Backe: "Raumenge-Volksdezimierung".

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber das westlich der Sowjetunion gelegene Europa war in den dreißiger Jahren darauf angewiesen, den vollständigen Lebensmittelbedarf für 30 Millionen Menschen aus Übersee zu importieren. Infolge der Verwüstungen des Krieges, des Mangels an Maschinen, Transportmitteln und Dünger mußte die Ernährungslücke im Krieg noch wachsen. Wie schon im Ersten Weltkrieg erwies sich die britische Seeblockade auch im Zweiten als äußerst wirksam. Im Mai 1941 mußten die Lebensmittelzuteilungen für Deutsche erstmals fühlbar gesenkt werden. Backe hatte das bereits im Januar prognostiziert; Goebbels befürchtete "Stimmungseinbrüche". Eben deshalb forderten die Verantwortlichen im Reichsernährungsministerium "ein Absterben sowohl der Industrie wie auch eines großen Teils der Menschen" in den besetzten Ostgebieten. Sie entwarfen einen Plan, den Göring so populär machte: "Wenn in diesem Krieg gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere". Und genau so erinnern es die Älteren noch heute, die mit einem anklagenden Unterton bemerken, daß man im Krieg nicht gehungert habe, wohl aber in der Zeit danach.

Zur reichlichen Ernährung des deutschen Schwerarbeiters, der werdenden Mutter, des privilegierten arischen Säuglings und des sogenannten Normalverbrauchers, sollte die Abriegelung des agrarischen Südens der Sowjetunion vom industriellen Norden erreicht werden. Daher der schnelle Vorstoß der Heeresgruppe Süd, der mit der Eroberung von Saratow, Stalingrad und Astrachan seinen vorläufigen Abschluß gefunden hätte - und dort scheiterte. "Die Ukraine und dann das Wolgabecken werden einmal die Kornkammern Europas sein", monologisierte Hitler. Rosenberg, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, meinte in seiner Rede am Vorabend des Krieges: "Die deutsche Volksernährung steht in diesem Jahr zweifellos an der Spitze der deutschen Forderungen im Osten. Wir sehen durchaus nicht die Verpflichtung ein, das russische Volk mitzuernähren. Wir wissen, daß das eine harte Notwendigkeit ist, die außerhalb jeden Gefühls steht."

Getreide den Deutschen

S/W-Foto Völlige Einigkeit herrschte in der deutschen Führung darin, die sowjetischen Großstädte durch Hungerblockaden aussterben zu lassen. "Ihre Einschließung ist vorteilhafter", wie Göring sich ausdrückte und gleichzeitig hoffte, daß binnen kürzester Zeit "20 bis 30 Millionen Menschen in Rußland verhungern". Der oberste Ernährungsexperte der Wehrmacht schrieb in sein Tagebuch: "Wir werden uns auch künftig nicht mit der Forderung nach einer Kapitulation Leningrads belasten. Es muß durch eine wissenschaftlich begründete Methode vernichtet werden." Ende November notierte der Hamburger Bürgermeister, der sich für die Schiffe und den Hafen der eingeschlossenen Stadt interessierte: "Man nimmt an, daß der größte Teil der Menschen in Leningrad, ca. 51/2 Mio, verhungern wird." Im Juli 1941 unterhielt man sich im Oberkommando der Heeresgruppe Mitte darüber, daß in einem "Brandstreifen" um Moskau 30 Millionen Menschen mittels einer organisierten Hungersnot umgebracht werden sollten. Der ostpreußische Gauleiter Erich Koch, einer der widerwärtigsten Nazi-Füher überhaupt, lehnte gleichzeitig den Posten des Reichskommissars für das Moskauer Gebiet ab, weil dies "eine gänzlich negative Aufgabe" sein.

Dieses wie das folgende Dokument breitet der Berliner Historiker Christian Gerlach in einer noch unveröffentlichten Arbeit aus: An den Rand eines mehr pragmatisch orientierten Gutachtens über die wirtschaftliche Zukunft Weißrußlands, das 1941 die Verschleppung von einer Million junger Arbeitskräfte nach Deutschland vorsah, setzte einer der wichtigsten Berater Backes die Bemerkung: "soll sterben!" und fügte hinzu, daß in dieser Region erstens die gesamte Stadtbevölkerung und die Hälfte der Landbevölkerung umkommen müsse. Von den 9,2 Millionen Einwohnern, die Weißrußland zu Anfang des Krieges zählte, währen das genau zwei Drittel gewesen. Tatsächlich haben die Deutschen in diesem relativ kleinen Land bis 1944 etwa 700.000 sowjetische Kriegsgefangene umgebracht und mehr als 500.000 Juden, 340.000 Bauern und 100.000 Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen.

Diese Geschichte des einstigen Reichsernährungsministeriums schließt selbstverständlich nicht aus, genau dort ein Mahnmal für die sechs Millionen ermordeter Juden zu errichten. Zumal es auch hier deutliche Beziehungen zu Herbert Backe und seinen Ministerialbeamten im Ernährungsministerium gibt. Hier wurden früh die besonderen Lebensmittelkarten für Juden erfunden, die schon bald zu Hungerrationen wurden. Immer wieder drängten die Fachleute aus dem Ernährungsministerium darauf, den ghettoisierten Juden die Lebensmittelzuteilungen faktisch zu streichen. Sie kalkulierten die "Endlösung der Judenfrage" in ihre regelmäßigen Kriegsernährungsbilanzen ein, noch bevor die Opfer wirklich tot waren.

Die Logik der Selektion

Auch am prinzipiellen Antisemitismus des Herbert Backe, der sich 1948 nach einer Konfrontation mit Robert Kempner im Nürnberger Gefängnis erhängte, besteht kein Zweifel: "Judentum muß in Europa ausgerottet werden", schrieb er 1943 während eines Staatsbesuchs in Italien (offensichtlich für seine Art von Tischreden) auf die Rückseite einer Menüekarte. Weiter steht dort: "Undankbare Arbeit übernommen - Judenproblem muß gelöst werden - genauso Osten. Wir müssen kommenden Geschlechtern die Arbeit erleichtern."

Nach dem ausdrücklichen Willen des Bauherrn soll das geplante Denkmal auf dem Gelände des einstigen Reichsernährungsministeriums allein den ermordeten Juden Europas gelten - nicht den damals sogenannten Zigeunern, die in Chelmno, Belgrad, Treblinka und Auschwitz im gleichen Gas wie die Juden starben, die in den besetzten Teilen der Sowjetunion in diesselben Massengräber sanken; auch nicht den deutschen Geisteskranken, denen die ersten Gaskammern galten; auch nicht den sowjetischen Kommissaren, die gemeinsam mit allen erkennbaren jüdischen Soldaten der Roten Armee und allen Soldaten "mit asiatischem Einschlag" sofort nach der Gefangennahme der Sonderbehandlung" anheimfielen. Das Denkmal gilt nicht den Millionen "slawischer Untermenschen", die vorsätzlich zu Tode gehungert, als "Banditen" erhängt, mit ihren Dörfern niedergebrannt oder in Zwangsarbeitslagern, so wörtlich: verschrottet wurden.

Es gibt gute Argumente dafür, den Versuch zur schnellen und eben vollständigen Ausrottung aller elf Millionen europäischer Juden hervorzuheben. Er steht einzig da in der Hölle rassistischer Vernichtungspolitik, die im absoluten Bösen doch unterschiedliche Schrecken bereithielt und die für keine Gruppe so aussichtslos war wie für die Juden. Selbst die Vernichtung der osteuropäischen Zigeuner beruhte am Ende auf Selektion, von 1942 an wurde befohlen, die seßhaften unter ihnen nicht besonders zu verfolgen. Dennoch bleibt die Frage, warum im Gedenken an die Politik des Massenmordes jene "rassischen" Kriterien gelten sollen, nach denen die deutschen Herren damals ihre Opfer differenzierten?

Die Logik des Gräberfeldes

Die vier jetzt zur Diskussion gestellten Entwürfe sind insgesamt merkwürdig abstrakt, sie vermeiden das Wort. Vielleicht provozieren sie Fragen, Antworten geben sie nicht. Der vielfach favorisierte Vorschlag von Serra und Eisenman erinnert an ein Gräberfeld. An den jüdischen Friedhof in Prag, wird gesagt, genauso gut aber an den Pisjarjow-Friedhof in Leningrad/St. Petersburg. Dort liegen mehr als 600.000 Opfer des deutschen Rassenkrieges begraben.


Der 7. Oktober 1939
Zum Beitrag der Geschichtswissenschaft und der ns-Agrarideologie zur Besatzung Polens

(Artikelentwurf für HUMBOLDT Nr. 1 99/2000)

Vor 60 Jahren begann mit dem Krieg gegen Polen der II. Weltkrieg. Im "Unternehmen Tannenberg" noch während des Krieges gegen Polen gingen 2700 Mann einer mobilen Einsatzgruppe mit Massenerschießungen gegen Geistliche, politische Führer und Juden vor. In der bis zum 20.11.1939 laufenden "Intelligenz-Aktion" wurden in Zusammenarbeit mit volksdeutschen Milizen rund 60.000 Ärzte, Anwälte, Beamte, Lehrer, ehemalige Offiziere und einflußreiche Kaufleute erschossen. Diese Fakten sind überwiegend bekannt. Im folgenden sol es kurz um die wissenschaftliche Ideengeschichte und institutionelle Kooperation gehen, die schließlich 1942 zum "Generalplan Ost" führte.

Theodor Schieders Polendenkschrift vom 7. Oktober 1939: In der preußischen und reichsdeutschen Polenpolitik wurde lange eine boden- und kulturpolitische Assimilation angestrebt mit besonderer Förderung des deutschen Sprachunterrichts. Nach dem "Versailler Friedensdiktat" 1919 sammlten Archivwissenschaftler und Historiker im Geheimen Staatsarchiv Dahlem und der angelehnten "Publikationsstelle Dahlem" statistisches Material zu Volkstums- und Siedlungsfragen Mittel- und Osteuropas. 1929/30 entstand zum gleichen Zweck die Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft. Im September 1939 regte diese eine Denkschrift über die bevölkerungs- und siedlungspolitische Behandlung Polens an. Der fünfseitige erste Entwurf Schieders vom 7.10.39 stand unter dem neuen Primat völkischer und rassischer Dissimilation: Die wiedergewonnenen Gebiete sollten geschlossen deutsch besiedelt werden. Für die restlichen Gebiete schlug Schieder die Bildung von "Volkstumsbrücken" und verschieden prioritärer Siedlungszonen, die "Entjudung" polnischer Städte, die Verhinderung der Entwicklung einer neuen polnischen Führungschicht sowie die Massenemigration abgewanderter Polen nach Übersee vor. Die Revisionsforderungen des Versailler Vertrages waren damit grundsätzlich und weit überschritten.

Erlaß vom 7. Oktober 1939 zur Bildung des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums. Hitlers Geheimerlaß vom 7.10. beauftragte den Reichsführer der Schutzstaffel, Diplomlandwirt Heinrich Himmler mit der Rückführung von Reichs- und Volksdeutschen aus dem Ausland, der Gestaltung neuer Siedlungsgebiete und der "Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solchen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten". Himmler ernannte den damals einflußreichsten deutschen Agrarwissenschaftler und Mitbegründer des Fachgebietes Raumforschung, Professor Dr. Konrad Meyer, zu seinem Planungschef. Meyer war Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Universität in Dahlem. Die von Meyer geleitete Planungshauptabteilung des neuen Reichskommissariats, gleichfalls in Dahlem, konnte sich im polykratischen Kompetenzwirrwar des Dritten Reiches durchsetzen. In Siedlungsfragen errang sie Weisungskompetenz gegenüber zwei Ministerien und dem Reichsnährstand.

Der tiefgründige Rassismus der Schutzstaffel bot dem kleinen Stab von jungen Landschaftsplanern, Juristen, Geographen u.a. die unwiderstehliche Versuchung, technisch-instrumentelle Planungsmethoden idealtypisch anzuwenden. Am 28.05.1942 wurde im Universitätsinstitut, im Oktober im Planungsamt jeweils eine Version des "Generalplan Ost" fertiggestellt. Er regelte Rechtsfragen, kalkulierte die "Aufbaukosten" (67-144 Mrd. Reichsmark), den germanischen Siedlerbedarf (5,7-12,4 Mio)und stellte den Prozentanteil bzw. die Gesamtzahl der "nichteindeutschungsfähigen" und somit rassisch unerwünschten Menschen zusammen (je nach Nationalität 50-99%, gesamt mindestens 25 Mio). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte diese "planungswissenschaftlichen Arbeiten" mit mindestens 510.000 Reichsmark (prozentual knapp zwei Prozent ihres Jahresetats).

Im Mai 2002 steht der 60. Jahrestag der Herausgabe des "Generalplan Ost" an. Die Fragen lauten hierzu: Besteht eine Verpflichtung zu Transparenz und zusammenhängender Offenlegung dieser weitgehend unbekannten Planungen? Wie gehen wir grundsätzlich mit Überlegenheit (und Unterlegenheit) um? Wie können soziale Verantwortung, Ethik und Menschenwürde in der Wissenschaft künftig gesichert werden?


Anhang zum 7.10.1939: Theodor Schieder: Wolfgang Schieder, Sohn von Theodor Schieder, will die Historiker nicht als "Vordenker der Vernichtung" stehen lassen und bezeichnet sie lieber als "Mitdenker", die sich zur aktiven Politikberatung haben heranziehen lassen. Das vollständige Interview wie auch solche mit Imanuel Geiss, Helga Grebing, Wolfgang Mommensen, Reinhold Rürup, Michael Stürmer, Hans-Heinrich Wehler und Heinrich-August Winkler wurden unter dem Titel "Fragen, die nicht gestellt werden! Oder gab es ein Schweigegelübde der zweiten Generation?" auf H-Soz-u-Kult veröffentlicht, einem geschichtswissenschaftlichen Internet-Magazin. Siehe auch Studentenzeitung UnAufgefordert der Humboldt-Uni vom Oktober 1999 Seite 25/26


Beispiele für bestehende Gedenktafeln

Ihnestraße 22, Berlin-Dahlem, Otto-Suhr-Institut der Freien Universität (Politikwissenschaften; Anbringung Anfang der achtziger Jahre ?)

[Bild der Gedenktafel (Osi)]

In diesem Gebäude befand sich von 1927 - 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Menschliche Erblehre und Eugenik.

Die Direktoren Eugen Fischer (1927-1942) und Otmar v. Verschuer (1942-1945) lieferten mit ihren Mitarbeitern wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates.

Als Ausbilder von SS-Ärzten und Erbgesundheitsrichtern, durch Gutachten für Abstammungsnachweise und Zwangssterilisationen leisteten sie einen aktiven Beitrag zur Selektion und Mord.

Die vom Reichsforschungsrat gewilligten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Zwillingsforschungen des Schülers und persönlichen Mitarbeiters von v. Verschuer, Joseph Mengele, im KZ Auschwitz wurden in diesem Gebäude geplant und durch Untersuchungen an Organen selektierter und ermordeter Häftlinge unterstützt.

Diese Verbrechen bleiben ungesühnt. Von Verschuer war Professor für Genetik bis 1965 in Münster.

Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten.


Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin-Dahlem, Thielallee 88-92, 14195 Berlin, Gedenktafel in der neuen Bibliothek innen (1995):

[Bild der Gedenktafel für Sinti u. Roma]

ZUM GEDENKEN
AN DIE OPFER DES VÖLKERMORDES
AN DEN SINTI UND ROMA

AUF DIESEM GELÄNDE, IN EINEM NICHT MEHR
VORANDENEN GEBÄUDE DES EHEMALIGEN
REICHSGESUNDHElDSAMTES, BEFANDEN SICH DIE
"RASSENHYGIENISCHEN UND BEVÖLKERUNGS-
BIOLOGISCHE FORSCHUNGSSTELLE", DIE AN
DER VORBEREITUNG DES PLANMÄSSIGEN
VÖLKERMORDES DER NATIONALSOZIALISTEN
AN DEN SINTI UND ROMA MITWIRKTE.

Metall-Gedenktafel an der Stiftskirche in Tübingen; (erste Gedenktafel der "Universitätsstadt Tübingen" von 1983 wies auf jüdische Mitbürger hin)

Sinti und Roma wurden
in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet
Viele wurden zwangssterilisiert und verfolgt
Tübinger waren unter den Verfolgten
und Ermordeten.
Angehörige der Universität waren
unter den Vordenkern des Rassenwahns.
Einwohner unserer Stadt gehörten
zu den Tätern.
1933 1945 1995


Das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg

Christian Gerlachs großes Werk über die Einheit der deutschen Wirtschafts- und Vernichtungspolitik im besetzten Weißrussland.
Von PD Dr. habil. Götz Aly, Berliner Zeitung, 12.10.99 Seite 13

Thema des gewaltigen Werkes von Christian Gerlach ist ein in der Literatur weithin missachtetes Land, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit Not, Hunger und Terror überzogen - die Weißrussische SSR. Nach nur 36 Monaten ihrer Herrschaft hatten deutsche Soldaten, Polizisten und Verwaltungsbeamte dort von den insgesamt zehn Millionen Landeseinwohnern 1,7 Millionen ermordet, darunter 500.000 Juden und 700.000 Gefangene der Roten Armee, und knapp 400.000 Menschen zur Zwangsarbeit verschleppt.

Und dennoch hatten die Mörder ihre ursprünglich beabsichtigte Vernichtungsquote nicht erreicht. Verhandelt wurde darüber nur mündlich, gleichwohl findet sich ein eindeutiges Dokument in einer landeskundlichen Geheimstudie über Weißrussland: Die Randnotizen des Berliner Professors für Agrarsoziologie Waldemar von Poletika, eines der wichtigsten Berater des Reichsernährungsministeriums. Zur statistischen Angabe "Stadtbevölkerung 2.000.000" notierte er im Juli 1941: "Verhungern!"; zur Angabe "Landbevölkerung: 8.600.000" schrieb er: "Verhungern zur Hälfte!" Daraus ergibt sich der angekündigte Masenmord an 6.300.000 Menschen.

Die Eroberer beabsichtigten die völlige Entindustrialisierung ("Industrierückbildung") des besetzten Landes, die Entstädterung, die militärische Verhinderung aller Getreidelieferungen aus der Ukraine in das davon abhängige Weißrussland und folglich die gewaltsame Entvölkerung mit Hilfe einer künstlich ausgelösten Hungersnot. So vermerkte ein deutscher Wehrwirtschaftsfunktionär, als der gedachte Blitzfeldzug längst ins Stocken geraten war: "Daß die Russen auch noch da sind, haben wir gar nicht bedacht. Nach Dienstanweisung sollten wir es ja nicht bedenken. Aber der Krieg hat einen anderen Verlauf genommen."

Das langfristige Kriegsziel bestand darin, die wirtschaftliche Ausrichtung der Ukraine "um 180 Grad zu drehen", sie als deutschen "Ergänzungsraum" zu nutzen. Diese Option scheiterte aus militärischen Gründen. Damit erledigte sich auch der Plan, Deuschland auf diese Weise zur Position des zentralen europäischen Getreideimporteurs zu verhelfen, um so, wie es ein Mitarbeiter Görings formulierte, die Kriegsschulden unter "Schonung des deutschen Steuerzahlers" zu tilgen. Aber Gerlach arbeitet einen kurzfristigen, sehr wohl realisierten Teil dieses Projekts heraus: "Es ist sehr wichtig zu verstehen, daß nicht die berühmten Getreidezüge aus der Ukraine nach Deutschland das Hauptziel des Hungerplans waren, sondern die sogenannte Ernährung der Wehrmacht aus dem Lande." Sie entlastete die deutsche Ernährungsbilanz um drei Millionen Männer, die die drei- bis vierfache Menge des (üppig versorgten) deutschen Normalverbrauchers zugeteilt bekamen. Deshalb sollten in Weißrussland alle Lebensmittel "frühzeitig abgeschöpft", also möglichst vollständig geplündert werden. Wie das geschah, berichtete der Gebietskommissar von Sluzk, Heinrich Carl: Bei den großen Vernichtungsaktionen seinen "manche Dörfer vom Erdboden verschwunden. Diese Aktionen haben sich so ausgewirkt, daß die Bauern freiwillig ablieferten." Mehr als gefordert, "sogar das Saatgetreide". Die 1,6 Millionen Mann starke Heeresgruppe Mitte verbrauchte täglich 1200 Rinder. Fast alle Soldaten schickten - Hitler förderte das persönlich - Lebensmittel nach Hause. ("Es gibt überall Butter, soviel man haben will"). Es ist kein Zufall, wenn der für diese Strategie verantwortliche Reichsernährungsminister Herbert Backe 1945 während der Kapitulationsverhandlungen einem britischen Offizier die düstere Frage stellte, ob sich die Besatzungsarmee "aus dem Lande ernähren" wolle. Restdeutschland konnte damals allenfalls 60% seiner Lebensmittel selbst produzieren.

So das Ergebnis Christian Gerlachs im Großen., Im Kleinen bereitet er auf mehr als tausend eng bedruckten, aus den Quellen glänzend belegten Seiten die Praxis des täglichen Ausbeutungs- und Vernichtungskrieges aus. So erschossen die Deutschen 55 Kinder eines weißrussischen Waisenhauses zur Schaffung eines deutschen Kindergartens. Über eine Massenerschießung nichtarbeitsfähiger Juden schrieb der 36-jährige Wiener Polizeisekretär Walter Mattner aus Mogilew: "Ich war also auch dabei bei dem großem Massensterben am vorgestrigen Tag. Säuglinge flogen durch die Luft und wir knallten sie schon im Fliegen ab." Im Brief eines Feldjustizinspektors heißt es: "Wenn wir das rückwärtigen Heeresgebiet von Juden, Partisanen und anderem Gesindel gereinigt haben, ziehen wir weiter, und uns folgt die zivile Verwaltung, um den Neuaufbau vorzunehmen." Im letzten halben Jahr ihres Schreckregiments betrieb die Geheime Feldpolizei einen wehrmachtseigenen Gaswagen bei Minsk. Den dafür verantwortlichen Offizier Heinz Riedel sprach das Landgericht Kiel 1974 mit der Begründung frei, "daß die Delinquenten keine erheblichen oder längeren körperlichen Leiden erdulden mußten".

Schon am achten Tag des Überfalls beschwerte sich der Kommandeur eines Panzerkorps, Joachim Lemelsen, der an einem Rest kriegsrechtlicher Gepflogenheiten erinnerte, über die Praxis, Rotarmisten, die sich ergaben, einfach niederzuschießen: "Das ist Mord!" Überall lägen Soldatenleichen, die ohne Waffen und mit erhobenen Händen eindeutig durch Kopfschüsse aus nächster Nähe erledigt worden sind. Diese Verbrechen aus den ersten Kriegstagen, die Gerlach unter anderem für das traditionsreiche Potsdamer IR 9 belegt, dem auch der Offizier Richard von Weizäcker angehörte, widerlegen die gern gehörte Behauptung, die Kriegsverbrechen deutscher Soldaten hätten erst mit der "fortschreitenden Verrohung" eingesetzt.

Dieses Vorgehen kennzeichnet die Praxis einiger Einheiten während des schnellen Bewegungskrieges. Bis zum 20. August 1941 hatte die Heeresgruppe Mitte etwa 800.000 Gefangene gemacht, weit weniger als erwartet. Ein gutes Jahr zuvor waren im Frankreichfeldzug 1,9 Millionen Soldaten in noch kürzerer Zeit in deusche Gefangenschaft geraten. Sie waren entsprechend der Haager Landkriegsordnung untergebracht und verpflegt worden. Aber in den Lagern der Heeresgruppe Mitte starben im Herbst 1941 täglich bis zu 2.000 Rotarmisten. Gerlach gelingt es, für den September eine entscheidende Zäsur herauszuarbeiten, nach der dieser Massenmord auf Grund zentraler Befehle noch beschleunigt wurde. Den Hintergrund bildeten die angespannte deutsche Ernährungslage und die Einsicht, den Krieg nicht vor dem Wintereinbruch beenden zu können.

Hermann Göring kündigte "das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg" an. Der für das Gefangenenwesen zuständige Generalquartiermeister des Heeres, Eduard Wagner, später beim 20. Juli 1944 dabei, beschwor am 13. November 1941 in Orscha sämtliche Führungsoffiziere der an der Ostfront eingesetzten Armeen: "Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern." Und General Thomas, Chef des Wirtschaftsrüstungsamtes, der am Ende ebenfalls zum 20. Juli fand, resümiete: "Die Intelligenz ist totgeschlagen, die Kommissare sind weg. Große Gebiete werden sich selbst überlassen bleiben (verhungern)." Der Generalquartiermeister, zuständig für das rückwärtige Heeresgebiet, war schon im März 1941 der Ansprechpartner des Reichssicherheitshauptamtes für die früh geplanten Massenmorde, Verbindungsoffiier zwischen Wagner und Heydrich war der Historiker Walter Bußmann. Sämtliche "Ereignismeldungen" der Einsatzgruppen gingen durch seine Hände. In der Festschrift für Andreas Hillgruber konnte er noch 1985 als "Zeitzeuge" seine Märchenstunde abhalten. Horst Müller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, würdigte Bußmann anlässlich seines Todes 1993 als einen "über jeden Zweifel erhabenen Demokraten", der "die Grenzen jeglicher Berührung konservativer Grundhaltung mit dem Extremismus" unmißverständlich und scharf gezogen habe.

Die Hauptabteilung Wirtschaft im Generalkommissariat Weißruthenien leitete Heinz Rudolph. Nach dem Krieg wurde er erst Sozialminister in Niedersachsen, dann Direktor der Abteilung Wirtschaft und Finanzen bei der Euratom, später bei der Division Business Management der OECD und schließlich Direktor der Bundesbehörde für Industrialisierung in Malaysia und Beiratsvorsitzender des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik an der Universität Bochum. Ende 1943 hatte er nach einem "Bandenkampfeinsatz" einem befreundeten Ministerialrat geschrieben: "Es schadet für die Männer der Ostverwaltung, besonders uns Wirtschaftlern, bestimmt nichts, wenn wir einmal den Federhalter mit der Maschinenpistole vertauschen." Insgesamt forderte die "Bandenbekämpfung" 350.000 Opfer in Weißrussland.

Im Vergleich mit den Studien von Hans Heinrich Wilhelm über die Einsatzgruppe A und er von Dieter Pohl über die Ermordung der Juden in Ostgaliziens hat Gerlachs Arbeit den Vorzug, dass sie die Politik des Massenmords nicht auf die SS reduziert, sondern sie in den Kontext der Wehrmacht und der zivilen Verwaltung stellt. Gerlach arbeitet die jeweiligen Vernichtungsinteressen heraus; er beschreibt die Wechselwirkungen zwischen den örtlichen und regionalen Funktionsträgern des Deutschen Reiches und gelangt zu dem Schluß: je niedriger die Handlungsebene, desto besser die Zusammenarbeit.

Das Buch wirkt sperrig, aber in seiner unbeirrten Wahrheitssuche ist es das beste und intensivste, das bislang über den deutschen Raub-, Rassen- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die osteuropäischen Juden vorgelegt wurde. Jeder auch nur unbestimmt interessierte Leser wird es schon nach wenigen Seiten nicht mehr weglegen. Christian Gerlach verdanken wir die zeithistorische Neuerscheinung des Jahres.

Bildunterschrift: Die Spur des deutschen Schienenwolfs. Die Befehle für den deutschen Rückzug aus Weißrussland lauteten zum Beispiel so: "Vor allem muss eine 40-km-Zone ostwärts der Panther-Stellung durch Kahlfraß möglichst in eine Wüste verwandelt werden." Oder auch so: "Soweit es möglich ist, sind auch Wälder durch Brand zu vernichten."


Braune Schatten auf grünem Grund: Das Verhältnis von Naturschutz und Nationalsozialismus

Tagungsbericht von Joachim Radkau, Bielefeld 2002


Über Jahrzehnte blieb das Thema Naturschutz und Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten unaufgearbeitet. Anfang Juli beschäftigte sich erstmals eine internationale Tagung in Berlin mit dem Naturschutz im NS-Staat und den Auswirkungen auf das Nachkriegsdeutschland.

1935 wurde im Ressort des "Reichsforstmeisters" Hermann Göring das "Reichsnaturschutzgesetz" verabschiedet. Mit dem Gesetz sahen sich viele Naturschützer damals am Ziel ihrer Wünsche, waren doch alle Versuche zur Verabschiedung eines solchen Gesetzes in der Weimarer Republik gescheitert. Handstreichartig hatte der passionierte Jäger Göring den bis dahin im Kultusministerium verankerten Naturschutz in das Reichsforstministerium geholt, nicht zuletzt wohl, um unter dem Deckmantel des Naturschutzes seinen Jagdgelüsten zu frönen. Welche Rolle spielte aber der Naturschutz im NS-Staat wirklich? Gab es eine "grüne" NS-Politik oder war der Naturschutz doch nur dürftiges Feigenblatt für die forcierte Industrialisierung und Aufrüstung, die mit gravierenden Eingriffen in Natur und Landschaft einher ging?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines dreitägigen Fachkongresses in Berlin, zu dem Anfang Juli die Stiftung Naturschutzgeschichte und die Bielefelder Historiker Joachim Radkau und Frank Uekötter eingeladen hatten. Sie wollten wissen, ob der NS-Naturschutz eine "Erblast im demokratischen Rechtsstaat" sei.

 

Besiegte Natur

Unbestreitbar wurde in der NS-Zeit die rechtliche Normierung des Naturschutzes vorangetrieben. Im Zuge der Zentralisierung zum "Führerstaat" schufen die Nazis erstmals ein nationales Gesetzeswerk zum Schutz von Natur. Dazu gehörte neben dem Tierschutzgesetz, dem Wasserverbandsgesetz, dem Reichsjagdgesetz und dem Gesetz gegen die Waldverwüstung vor allem das Reichsnaturschutzgesetz von 1935. Den Höhenflügen einiger Naturschützer in den ersten Jahren des NS-Regimes folgte aber bald die Ernüchterung. Als es an die "Wehrhaftmachung Deutschlands" ging, fungierte Natur allenfalls noch als grüne Verzierung oder als Tarnung - viele neue Industrieanlagen wurden direkt in Waldgebiete gebaut. Auch in der "Erzeugungsschlacht" zogen die Naturschützer, die trotz des eindrucksvollen Naturschutzgesetzes kaum auf Fachkräfte und Finanzen zurückgreifen konnten, rasch den Kürzeren. In Bezug auf den NS-Staat wäre es deshalb korrekter "von besiegter als von geschützter Natur" zu sprechen, meinte David Blackbourn von der Universität Havard. Auch Edeltraut Klüting vom Westfälischen Heimatbund kam zu dem Schluss, dass das Reichsnaturschutzgesetz im Zweifelsfall hinter konkurrierenden Ansprüchen der Wehrmacht, der Siedlungsflächenbeschaffung oder der Energiewirtschaft zurückstehen musste.

An den Komplex Reichsnaturschutzgesetz schloss sich eine Diskussion an, bei der die sonst üblichen Fronten vertauscht schienen. Gemeinhin sind es ja die Historiker, die die Verbindungen zum Nationalsozialismus kritisch hinterfragen, während die Fachexperten die Geschichte ihrer Arbeitsgebiete oder Vorgänger als "politisch neutral" oft verbissen verteidigen. Auf der Tagung war es gerade umgekehrt. Während Historiker auf dem Podium das Reichsnaturschutzgesetz durchaus positiv bewerteten, verwiesen Fachvertreter auf den nach ihrer Ansicht vielfach antidemokratischen Charakter der damals erlassenen Bestimmungen. Ob Gesetze ohne autoritäre Regelungen auskommen, sei an dieser Stelle dahingestellt. Bis heute unumstößlich im Bewusstsein des Naturschutzes scheinen allerdings einige andere "Erblasten" verankert zu sein. So verwies Hans-Jörg Küster auf die engen Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Pflanzensoziologie und der "standortgerechten" Bepflanzung der damaligen Autobahnen. Die Pflanzensoziologie, eine Methode, mit der man im Gelände Pflanzenbestände erfasst und charakterisiert, sei dazu genutzt worden, den Grad der "Natürlichkeit" einer bestimmten Vegetation festzulegen. Damit sei im Nationalsozialismus ein statischer Naturschutzbegriff geprägt worden, der offensichtlich bis heute seine Spuren hinterlassen habe. Warum wird z.B. die Verwendung "heimischer" Pflanzen im Naturschutz propagiert, der Einsatz "standortfremder" aber abgelehnt?

 

Wehrhafte Landschaften

Vielleicht, weil bis heute nicht im Bewusstsein ist, welch enge Verbindung Naturschutz, Landschaftspflege und -planung mit einigen Versatzstücken brauner Ideologie damals eingingen. Anschaulich beschrieb dies Klaus Fehn am Beispiel der nationalsozialistischen Raum- und Landschaftsplanung in den eroberten Ostgebieten. Dort sollten nicht nur "deutsche" Menschen angesiedelt und "nichtdeutsche" vertrieben werden, sondern gleichzeitig auch eine "deutsche" Kulturlandschaft geschaffen werden. Dass sich hinter dem Ziel, "gesunde", "saubere", "schöne" und "wehrhafte" Landschaften zu schaffen, ein unvorstellbares Maß an Völkerhetze und Völkermord verbarg, nahmen die Beteiligten billigend in Kauf: "Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in die Fratzen ihrer Herkommenslandschaften", schrieb Heinrich Wiebking-Jürgensmann 1942 in seinem Buch mit dem harmlos klingenden Titel "Landschaftsfibel". Die aktive Mittäterschaft ehemaliger Fachvertreter am "Generalplan-Ost" haben die Landschaftsarchitekten Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn - deren Fehlen auf der Tagung Verwunderung auslöste - in den 80er Jahren erstmals beschrieben.

Die Kollaboration von Landschaftsarchitekten und NS-Staat zeigte auch Thomas Zeller (University of Maryland) am Beispiel des "Reichslandschaftsanwaltes" Alwin Seifert. Mit der Berufung von Gartenarchitekten als Landschaftsanwälte beim Autobahnbau bekam der im Reichsforstministerium angesiedelte Naturschutz professionelle Konkurrenz. Diese begann nun die Themen Landschaftspflege und Naturschutz für sich zu beanspruchen. Zum Ende des "Dritten Reiches" hatten sich mit dem Naturschutz im Reichsforstministerium, den Landschaftsanwälten beim Autobahnbau und den Beteiligten am "Generalplan Ost" drei Zentren gebildet, deren Vertreter im Nachkriegsdeutschland die Weiterentwicklung der Fachgebiete Naturschutz und Landschaftsplanung prägten.

 

Kontinuität in Ost und West

Wie gingen Ost und West nach 1945 mit diesem Erbe um? Das Reichsnaturschutzgesetz galt nach 1945 im Westen Deutschlands fort und wurde erst 1976 durch das Bundesnaturschutzgesetz abgelöst. Eine offene Debatte, so Jens Ivo Engels (Universtät Freiburg), fand unter Naturschützern der Bundesrepublik auf Grund der personellen Kontinuität kaum statt. Ab den 70er Jahren habe der Naturschutz unter dem breiten Dach des Umweltschutzes, der in der Öffentlichkeit als neu, also historisch unbelastet galt, agiert. Andreas Dix (Universität Bonn) verwies in seinem Beitrag auf personelle und planerische Kontinuitäten am Beispiel der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone. Dass er dabei u.a. den Gartenarchitekten Georg Bela Pniower "planerisch" mit dem NS-Anhänger Wiebking-Jürgensmann auf eine Stufe stellte, war allerdings mehr als ärgerlich. Pniower, der 1952 den Westen Berlins verließ und an der Humboldt-Universität den Lehrstuhl für Garten- und Landeskultur aufbaute, war einer der wenigen in der DDR, der die NS-Verstrickungen des Naturschutzes thematisierte und die z.B. von Seifert und Wiebking-Jürgensmann vertretenen Rasseideologien angriff. Insgesamt blieben die Entwicklungen in der DDR leider während der Diskussionen weitgehend unbeachtet. Hier hätte bei genauerem Hinsehen festgestellt werden können, dass das "neue" DDR-Naturschutzgesetz von 1954 lediglich ein Aufguss des alten Reichsnaturschutzgesetzes von 1935 war: Pniower forderte damals bereits die Verabschiedung eines moderneren Umweltgesetzes. Er konnte sich gegen die Naturschützer, an deren Spitze der Botaniker und Pflanzensoziologe Hermann Meusel stand, aber nicht durchsetzen.

Ein haarsträubendes Beispiel für den Umgang mit deutscher Geschichte lieferte zum Schluss der Tagung Rüdiger Haufe von der Stiftung Weimarer Klassik. Im Juli 2001 wurde in Jena der 1945 zwangsaufgelöste "Bund der Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden" mit Unterstützung führender Landes- und Kommunalpolitiker wieder gegründet. Sein Vorläufer gehörte zu jenen konservativ-völkisch ausgerichteten Gruppierungen, die geistig gegen die Weimarer Republik mobil machten und sich nach 1933 willig in das NS-System einfügten. Für Exponenten dieses Bundes wie Julius Kober, der überzeugter NS-Anhänger gewesen sei, so Haufe, fänden inzwischen Gedenkwanderungen statt. Dass das Verdrängen von Geschichte kein probates Mittel ist, dürfte spätestens an dieser Stelle klargeworden sein. Insofern war die Tagung ein erfreulicher Auftakt, Licht in einige dunkle Abschnitte der deutschen Naturschutzgeschichte zu bringen. Regine Auster

 Kontakt: Prof. Joachim Radkau, Universität Bielefeld, Tel. 0521/8752853, www.joachim-radkau.de       

http://www.grueneliga-berlin.de/rabe_ralf/rabe_archiv_2002/10_11_2002/nationalsozialismus.html