Beispiele inspirierender Zivilcourage (im Gesundheitswesen) aus dem Barnim

 

- der Verwaltungsleiter der Hoffnungsthaler Anstalt Lobetal bei Bernau, Paul Braune (1887-1954)
   Dokument: Denkschrift für A. Hitler vom 9.7.1940: "Planmäßige Verlegung der Insassen von Heil- und Pflegeanstalten", von P. Braune
   

- der Krankenpfleger Franz Schmidt (1885-1944)
   Ansicht des Ehrengrabs in Schildow

- der Psychiater Dr. med. Eugen Wa(u)schkuhn: geb. 1883, Oberarzt der Heil- und Pflegeanstalt Buch, welcher in den zwanziger Jahren schriftlich das Programm zur Euthanasie scharf kritisierte

- das Handwerker-Ehepaar Minna und Rudolf Siegert

 


Ortschronik von Schildow (Titel? Erscheinungsjahr?)
Seite 196-197:
Tod unterm Fallbeil der Nazis

Franz Schmidt: Asyl für Illegale: Saefkow-Gruppe und Männer des "20. Juli"

In den Nachkriegsjahren erhielten die Schildower Schule und auch die daran vorbeiführende Straße den Namen eines Mannes, der sechs Jahre, von 1938 bis zu seinem Tode, Schildower Einwohner war. Die Straße heißt immer noch so. 1980 erhielt Schildow ein neues Schulhaus. An der ehemaligen Schule, Baujahr 1936, hängt eine Tafel mit folgendem Text:

Franz Schmidt

28.2.1885 – 30.10.1944

als Widerstandskämpfer von den Faschisten
in Brandenburg/Havel ermordet

Geboren wurde Franz Schmidt in Luckenwalde. Dort, in der kleinen Gastwirtschaft seines Vaters, eines SPD-Mannes, knüpfte er als Siebzehnjähriger Kontakte zur organisierten Arbeiterschaft an, die der junge Friseurgeselle auf der Wanderschaft durch Deutschland und die Schweiz vertiefte. Im ersten Weltkrieg wurde er eingezogen. Sein Einsatz, als Sanitäter bei schwerverwundeten Soldaten, die "lediglich zusammengeflickt wurden, um sie wieder für den Heldentod brauchbar zu machen", verdeutlichte ihm den Widersinn militärischen Massenmordens. Bei Kriegsende von seinen Kameraden in den Arbeiter- und Soldatenrat berufen, kämpfte er in den Reihen der Leuna-Arbeiter. 1919 trat er der KPD bei; für seine Beteiligung an der Abwehr des Kapp-Putsches wurde er von der Polizei gejagt.

Mitte der zwanziger Jahre kam er nach Berlin. Im Sanitätsdienst hatte er seine wahre Berufung erkannt, er machte sein Examen als Krankenpfleger. Franz Schmidt arbeitete u.a. im Moabiter Krankenhaus, im Virchow-Krankenhaus und in den Bucher Krankenanstalten, wo ihn die Kollegen wegen seines Eintretens für ihre Belange in den Angestelltenrat wählten. 1933 wurde er entlassen, als er sich weigerte, seine Genossen an die Nazis zu verraten; wieder mußte er zeitweilig untertauchen bzw. sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, wenn ihm "wegen staatsfeindlicher Betätigung" die Arbeitslosenunterstützung verweigert wurde. Er arbeitete 1936 als Heilgehilfe der AEG Turbine Moabit, später in einer "Technischen Vorschule", die Lehrlinge als Bodenpersonal für die Luftwaffe ausbildete. Selbst hier nutzte er jede Gelegenheit, um junge Menschen zum kritischen Denken anzuregen, ihnen die Augen über den Nationalsozialismus zu öffnen.

1938 war er nach Schildow gezogen. Seine Wohnung wurde zum Asyl für untergetauchte Funktionäre der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe und zu einer Verbindungsstelle zwischen Widerstandsorganisationen. Die Gruppe hatte auch zu den Männern des "20. Juli" Kontakt; Franz Jacob und der 1945 ebenfalls hingerichtete Pädagoge Theo Neubauer lernten den Mut und die Gastfreundschaft von Erna und Franz Schmidt kennen.

Durch eingeschleuste Gestapo-Spitzel flog der Treffpunkt im Juli 1944 auf; eine Welle von Verhaftungen erfaßte alle führenden Mitglieder der Saefkow-Gruppe, auch das Ehepaar Schmidt und den ebenfalls in Schildow wohnenden Kampfgefährten Paul Richter. Im September verhängte der "Volksgerichtshof" die Todesurteile über die Angehörigen der Saefkow-Gruppe. Franz Schmidt starb am 30. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg durch das Fallbeil. Paul Richter wurde ebenfalls hingerichtet. Erna Schmidt hat überlebt und sich nach dem Krieg in der Frauenorganisation für viele örtliche Belange eingesetzt.

S.M.

(Die Informationen wurden entnommen aus "Erinnerungen an Franz Schmidt" von Aenne Saefkow, veröffentlicht in der Betriebszeitung der Bucher Krankenanstalten "Der Pulsschlag" Nr. 4/5 1958, die von Dr. Göbner zur Verfügung gestellt wurden)