Das Nest des Präsidenten

Horst Köhler wurde 1943 in Skierbieszów geboren, einem ostpolnischen Dorf, das die SS zum „Germanisierungslabor“ gemacht hatte. Die Union will keine Debatte um die Familiengeschichte ihres Kandidaten. Die Polen hingegen freuen sich über das Interesse an ihrem Schicksal. Ein Ortstermin.

Von Christoph von Marschall

Die Weite, die Birken, der Schnee. Mehr als knöchelhoch bedeckt er Mitte März noch die leicht gewellte Landschaft – als wolle er verhüllen, was darunter liegt: die bittere Geschichte dieser armen Gegend.

Auf der 880 Kilometer langen Reise von Berlin nach Ostpolen, kurz vor der ukrainischen Grenze, sind die Straßen allmählich schlechter, die Gehöfte kleiner und die Automodelle um einige Jahre älter geworden. „Polska B“ nennen die Polen die ländlichen Regionen im Osten des Landes.

Skierbieszów, das Dorf, in dem der mutmaßlich nächste Bundespräsident Horst Köhler 1943 geboren wurde, liegt in einer Senke, hat 1300 Einwohner – vor dem Krieg waren es 2000. Gesichtslose zweistöckige Wohnhäuser prägen das Bild, viele mit Flachdach, denen man die eingeschränkte Versorgungslage im Sozialismus ansieht. Vereinzelt stehen dazwischen noch wenige ZweizimmerHolzkaten aus groben Brettern, die mit Stroh oder Binsen und Mörtel verfugt und meist hellblau angestrichen sind. Am südlichen Ortsrand breitet sich ein Schilfgürtel aus.

Von der großen Vergangenheit – 1426 erstmals erwähnt, 1453 Stadtrechte, bald darauf Sitz der Bischöfe von Chelm – ist nicht viel geblieben. Auch von der schlimmen Zeit zwischen 1942 und 1944, als der Ort Schauplatz eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte war, ist nichts zu sehen: Generalplan Ost, Aktion Zamosc, „Sonderlaboratorium der SS“ – so der Titel der 1977 erschienenen Sammlung deutscher und polnischer Quellen des Historikers Czeslaw Madajczyk zu diesen Vorgängen.

Am 27. November 1942 wurde Skierbieszów morgens von der SS umstellt, alle polnischen Einwohner mussten binnen weniger Stunden ihre Häuser verlassen, um Platz für deutsche Siedler zu machen. Die Köhlers waren bis 1940 Bauern in Bessarabien, wurden aber ausgesiedelt, als Stalin die damals zu Rumänien zählende Region annektierte. Skierbieszów wurde in Heidenstein umbenannt, die Polen wurden in ein Sammellager nach Zamosc gebracht, in vier Klassen selektiert, in Arbeitslager geschickt oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland, auch in Berliner Rüstungsbetriebe. Viele kamen nach Auschwitz. Skierbieszów war der Probelauf für den Plan, durch massenhafte Bevölkerungsverschiebungen in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten einen deutschen Siedlungsgürtel vom Baltikum bis hinab zur Krim zu schaffen. Er sollte das Deutsche Reich vom „rassisch minderwertigen“ slawischen Raum trennen.

Die Erinnerungen der Großmutter

Horst Köhler kann nichts dafür, er hat die Gegend im unschuldigen Alter von weniger als zwei Jahren verlassen – verlassen müssen mit seinen Eltern und den sechs älteren Geschwistern, auf der Flucht vor der Roten Armee. Es war nur eine Station auf einem rund 15 Jahre langen Irrweg, der 1940 mit der Aussiedlung aus dem Dorf Rischkanowka in Bessarabien begann, im heutigen Moldawien; dorthin waren die Köhlers vermutlich aus Württemberg gekommen, als der russische Zar Alexander I. 1814 Siedler ins Land holte; Hitlers Völkerwanderung führte die Familie zwei Jahre lang durch Übergangslager für „Volksdeutsche“, dann nach Skierbieszów und von dort über Markkleeberg bei Leipzig schließlich in den Stuttgarter Raum, wo sie noch Mitte der 50er Jahre in Flüchtlingslagern lebte.

Und doch kann der Geburtsort zu einem Problem für Köhler werden. Das fürchten zumindest manche in der CDU-Parteizentrale, die den Kandidaten bis zur Wahl am 23. Mai in der Bundesversammlung vermarkten. Und das hoffen auf der Gegenseite einige, weil dann die Chancen ihrer Kandidatin Gesine Schwan steigen.

Äußerungen höchster Repräsentanten über die Verbrechen des Dritten Reichs werden auf die Goldwaage gelegt. Ein CDU-Bundestagspräsident, Philipp Jenninger, ist darüber gestolpert – und ein CDU-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten: Steffen Heitmann. Wenn Horst Köhler etwas Anfechtbares über seinen Geburtsort Skierbieszów, das Sonderlaboratorium der SS, sagt, dann könnte daraus ein Fall Heitmann werden.

Wie also geht man mit diesem Thema um: geboren im Germanisierungslabor der SS? Am besten gar nicht – denken viele in der Parteizentrale; sie wollen, dass der Kandidat unbeschadet den 23. Mai erreicht und alle Stimmen von CDU/CSU und FDP erhält. So eine Aufregung in den Medien wie nach Köhlers unvorsichtigen Sympathiebekundungen für eine Kanzlerin Merkel möchten sie kein zweites Mal erleben.

Eine Debatte über die Familiengeschichte der Köhlers ist schwer kalkulierbar. Waren sie Opfer der Diktatoren Hitler und Stalin oder kleine Mittäter, weil der Vater sich in Skierbieszów zum Werkzeug der SS-Umsiedlungspolitik machen ließ? Rasch wäre man zudem bei einer der hochemotionalen Streitfragen des letzten Jahres, in der Liberale und Christdemokraten nicht einer Meinung sind: dem Zentrum gegen Vertreibungen, das Erika Steinbach, CDU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), in Berlin plant.

In Köhlers Geburtsort Skierbieszów ist die düstere Zeit noch lebendig, auch in der jüngeren Generation. Marcin Barton, der älteste Sohn des Bürgermeisters, hat 1999, in seinem Abiturjahr, mit einer Arbeit über „Anordnung Nr. 17 c. Die Räumung des Dorfes Skierbieszów“ einen Preis im landesweiten polnischen Schülergeschichtswettbewerb gewonnen. Er hat die Erinnerungen seiner Großmutter und anderer Überlebender an die Vertreibung aufgeschrieben. Und, ein Zufall, wie ihn nur das Leben schreibt: Der Aufsatz liegt in einem Sammelband mit Arbeiten aus dem deutschen Schülergeschichtswettbewerb des Bundespräsidenten inzwischen, leicht gekürzt, auf Deutsch vor: „Grenzerfahrungen. Jugendliche erforschen deutsch-polnische Geschichte“, herausgegeben von Alicja Wancerz-Glusa.

Die polnische Buchausgabe hat der zurückhaltende junge Mann, der die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden hat, erst vor wenigen Tagen bekommen. Inzwischen studiert er im dritten Jahr Mathematik in Lublin: „Geschichte hat mich immer interessiert, aber mit Informatik habe ich bessere Chancen.“ Wie er jetzt neben seiner Großmutter steht und über ihre Schulter schaut auf die Fotos des Urgroßvaters und des Großonkels Waclaw, die er nie kennen gelernt hat, weil sie in Auschwitz umkamen, da ist nicht zu übersehen, dass diese Geschichte noch lange nicht vergangen ist. Die Dimension des Verbrechens macht auch die Enkel und Urenkel noch fassungslos. „Das war der Versuch, unsere Dorfgemeinschaft für immer zu eliminieren.“

Marcin Bartons Großmutter Wanda war damals neun Jahre alt: „Zu uns kamen sie um fünf Uhr früh, drei Mann. Auf Deutsch haben sie uns befohlen, das Haus sofort zu verlassen. Wir verstanden nichts. Vater holte die Wodkaflasche und goss drei Gläser ein, aber sie wollten nicht. Erst als er selbst getrunken hatte, tranken sie auch. Und dann stellte sich heraus, dass einer Polnisch sprach. Wir hätten nur wenige Minuten und dürften nur mitnehmen, was wir tragen können.“ Alle Bewohner wurden auf den Platz vor der Schule gescheucht und mit Fuhrwerken ins Sammellager Zamosc gebracht – über Seitenwege. Denn auf der Hauptstraße kamen bereits die deutschen Neusiedler, die in die eben erst geräumten Häuser einzogen.

4067 Polen wurden binnen weniger Tage aus den 18 Dörfern ausgesiedelt, die zur Gemeinde Skierbieszów zählen. Und nun wurde auch klar, warum die SS bereits im August 1942 einmal alle Einwohner zusammengetrieben und nach vier Gruppen selektiert hatte. Personen mit nordischen Gesichtszügen sollten zur Rassenuntersuchung nach Litzmannstadt (Lodz) gebracht und auf „Eindeutschungsfähigkeit“ überprüft werden. Arbeitsfähige Personen zwischen 14 und 60 kamen zur Zwangsarbeit ins Reich; Kinder und Alte wurden in so genannte Rentendörfer im Generalgouvernement verfrachtet; die vierte Gruppe umfasste arbeitsunfähige, kriminelle und „rassisch minderwertige“ Personen, darunter auch die Juden, die in Konzentrationslager kamen. Diese Pläne hatte der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in der Anordnung Nr. 17 c am 12. November 1942 zusammengefasst.

„Mein Vater und zwei Brüder wurden mit einem roten Stift notiert“, erzählt Großmutter Wanda. „Ich, Mutter und mein jüngster Bruder mit einem schwarzen. Die nach Berlin sollten, mit Lila. Und die im Dorf als Knechte blieben, in noch einer anderen Farbe.“ Von Marcin Bartons Familie großmütterlicherseits, den Kropornickis, überlebten den Krieg nur Wanda, ihre Mutter und der zweite Bruder. Er wog 40 Kilo, als er aus Auschwitz heimkam.

Und wo lebten die Köhlers? Was wurde aus den Polen, die zuvor auf dem Hof wohnten? Da wird man zu Janina Smusz geschickt, einer knochigen, resoluten 78-Jährigen mit kurzen grauen Haaren. Nicht dass sie die Köhlers persönlich gekannt habe, sie ist ja „mit 16 abgehauen, wir ahnten doch, dass wir vertrieben werden“. Aber sie will gehört haben, dass „die Köhlers immer anständig mit den Polen umgegangen“ sind. Das Haus, in das die Köhlers kamen, gehörte dem Bruder ihres Vaters, Józef Weclawik. „Es war eines der größten im Ort, mit einem schönen Garten, der Onkel war wohlhabend, wir haben dort gerne gespielt.“

Kalligrafierte Glückwünsche

Das Grundstück Zamojskastraße 18 liegt an der Hauptstraße, wenige 100 Meter östlich des Ortseingangs; dort geht sie in die Landstraße über, die nach Süden abknickt, die Steigung hinauf Richtung Zamosc; von dort kamen damals die Fuhrwerke mit den Neusiedlern. Das hölzerne Wohnhaus stand gleich vorne, parallel zur Straße; heute ist dort eine Brache. Zusammen mit zwei Wirtschaftsgebäuden rechts und links sowie der Scheune auf der gegenüberliegenden Längsseite umschloss es einen viereckigen Innenhof, in dem der Nutzgarten, Bienenstöcke und der Ziehbrunnen Platz fanden. In einer Ecke war der Eingang zum Erdkeller; der ist noch zu sehen, ebenso der Brunnen und die Scheune.

Heute steht ein zweistöckiges Wohnhaus im hinteren Teil des Grundstücks. Stanislaw Adamczuk hat es gebaut, nachdem er das Anwesen vor rund 20 Jahren von einem überlebenden Sohn des Vorkriegsbesitzers gekauft hatte. Mittlerweile lebt dort Adamczuks Tochter Elzbieta Morloch mit ihrem Mann und zwei Kindern. Sie ist Lehrerin in Skierbieszów, er Polizist in Zamosc. „Wir würden uns freuen, wenn Herr Köhler zu Besuch käme“, sagt Stanislaw Adamczuk.

Ob die Bartons oder die Familie von Janina Smusz: Die Schicksale sind ähnlich, nur die Hälfte der Angehörigen hat den Krieg überlebt. Auch ihr Vater und Bruder sind im Konzentrationslager umgekommen, ein anderer Bruder floh und schloss sich dem Widerstand der Armia Krajowa (Heimatarmee) an. Der Mann, dem das Haus der Köhlers gehörte, ist wenige Monate nach der SS-Aktion gestorben – „im Ghetto“, wie Janina Smusz den Nachbarort Zawoda nennt, in dem die Polen zusammengepfercht wurden, die als Knechte der Deutschen bleiben sollten. Sein Grab ist auf dem Friedhof von Skierbieszów zu finden. Dagegen kein einziges aus der deutschen Zeit – was Bürgermeister Mieczyslaw Barton wundert. „Was haben die mit ihren Toten gemacht?“ Auch Geburtsurkunden aus den Jahren fehlen. „Ob sie die bei der Flucht 1944 mitgenommen haben?“ Die katholische Kirche musste in der Heidenstein-Zeit als Getreidespeicher herhalten.

14 Jahre ist der 46-Jährige jetzt schon Bürgermeister, seit der ersten Kommunalwahl nach der Wende. 1985 war er inhaftiert, weil er aus seinen Sympathien für die Solidarnosc keinen Hehl machte; seine Frau war damals im achten Monat schwanger. Jetzt vergeht kaum ein Tag, an dem nicht polnische und auch immer mehr deutsche Medien bei ihm anrufen. „Ist Skierbieszów ein Nest für Präsidenten?“, fragt die Lokalzeitung „Dziennik Wschodni“. Ignacy Moscicki, von 1926 bis 1939 Polens Präsident, ist hier aufgewachsen; ihm verdankt der Ort den Bau der Schule und der Straße nach Zamosc. Und nun soll Horst Köhler, der hier geboren wurde, Bundespräsident werden.

Man könnte in seiner Biografie eine Chance sehen, den Deutschen das Schicksal einer einfachen Familie vorzuführen, die zum Spielball der Diktatoren Hitler und Stalin wurde. Und deren Geschichte klar macht, was ein ehrliches Zentrum gegen Vertreibungen zeigen müsste: dass die gewaltsamen Umsiedlungen nicht erst 1945 begannen und die Deutschen die Täter waren, ehe sie selbst zu Opfern wurden.

In Wochenmagazinen und im Fernsehen werden wir mit Bildern des Dritten Reiches und Hitler-Porträts überfüttert, auch jetzt kurz vor dem 60. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944. Aber wer kennt die Zusammenhänge, die die Köhlers und die Polen von Skierbieszów zueinander bringen? Im Interview mit dem „Tagesspiegel am Sonntag“ hat Horst Köhler auf die Frage, ob er sich als Vertriebener sehe, gesagt: „Nein. Vertrieben wurden meine Eltern. Ich bin als knapp zweijähriges Kind sozusagen geflohen worden.“

Polens größte Zeitung „Gazeta Wyborcza“ interviewt in ihrer aktuellen Regionalausgabe für das Lubliner Gebiet Zygmunt Mankowski, den Autor des Standardwerks „Miedzy Wisla a Bugiem 1939-44“ (Zwischen Weichsel und Bug 1939-44). 31 der 72 in Skierbieszów angesiedelten Familien seien wie die Köhlers aus Bessarabien gekommen. Mankowski sieht in ihnen eher Opfer der Politik Hitlers als Täter. Sie waren Wein- und Maisanbau gewohnt; wer klug war, hörte auf den Rat der polnischen Knechte, wie man unter den ganz anderen Klima- und Bodenverhältnissen wirtschaftet und spielte sich nicht als befehlender Herrenmensch auf. Und dann war da die ständige Gefahr durch Partisanenangriffe – ein Trauma für seine Mutter, wie Horst Köhler erzählt.

Als „Geschenk des Führers“ haben wohl die wenigsten Volksdeutschen die Zwangsansiedlung in Ostpolen empfunden; sie wollten „heim ins Reich“. Das haben auch Bürgermeister Barton und Janina Smusz früher schon gehört, als noch mehr Zeitzeugen lebten. Viele Deutsche hätten bei der Ankunft „Tränen in den Augen“ gehabt, als sie merkten, wie sie zu den Höfen gekommen waren.

Aber es erstaunt den Bürgermeister, dass zwei von drei deutschen Journalisten vor allem nach dem Schicksal der Juden fragen – als wüssten sie nicht, dass in Auschwitz Hunderttausende nicht-jüdische Polen umgekommen sind. „Es gab hier in der Gegend auch Schtetl mit 70 Prozent Juden und mehr. In Skierbieszów waren es aber nur fünf Prozent.“ Janina Smusz sagt: „Es war unsere Jugend, unsere Familie, die die Deutschen uns genommen haben.“ Was nicht heiße, dass sie gegen Versöhnung sei.

Die Gemeinde ist ja irgendwie auch stolz, dass Horst Köhler von hier stammt. Gratuliert haben sie ihm, als er 2000 zum Direktor des Internationalen Währungsfonds gewählt wurde: in kalligrafischer Schrift auf dem offiziellen Briefbogen mit dem Gemeindewappen, einem Schwert zwischen zwei Mondsicheln. Und er hat sich nach zwei Wochen bedankt, auf Englisch.

„Eine große Ehre wäre es, wenn der Bundespräsident käme“, sagt Mieczyslaw Barton. Und hat die kleine Hoffnung, dass dann eine Partnerschaft mit einer Gemeinde im Kreis Schwäbisch Hall zustande kommt. Um die bemüht er sich schon lange. Wo der Herr Köhler doch nur 60 Kilometer entfernt aufgewachsen ist, in Backnang und Ludwigsburg.

Berliner Tagespiegel, 20. März 2004